Jubelfeiern in Nordkorea Extra-Bier zum Tag des leuchtenden Sterns

In Nordkorea wird gefeiert. Das Regime begeht mit großem Pomp den 70. Geburtstag des verstorbenen "Geliebten Führers" Kim Jong Il. So will sich sein junger Nachfolger als Wohltäter profilieren. Im Interview erklärt Ostasien-Experte Rüdiger Frank, wie stabil das Regime noch ist.


SPIEGEL ONLINE: Nordkorea feiert den 70. Geburtstag des im Dezember verstorbenen Machthabers Kim Jong Il. Wie pompös werden die Feiern zu Ehren des Diktators?

Frank: Es ist einiger Aufwand zu erwarten. Der 16. Februar ist einer der bedeutendsten Feiertage des Landes, das war schon zu Lebzeiten von Kim Jong Il so. Dieses Mal ist das Ereignis besonders wichtig für seinen Sohn Kim Jong Un, die Menschen sollen sich mit ihm, dem neuen Führer, identifizieren. So gesehen sind die Feiern eine Investition in die Stabilität Nordkoreas: je schöner, je größer sie ausfallen, desto besser. Meistens gibt es Lebensmittel, zum Beispiel Bier extra, das erwarten die Menschen zu solch einem Ehrentag.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Geburtstag trägt den Titel "Tag des leuchtenden Sterns". Warum?

Frank: Das gehört zum Mythos rund um Kim Jong Il. In seiner offiziellen Biografie steht, dass er am 16. Februar 1942 am Fuße des Vulkans Paektu geboren ist. Nach seiner Geburt soll dort ein Stern am Himmel erschienen sein.

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Gedenken an den "Geliebten Führer": Nordkorea feiert Kim Jong Il
SPIEGEL ONLINE: Sie waren selbst beim 50. Ehrentag von Kim Jong Il in Pjöngjang dabei. Was haben Sie da erlebt?

Frank: Ich war damals als Auslandsstudent in Nordkorea. Die Feier fand in einer riesigen Sporthalle statt, mit großem Kulturprogramm. Nicht vergessen werde ich den Auftritt des damaligen libyschen Botschafters, der nicht sehr schön, aber sehr laut ein Lied zu Ehren des Machthabers gesungen hat - auf Arabisch. Im Refrain tauchte immer wieder Kim Jong Il, Kim Jong Il auf, offensichtlich ein Lobgesang. Der Jubilar ertrug es stoisch.

SPIEGEL ONLINE: Was macht diesen postumen Feiertag so besonders?

Frank: Dieser Ehrentag wird deutlich pompöser ausfallen als die vergangenen. Er wird dazu genutzt werden, Kim Jong Il auf das Podest neben seinen Vater Kim Il Sung , laut Verfassung der "Ewige Präsident", zu stellen. Das zeigt sich auch daran, dass der Leichnam von Kim Jong Il neben dem seines Vaters aufgebahrt wurde. Die beiden sollen eine Einheit bilden - wie Gott, Vater und Sohn.

SPIEGEL ONLINE: Deren Enkel und Sohn Kim Jong Un führt nun in dritter Generation Nordkorea, hat er wirklich die Kontrolle über das Land?

Frank: So ein großes Land mit 24 Millionen Menschen kann er nicht alleine regieren. Das konnte auch schon sein Vater nicht. Außerdem ist er viel zu unerfahren mit seinen 29 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Kim Jong Un eine Marionette, wie sein abtrünniger Bruder Kim Jong Nam im Exil spottet?

Frank: Das wissen wir nicht. Doch Kim Jong Un hat in der Tat schlechte Karten. Er ist nicht von seinem Vater zum offiziellen Nachfolger ernannt worden. Das hat er vielleicht irgendwann mal vorgehabt, aber er ist vor seinem Tod nicht mehr dazu gekommen. Das erste Mal, als der Begriff Nachfolger fiel, war am 19. Dezember in dem Nachruf für Kim Jong Il. Unterzeichnet wurde der vom Zentralkomitee der Partei. Damit hat sie sich als Königsmacher betätigt. Ideologisch verfolgt die Führung in Pjöngjang in der Hilflosigkeit den Weg, den sie kennt: Sie setzt auf Kontinuität, frisiert und kleidet den neuen Führer Kim Jong Un bewusst wie seinen Großvater.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Rolle spielt das Militär?

