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Jürgen Todenhöfer in der Kritik: Liebesbriefe nach Damaskus

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Jürgen Todenhöfer ist bekannt für seine Berichte aus dem Nahen Osten. Nun werden E-Mails öffentlich, die er an eine Vertraute von Baschar al-Assad geschrieben hat. Darin lobt der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete den Diktator in vollen Zügen.

Der Publizist und Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer sorgte zuletzt mit seiner zehntätigen Reise zum "Islamischen Staat" für Aufsehen. Nun erhebt die libanesische Nachrichtenseite "Now News" schwere Vorwürfe: Um ein Interview mit Syriens Präsident Baschar al-Assad zu bekommen, habe er sich über jedes professionelle Maß hinaus angebiedert. Statt wie ein Journalist habe er sich wie ein Freund des Diktators geriert. Der britisch-libanesischen Journalistin Hala Jaber macht "Now News" ähnliche Vorwürfe.

"Now News" hat E-Mails veröffentlich, die Todenhöfer zwischen Dezember 2011 und Januar 2012 an Sheherazad Jaafari schrieb. Die damals etwa 21-Jährige galt als Vermittlerin zwischen westlichen Journalisten und Assad. Sie hatte einen guten Draht zu Syriens Regime, denn sie ist die Tochter des Assad-Vertrauten und Uno-Botschafter von Syrien Bashar Jaafari.

Todenhöfer bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE die Authentizität der E-Mails. Er versuchte damals, ein Fernsehinterview mit dem Diktator zu bekommen. Zu dem Gespräch kam es am 5. Juli 2012. Es wurde vom Assad-treuen syrischen Staatsfernsehen aufgezeichnet und von der ARD ein paar Tage später ausgestrahlt.

Jürgen Todenhöfer: Er lobte Assad als Hoffnung für Syrien Zur Großansicht
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Jürgen Todenhöfer: Er lobte Assad als Hoffnung für Syrien

"Liebe Prinzessin des Nahen Ostens"

"Liebe Prinzessin des Nahen Ostens", schrieb Todenhöfer an Sheherazad Jaafari am 6. Dezember 2011. "Lass uns aus Syrien den demokratischen Vorreiter der arabischen Welt machen, und ich werde jede freie Minute verbringen in diesem faszinierendsten Land mit der faszinierendsten Prinzessin."

"Er [Assad, Anm. der Red.] ist der einzige Anführer, der deinem Land eine moderne Demokratie und eine stabile Zukunft ohne Fremdherrschaft geben kann. Das müssen wir der Welt klar machen. Und Deinem Volk", schrieb Todenhöfer am 29. Januar 2012.

Der vollständige englischsprachige Original-Wortlaut der E-Mails findet sich hier.

Im Januar 2012 stand der aktuelle syrische Konflikt noch an seinem Anfang. Rund 6000 Syrer waren der brutalen Repression bereits zum Opfer gefallen. Bald sollten sich auch Teile der Opposition bewaffnen und radikalisieren, der Beginn eines langwierigen, brutalen Bürgerkriegs.

Die Familie Assad herrschte zu diesem Zeitpunkt bereits seit rund 40 Jahren in Syrien ohne ernsthafte Reformbemühungen. Auch von dem bereits seit 2000 herrschenden Baschar al-Assad sei keine Demokratisierung zu erwarten, analysierten renommierte internationale Syrien-Experten wie der deutsche Wissenschaftler Volker Perthes.

"Ich würde auch mit dem Vorzimmer von Obama flirten"

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sieht Todenhöfer keinen Grund für die Vorwürfe. "Das ist eine Uralt-Kamelle. Ich selbst schildere die E-Mails mit der 21-jährigen und nach Aussagen von [Peter] Scholl-Latour bildhübschen Sheherazade, die sich 'Prinzessin' nannte, in meinem vorletzten Buch vor zwei Jahren ausführlich. Weil ich nichts zu verbergen habe", sagte er.

