Jugend in Palästina "Wir bilden eine lost generation heran"

Finanzboykott, Israels Mauer, eine zunehmende Gewaltbereitschaft - auch die christlich palästinensische Schule Talitha Kumi leidet unter den jüngsten Entwicklungen in Nahost. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt der deutsche Schulleiter Georg Dürr vor einer verlorenen Generation.


SPIEGEL ONLINE: Herr Dürr, der Westen hat wegen der Hamas-Regierung einen Finanzboykott gegen die Palästinenser verhängt. Seit Wochen werden Tausenden Angestellten keine Gehälter ausgezahlt. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Schule Talitha Kumi?

Nahost: "Die Mauer ist in allen Köpfen"
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Nahost: "Die Mauer ist in allen Köpfen"

Dürr: Die Gewaltbereitschaft wird in der palästinensischen Gesellschaft noch mehr steigen. Was die Leute verlieren können, wird immer weniger. Auch bei den Familien von Schülern nimmt die Verzweiflung zu. Viele können das Schulgeld nicht mehr zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schule in Beit Jala nahe Bethlehem liegt im Westjordanland. Um sie herum baut Israel jüdische Siedlungen. Welche Folgen hat das für Sie?

Dürr: Um die Siedlungen und sein Staatsgebiet zu schützen, baut Israel hier eine Mauer. Zehn Prozent unserer Schüler, das sind rund 85 Jugendliche, kommen aus dem Gebiet, das jenseits der Mauer liegt. Sobald diese fertig ist, werden viele, etwa diejenigen aus Jerusalem, nicht mehr ungehindert zum Unterricht kommen können. Durch den Mauerbau ist auch die Finanzierung unserer Schule in Gefahr, weil unser Gästehaus als Treff- und Verständigungszentrum so gut wie nicht mehr zugänglich sein wird. Denn Israel lässt seine Bürger nicht ohne Sondergenehmigung in die palästinensischen Gebiete fahren. Als erste palästinensische Schule haben wir eine Partnerschaft mit israelischen Schulen in Tel Aviv und Haifa - der Mauerbau verhindert auch hier den Austausch.

SPIEGEL ONLINE: Was für Gruppen treffen sich auf Ihrem Campus?

Dürr: Hier treffen sich etwa Menschen von beiden Seiten, die in der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern enge Angehörige, den Sohn, die Schwester, den Bruder verloren haben. Leute, die einen dicken Knoten im Bauch haben, die aber aufstehen und sagen: 'Lasst uns mit der Gewalt aufhören.' Es gibt auch Treffen von israelischen und palästinensischen Künstlern. Oder von israelischen und palästinensischen Lehrern, die ein Geschichtsbuch entwickelt haben, in dem die unterschiedliche Darstellung des Konflikts gegenüber gestellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Worin bestehen die größten Hindernisse im palästinensisch-israelischen Dialog?

Dürr: Ein großes Problem ist, dass die meisten Israelis nichts über die Palästinenser wissen und viele Palästinenser nichts über Israelis. Die meisten jungen Israelis waren noch nicht mal in Ostjerusalem.

SPIEGEL ONLINE: Sie legen großen pädagogischen Wert auf die musikalische Ausbildung Ihrer Schüler. Durch Musik lerne man zu hören, wann Harmonie entstehe, sagen Sie. Immer wieder kommt es jedoch zu ziemlichen Dissonanzen im musikalischen Zusammenspiel.

Dürr: Es gibt eine von Daniel Barenboim und Edward Said gegründete Stiftung "West-östlicher Diwan". Die Zusammenarbeit wird jedoch immer schwieriger. Etliche palästinensische Kinder und Jugendliche können an Workshops oder Musikwettbewerben nicht mehr teilnehmen, weil sie von Israel keine Erlaubnis bekommen, um nach Ostjerusalem ins Konservatorium zu kommen. Schüler aus Nablus, Ramallah oder Gaza werden deshalb mittels Videokonferenz bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht auch positive Entwicklungen - der Abzug der Israelis aus dem Gaza-Streifen etwa?