Frank: Die Armee ist keine eigenständige politische Kraft in Nordkorea. Ich weiß, damit widerspreche ich dem immer wieder transportierten Bild 'Partei versus Militär'. Es macht aber überhaupt keinen Sinn, denn in beiden Institutionen sind die gleichen Gruppierungen vertreten. Die wirkliche Macht liegt woanders.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist das in Nordkorea?

Frank: Das sind wenige Familien: die von Kim Il Sung natürlich und die Familien der 50 Getreuen, der ehemaligen anti-japanischen Partisanen. Sie sind 1945 mit ihm aus der Mandschurei nach Nordkorea zurückgekehrt. Die Familien sind alle sehr gut vernetzt, zum Teil untereinander verheiratet, und haben ihre Leute in allen Positionen des Landes. Natürlich gibt es da auch Rivalitäten. Diese muss Kim Jong Un geschickt nutzen, ohne das Land zu zerreißen. Vor allem muss er zeigen, dass er zu Recht oben an der Spitze steht. Es reicht nicht aus, dass er der Enkel vom großen Führer Kim Il Sung ist, er muss wirtschaftliche Erfolge generieren, damit die Elite ihre Privilegien behält und das Volk eine Verbesserung spürt.

SPIEGEL ONLINE: Wie will er das anstellen? Seinem Land geht es wirtschaftlich schlecht.

Frank: Das Potential ist enorm, es müsste nur endlich mal genutzt werden. Vielleicht schafft Kim Jong Un das ja. Nach den ersten Wochen scheint ziemlich klar zu sein, dass sein Thema die ökonomische Entwicklung des Landes ist. Dafür gibt es eine Reihe von Anhaltspunkten, zum Beispiel neue Gesetze zur Förderung von ausländischen Direktinvestitionen oder Propagandaslogans. Er will als Führer die Herzen der Menschen dadurch gewinnen, dass er ihre Lebensbedingungen verbessert. Dabei ist natürlich wichtig, dass ihn China weiter unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Wird Kim Jong Un sein Land dafür öffnen?

Frank: Kann er das? Sie kennen die Redensart "Operation gelungen, Patient tot". Es nützt Kim Jong Un nichts, wenn er Wirtschaftswachstum um den Preis eines Zusammenbruchs seines Regimes erreicht. Sein Idealbild ist die chinesische Lösung für Nordkorea: Er behält das Einparteiensystem und die absolute staatliche Kontrolle bei und schafft es, die Wirtschaft effizienter zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat Kim Jong Un Zeit, sich zu beweisen?

Frank: Nicht viel, vielleicht ein Jahr. Das eigentliche Problem liegt eine Ebene unter ihm - in der zweiten Reihe. Die wird die Gunst der Stunde nutzen, um ihren Einfluss auszubauen. Es ist völlig unklar, ob Kim Jong Un diese Machtkämpfe wird im Zaum halten können oder aber hinter dem Vorhang ein Bürgerkrieg entsteht, der das Land destabilisieren könnte. Eine geregelte Übergabe seines Vaters an ihn hat ja nicht stattgefunden.

