Juden in Wien "Wir lehnen jeden Kontakt zur FPÖ ab"

Juden in Österreich fühlen sich bedroht - durch muslimischen Antisemitismus und durch die rechtspopulistische FPÖ. Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, beschreibt die schwierige Lage.

Protest gegen Antisemitismus in Wien mit Deutsch (2012)
REUTERS

Protest gegen Antisemitismus in Wien mit Deutsch (2012)

Ein Interview von


In kaum einer anderen europäischen Stadt gibt es solch eine lebendige jüdische Szene wie in Wien. Koschere Supermärkte und Restaurants, kulturelle Veranstaltungen, Synagogen - "wir haben hier eine sehr gute jüdische Infrastruktur", sagt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

Und doch stehen die Juden in Österreich zunehmend von zwei Seiten unter Druck: Der Antisemitismus, der von muslimischen Zuwanderern ausgehe, habe zugenommen, sagt Deutsch. Aber auch das Erstarken von Rechtspopulisten und die Tatsache, dass sie in Österreich nun mitregieren, bereite ihm Sorge.

Zur Person
  • Ouriel Morgensztern
    Oskar Deutsch wurde am 25. April 1963 in Wien geboren. Der Unternehmer und Buchautor ist Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, der jüdischen Gemeinde der Stadt mit etwa 8000 Mitgliedern. Damit repräsentiert sie nahezu das komplette Judentum in Österreich.

SPIEGEL ONLINE traf Deutsch in seinem Büro in der Wiener Innenstadt. Die Straße ist von der Polizei gesichert, am Eingang werden Besucher wie am Flughafen kontrolliert. 1981 fand hier ein Terroranschlag statt, bei dem zwei Menschen getötet und 21 weitere verletzt wurden. Die Tat wird palästinensischen Terroristen zugerechnet.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

SPIEGEL ONLINE: Herr Deutsch, hat der Antisemitismus in Österreich durch die Ankunft von Flüchtlingen aus islamischen Ländern zugenommen?

Oskar Deutsch: Jein, der Antisemitismus ist seit der Einwanderungswelle nach Österreich stärker gestiegen, das muss aber nicht mit Flüchtlingen zusammenhängen. Wie in vielen Ländern Europas nimmt der Antisemitismus generell spürbar zu. Die Zahl der Übergriffe ist in den zurückliegenden drei, vier Jahren stetig gestiegen. 2014 wurden 255 antisemitische Vorfälle registriert, 2016 waren es 477. Aber wir können nicht in jedem Fall sagen, ob es ein Antisemitismus von der politisch rechten oder von der islamischen Seite ist. Zusätzlich gibt es auch noch einen linken Antisemitismus, der sich in Parolen wie "Tod dem Staat Israel" äußert.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Antisemitismus ein Ausmaß angenommen, dass Juden darüber nachdenken, sich in Sicherheit bringen zu müssen?

Deutsch: In Gesprächen mit Gemeindemitgliedern ist der steigende Antisemitismus ein Thema. Und es stellt sich auch immer wieder die Frage: Müssen wir jetzt die Koffer packen? Aber noch sind sie nicht gepackt.

SPIEGEL ONLINE: Seit Dezember regiert in Österreich die FPÖ mit. Sie haben zum Regierungsantritt gesagt, es könne "niemals Normalität werden, dass eine rechtspopulistische bis rechtsextreme Partei in Regierungsverantwortung gelangt". Und nun?

Deutsch: Es gab ja bereits im Jahr 2000 eine Regierung aus ÖVP und FPÖ. Damals gab es in ganz Europa einen Aufschrei, auch in der österreichischen Zivilgesellschaft. Man war empört, es gab Proteste. Heute ist das nicht der Fall, und das ist sehr problematisch. Die sozialdemokratische SPÖ hatte ja erklärt, dass sie in die Opposition geht. Die konservative ÖVP hätte nur eine Minderheitsregierung bilden können oder eben ein Bündnis mit der FPÖ eingehen. Ich habe keinen Zweifel, dass diese Regierung demokratisch und verfassungskonform zustande gekommen ist. Aber es ist auch unser demokratisches Recht, jeden Kontakt zu FPÖ-Ministern abzulehnen. Das hat der Kultusrat der Israelitischen Kultusgemeinde Wien einstimmig beschlossen. Darüber bin ich sehr froh.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht besser, das Gespräch zu suchen?

