Jugendgewalt Sarkozy sieht Herrschaft der Schläger in Problemvierteln

Eigentlich hatte sich die Lage in den Pariser Vorstädten wieder beruhigt. Doch nun heizt Präsident Sarkozy die Stimmung wieder auf: Er bestreitet eine soziale Krise als Hintergrund, die Unruhestifter tut er als Schläger ab.


Paris - Die jüngsten Straßenschlachten in Pariser Vorstädten sind nach Ansicht von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy keine Folge sozialer Probleme. "Was in Villiers-le-Bel passiert ist, hat nichts mit einer Gesellschaftskrise zu tun, sondern nur mit einer Herrschaft der Gauner", sagte er heute bei einer Grundsatzrede zur inneren Sicherheit vor knapp zweitausend Polizisten in Paris. Er weigere sich, "jeden Straftäter als Opfer der Gesellschaft" anzusehen und "jeden Aufstand als gesellschaftliches Problem".

Er lobte die Zurückhaltung der Beamten. Es wäre legitim gewesen, wenn sie das Feuer erwidert hätten. Ein ranghoher Polizist, der bei den nächtlichen Ausschreitungen verletzt wurde, habe ein Auge verloren, sagte Sarkozy. "In einer Republik und in einer Demokratie setzt man keine Schusswaffen gegen Einsatzkräfte ein." Die Regierung werde alles tun, um die Schützen zu finden. Sie sollten eine Strafe bekommen, die ihren Taten entspreche. Als er vor fünf Jahren Innenminister geworden sei, habe die Regierung eine "entschlossene Politik" eingeschlagen, "die Früchte getragen hat", sagte der Präsident. "Aber wir werden noch weiter gehen."

Die Staatssekretärin für Städtebau, Fadela Amara, argumentierte heute ähnlich. "Was passiert ist, das ist keine soziale Krise", sagte die einstige Gründerin einer Einwanderer-Frauenbewegung. "Hier geht es um anarchische städtische Gewalt." Man müsse zunächst "der Unordnung mit Festigkeit begegnen". Sie werde weiter an ihrem Plan arbeiten.

Die selbst aus einem sozialen Brennpunkt stammende Staatssekretärin arbeitet derzeit an einem Plan "Achtung und Chancengleichheit", der am 22. Januar von Präsident Sarkozy präsentiert werden soll. Im Gespräch mit dem "Parisien" kündigte Amara Härte gegen die Unruhestifter an.

Nach drei Krawallnächten ist in die nördlichen Pariser Vorstädte wieder weitgehend Ruhe eingekehrt. Die Lage war in der vergangenen Nacht den Behörden zufolge "praktisch normal". Zwar seien in Villiers-le-Bel und einigen Nachbargemeinden wieder Autos und Mülleimer angezündet worden. "Aber es gab keine Angriffe auf Polizisten", sagte ein Sprecher der Präfektur Val d'Oise. Bei den Unruhen waren seit Sonntag rund 100 Mitglieder der Sicherheitskräfte verletzt worden, zahlreiche von ihnen durch Schüsse aus Schrotflinten. Auslöser war ein Zusammenstoß eines Mini-Motorrades mit einem Streifenwagen, bei dem zwei Jugendliche ums Leben gekommen waren.

Das Aufgebot der Sicherheitskräfte in Villiers-le-Bel war nach der Gewalteskalation in der Nacht zum Dienstag massiv verstärkt worden. Auch in der vergangenen Nacht sicherten rund 1000 Polizisten öffentliche Gebäude in dem Stadtteil, wo die Unruhen nach dem Unfall am Sonntagnachmittag ausgebrochen waren.

Laut einem internen Ermittlungsbericht der Polizei, aus dem die Zeitung "Le Figaro" heute zitierte, war das Motorrad mit 70 Kilometern pro Stunde in den Polizeiwagen gerast. Entgegen den Vorwürfen mehrerer Randalierer hätten sich die Beamten bis zum Eintreffen der Rettungskräfte um die Unfallopfer gekümmert. Auch sei dem Crash keine Verfolgungsjagd vorausgegangen, meldete die Zeitung.

ler/AP/AFP/dpa



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