In dem Buch erwähnt Todenhöfer den E-Mail-Kontakt, allerdings nicht ganz freiwillig: Er wusste zu diesem Zeitpunkt, dass die seltsam anmutenden Schreiben öffentlich werden würden. Im März 2012 hatte die britische Zeitung "The Guardian" angefangen, geleakte E-Mails von Sheherazad Jaafari zu veröffentlichen.

Sein Anliegen sei die Demokratisierung Syriens und eine Friedenslösung gewesen, sagt Todenhöfer. "Ich habe Assad per Mail u.a. einen 'Sechs-Punkte-Plan' vorgeschlagen, der anderthalb Monate später im Kern Kofi Annans Sechs-Punkte-Friedensplan wurde. Über meine Initiativen habe ich präzise das Kanzleramt und das Weiße Haus informiert." Aus Annans Friedensplan wurde jedoch nichts. Er scheiterte bereits am ersten Schritt, einer vorübergehenden Waffenruhe.

Auf den Vorwurf, dass er mit seinem Verhalten professionelle Grenzen überschreite, geht Todenhöfer nicht ein. "Ich würde all das immer wieder tun. Ich würde auch mit dem Vorzimmer von Putin oder von Obama flirten, um dem Frieden im Nahen Osten zu dienen. Selbst wenn in deren Vorzimmer des Teufels Großmutter säße. Ich spreche immer mit allen Seiten. Davon wird mich niemand abbringen. Vor allem nicht die, die bei der Beurteilung der syrischen Tragödie ständig daneben lagen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1. Alles gut...
jodi-- 20.05.2015
...kann nicht erkennen, was hier falsch gelaufen sein soll. Als Kritiker wäre er ja wohl kaum empfangen worden...
2. Todenhöfer ist zwiespältig,
heinz.murken 20.05.2015
aber man kann ihm nicht vorwerfen mit allen zu reden. Täten das alle hätte Todenhöfer Recht das Reden besser ist als schießen. Anderseits dürfen wir m.E. nicht ständig bei allen Konflikten in der Welt unsere westliche demokratischen Grundsätze zur alleinigen Maxime des Handels machen. Andere Länder, andere Sitten! Das wußten schon unsere Großväter und wir sollten dies immer akzeptieren
3. Todenhöfer hatte im Gegensatz zu Spiegel immer Recht!
Egemen A. 20.05.2015
Todenhöfer hat anders als der Spiegel bei Syrien immer Recht gehabt..... da ist es doch egal mit wem er flirtet?!
4. Journalistische Meisterleistung
pikeaway 20.05.2015
Endlich eine Meldung, die wirklich interessiert. Über die Friedensbemühungen von de Mistura zu berichten, wäre wohl zu komplex. Auch die Gespräche zwischen Putin und Kerry letzte Woche sowie die wenig hoffnungsvollen Annäherungsversuche in den letzten Tagen von zwei Mitarbeitern des US State Department sind sicherlich keine Meldung wert. Man muss halt Prioritäten setzen, um dem Publikum zu gefallen
5.
Atheist_Crusader 20.05.2015
"Er [Assad, Anm. der Red.] ist der einzige Anführer, der deinem Land eine moderne Demokratie und eine stabile Zukunft ohne Fremdherrschaft geben kann. Das müssen wir der Welt klar machen. Und Deinem Volk" Lies: er ist das kleinste Übel. Das würde ich sogar so unterschreiben, selbst nach 3 Jahren Bürgerkrieg. Sehe jetzt nicht, was da so skandalträchtig sein soll. Speziell wenn er eben ein Interview haben wollte. Ich bin kein Journalist, aber ich mutmaße mal ganz wild, dass es üblich ist, seinen Interviewpartnern ein bisschen Honig ums Maul zu schmieren. Schon alleine, weil der einzige Grund zum Geben eines Interviews positive Selbstdarstellung ist. Wenn ich nicht glauben würde, dass diese geliefert wird, dann würde ich auch meine Zeit nicht verschwenden. Wenn mir ein Journalist nicht passt, gibt es noch Millionen anderer, die vielleicht wohlwollender da rangehen.
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