Deutsch: Gespräche sind immer gut, aber man muss schon wissen, mit wem man sich an einen Tisch setzt. Vertreter der FPÖ hatten immer wieder Kontakte in die Neonazi-Szene, sie hatten Schwierigkeiten, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, sie haben Stimmung gegen Menschen anderer Kulturen und Religionen gemacht. Die FPÖ unterstützt das rechtsextreme und zum Teil revisionistische Magazin "Aula", in dem Holocaustüberlebende als "Landplage" und als "kriminell" diffamiert werden. Etwa 40 Prozent der FPÖ-Abgeordneten sind deutschnationale Burschenschafter. Es gibt viele Gründe, diese Leute zu meiden.

SPIEGEL ONLINE: Was müssten FPÖ-Politiker tun, damit Sie doch das Gespräch suchen?

Deutsch: Auch die SPÖ und die ÖVP haben dunkle Flecken in ihrer Geschichte. Aber sie haben ihre Vergangenheit aufgearbeitet, sind proeuropäisch und klar antifaschistische Parteien. Bei der FPÖ ist das nicht der Fall. Die österreichischen Deutschnationalen waren Vordenker des politischen Antisemitismus, viele waren Naziverbrecher, und bis heute trauern ihre Brüder im Geiste dieser Zeit nach. Damit ist sie keine normale Partei, wir können mit ihr nicht zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Die FPÖ bemüht sich derzeit aber sehr um freundliche Signale den Juden gegenüber. Den Antisemitismus durch Muslime beklagt sie besonders laut. Empfinden Sie das als Versuch, ihr altes antijüdisches Feindbild auszutauschen gegen eine antiislamische Haltung?

Deutsch: Ja, aber wenn man ausländerfeindlich ist, in diesem Fall in erster Linie gegen Muslime, wenn man menschenverachtend ist, wie kann man dann scheinbar positive Äußerungen der FPÖ gegenüber Juden ernst nehmen? Heute sind's die Muslime, morgen sind es andere Minderheiten. Da kann eine jüdische Gemeinde nicht mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Teilen Sie die Kritik der FPÖ an den Muslimen denn inhaltlich?

Deutsch: Nein. Es gibt nicht "die Muslime", so wie es auch nicht "die Juden" gibt. Kein Mensch wird als Antisemit geboren, auch die Flüchtlinge nicht, die zu uns nach Europa gekommen sind. Antisemitismus und Antizionismus wurden ihnen in jüngsten Jahren in ihren Ländern eingetrichtert. Dann lesen sie in ihrer Heimat Zeitungen und hören Politiker reden, auf diese Weise kommen noch ein paar Kilogramm Antisemitismus hinzu. Wenn sie jetzt nach Europa kommen, muss ihnen klar und deutlich vermittelt werden: Antisemitismus ist ein No-Go, es ist verpönt. Natürlich betrifft das nicht alle Muslime, aber es ist schon so, dass der muslimische Judenhass die derzeit unmittelbarste Form des Antisemitismus ist. Die FPÖ behauptet, die Ausländer, die Muslime seien furchtbar und müssten wieder weg oder dürften erst gar nicht ins Land kommen. Dem widerspreche ich.

SPIEGEL ONLINE: US-Präsident Donald Trump hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Was hat das in Wien bewirkt?

Deutsch: Die FPÖ hat Trumps Ankündigung gelobt, aber dann hat Österreich in der Uno in dieser Sache gegen Trump und gegen Jerusalem gestimmt. Da sieht man, wie wenig der FPÖ zu trauen ist. Dass Jerusalem Israels Hauptstadt ist, haben übrigens auch schon andere US-Präsidenten geäußert, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama. Nur weil Trump es nun auch formal beschließt - und ich bin wirklich kein Fan von ihm -, muss es ja nicht falsch sein. In Wien gab es Demonstrationen dagegen. Leider wurden dabei Grenzen überschritten, denn da wurde auf Arabisch und Persisch "Schlachtet die Juden" und ähnliches gerufen. Jeder hat das Recht zu demonstrieren, aber Aufrufe zur Gewalt und die Verbreitung von Hass darf niemand tolerieren.

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