Dürr: Der Rückzug der Israelis wird hier als entwürdigend empfunden - aus dem einen Grund: Niemand redet mehr mit den Palästinensern. In unserer Region sehen die Menschen außerdem eine ganz andere Wirklichkeit: Ihnen wird nach wie vor Land weggenommen. Der Siedlungsbau der Israelis im Westjordanland geht unvermindert weiter. In unmittelbarer Nachbarschaft von uns, in Har Gilo und in Har Homa, entstehen ständig neue Wohngebiete - immer in Richtung Osten. In Har Homa leben derzeit weniger als 10.000 Israelis, es sollen einmal 30.000 sein. In Maale Adumim wohnen zurzeit 30.000 Siedler, es sollen 20.000 weitere dort Bauland bekommen. Auch darüber gibt es kein Gespräch.

SPIEGEL ONLINE: Wird bei Ihnen im Unterricht darüber gesprochen?

Dürr: Die Mauer ist in allen Köpfen. Fest zementiert. Ich sehe es als eine meiner Aufgaben, dass die Schüler die Mauer im Kopf durchdringen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das erreichen?

Dürr: Zum Beispiel legen wir großen Wert auf das Erlernen von Fremdsprachen. Wir unterrichten Deutsch ab der dritten Klasse und machen hier das deutsche Sprachdiplom. Neuerdings unterrichten wir in bestimmten Fächern auch zweisprachig, um die Schüler kommunikationsfähiger zu machen. Die Schüler aber sagen sich: 'Das hat doch eh alles keinen Sinn, wir kommen doch hier ohnehin nie raus.' Ich fürchte, dass sich meine Erfahrungen aus Südafrika während der Apartheid wiederholen: Dass wir hier eine lost generation heranbilden.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Wahlsieg der Hamas herrschen auch diesseits der Mauer völlig neue Verhältnisse. Welche Auswirkungen hat diese politische Entwicklung auf Ihre Schule?

Dürr: Wir fragen uns, ob wir als koedukative Schule, in der Jungen und Mädchen gleichermaßen unterrichtet werden, weiter bestehen können.

SPIEGEL ONLINE: Spiegeln sich die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hamas und Fatah in ihrer Schule wider?

Dürr: Ab und zu werden politische Parolen für die Fatah oder für die Hamas an die Wände gemalt. Das gute Miteinander von Christen und Muslimen könnte sich verschlechtern. Ein muslimischer Neuntklässler hat sich neulich als Anhänger der Hamas geoutet und ist auf christliche Mädchen der Klasse zehn zugegangen mit den Worten: 'Bald ist es vorbei mit Euren offenen, langen Haaren.' Die suchten Hilfe bei einem Zwölftklässler, der wiederum den Neuntklässler verprügelte. Da jedoch zwei Drittel unserer Schüler christliche Palästinenser sind, dürfte der Einfluss der Hamas gering bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich die palästinensische Gesellschaft in den vergangenen fünf Jahren stetig radikalisiert hat. Spüren Sie das in Ihrer Schule?

Dürr: Das Verhältnis zur Gewalt hat sich bei den jungen Menschen verändert. Sie haben gesehen, wie ihre Väter während der Intifada von israelischen Soldaten verprügelt und gedemütigt wurden. In einer stark patriarchisch geprägten Gesellschaft versuchten die entehrten Väter ihre Autorität häufig wiederherzustellen, indem sie ihre Kinder schlugen. Insgesamt steigt die Spannung in der Gesellschaft. In arabischen Dörfern wurde auch mein Auto mit Steinen beworfen. Noch vor einem Jahr hätte es das nicht gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Zeigen Ihre Schüler Verständnis dafür, dass manch' Altersgenosse für islamistische Extremisten zum Selbstmordattentäter in Israel wird?

Dürr: Überhaupt nicht. Sie beklagen jedoch, dass sich die Welt nur dann für Palästina interessiere, wenn sich wieder jemand in die Luft gesprengt hat.

Das Interview führte Alexander Schwabe



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