Das Interview führte Christina Hebel

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rofltehcat 16.02.2012
1. Auslandsstudent in Nordkorea?
Ich dachte Nordkorea lässt kaum Ausländer ins Land bzw. dann nur in sehr begrenztem Rahmen? Klar muss das nicht immer so gewesen sein, aber vor 20 jahren war der kommunistische Block bereits zerfallen. Wie konnte er dann als Gaststudent in Nordkorea verweilen? Dies soll nicht falsch verstanden werden. Ich möchte lediglich verstehen, ob und warum die Umstände sich seitdem derart verändert haben. Der eiserne Vorhang war ja damals schon weg. Wäre nett, wenn mir (noch zu jung um sich an den eisernen Vorhang zu erinnern) das jemand erklären könnte.
rainer_daeschler 16.02.2012
2.
Zitat von rofltehcatIch dachte Nordkorea lässt kaum Ausländer ins Land bzw. dann nur in sehr begrenztem Rahmen? Klar muss das nicht immer so gewesen sein, aber vor 20 jahren war der kommunistische Block bereits zerfallen. Wie konnte er dann als Gaststudent in Nordkorea verweilen? Dies soll nicht falsch verstanden werden. Ich möchte lediglich verstehen, ob und warum die Umstände sich seitdem derart verändert haben. Der eiserne Vorhang war ja damals schon weg. Wäre nett, wenn mir (noch zu jung um sich an den eisernen Vorhang zu erinnern) das jemand erklären könnte.
Die Koreanistik-Studenten der Humboldt-Universität konnten ihre Auslandssemester an der Kim Il-sung Universität in Pjöngjang absolvieren. Frei herumlaufen konnten sie dort allerdings nicht und bekamen sogar einen Aufpasser dazu gestellt, wenn sie nur jemanden in einer anderen Fakultät aufsuchen wollten. Das Austauschprogramm wurde offensichtlich auch nach dem Mauerfall noch für eine Weile aufrecht erhalten. Rüdiger Frank hatte an der Humboldt in Berlin studiert.
robert.haube 16.02.2012
3. Westen aufwachen !
Rüdiger Frank ist voll zuzustimmen, wenn er das gewaltige wirtschaftliche Potential Nordkoreas anspricht. Im Westen praktisch unbekannt ist, dass die nördliche Gebirgskette einen immensen Schatz an wertvollen Rohstoffen birgt, stärker noch als z.B. in Chile oder Peru. Und völlig unbemerkt von westlichen Medien treibt China ein Investitionsprogramm in der nordkoreanischen Rohstoff-Gewinnung voran in Höhe vom 10 Milliarden US$. Hinzu kommen noch Investitionen in Infrastruktur, Energie-Erzeugung und zwei Sonderwirtschafts-Zonen an der Chinesisch-Nordkoreanischen Grenze. Indien ist auch schon aktiv vor Ort mit Wirtschaftsdelegationen. Nur der Westen schläft mal wieder.
r_frank 16.02.2012
4.
Zitat von rofltehcatIch dachte Nordkorea lässt kaum Ausländer ins Land bzw. dann nur in sehr begrenztem Rahmen? Klar muss das nicht immer so gewesen sein, aber vor 20 jahren war der kommunistische Block bereits zerfallen. Wie konnte er dann als Gaststudent in Nordkorea verweilen? Dies soll nicht falsch verstanden werden. Ich möchte lediglich verstehen, ob und warum die Umstände sich seitdem derart verändert haben. Der eiserne Vorhang war ja damals schon weg. Wäre nett, wenn mir (noch zu jung um sich an den eisernen Vorhang zu erinnern) das jemand erklären könnte.
In der Tat, das war auf Basis des alten Austauschabkommens zwischen Humboldt-Uni und Kim-Il-Sung-Uni, der gemäß Einigungsvertrag (Rechtsnachfolge) gültig blieb. Gefördert wurde der Aufenthalt vom DAAD. Wir waren sechs deutsche Studenten dort, für ein Semester. Einen permanenten Aufpasser haben wir übrigens nicht bekommen, jedenfalls keinen sichtbaren. Wir konnten uns innerhalb von PY relativ frei bewegen. Allerdings sind wir als Europäer dort aufgefallen wie ein bunter Hund.
rainer_daeschler 16.02.2012
5.
Zitat von r_frankIn der Tat, das war auf Basis des alten Austauschabkommens zwischen Humboldt-Uni und Kim-Il-Sung-Uni, der gemäß Einigungsvertrag (Rechtsnachfolge) gültig blieb. Gefördert wurde der Aufenthalt vom DAAD. Wir waren sechs deutsche Studenten dort, für ein Semester. Einen permanenten Aufpasser haben wir übrigens nicht bekommen, jedenfalls keinen sichtbaren. Wir konnten uns innerhalb von PY relativ frei bewegen. Allerdings sind wir als Europäer dort aufgefallen wie ein bunter Hund.
Zu DDR-Zeiten muss es restriktiver gewesen sein, das wussten Studenten der Humboldt zu berichten, die vor dem Mauerfall dort studierten.
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