Jugendkonvent in Brüssel Üben für Europa

210 junge Europäer sollen bis Freitag ihre Vorschläge für die Zukunft Europas unterbreiten. Doch die Zusammensetzung des EU-Jugendkonvents ist alles andere als unkonventionell. Es dominieren wieder die Vertreter der politischen Parteien mit ihren Nachwuchskräften.

Von , Brüssel


Brüssel - Manchmal werden Illusionen schnell zerstört. In der Gruppe "Demokratie und Mitwirkung" soll ein Wust von Anträgen abgearbeitet werden, aber immer wieder kommt es zu Verzögerungen. Ein junger französischer Delegierter will partout nicht einsehen, dass die Vorlagen nur in englischer Sprache verfasst sind, obwohl dies vorher so entschieden wurde. "Ich glaube nicht, dass die meisten Europäer Englisch sprechen", argumentiert er. Erst nach mehreren Wortmeldungen sieht er ein, sich dem Mehrheitsbeschluss beugen zu müssen. Wenn immer mehr Bürger Europa-müde sind und nicht mehr an ein gemeinsames Miteinander der Staaten glauben, wird er in diesem Moment des EU-Jugendkonvents bestätigt.

"Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Arbeit so schwer zu organisieren ist", gibt Floriana Müller, 21, zu. Die Berliner Studentin und Grüne ist eine von elf Deutschen unter den 210 Jugendlichen aus 28 europäischen Ländern. Gleich zu Beginn des Konvents hatte sie einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage bekommen. Die Wahl des Präsidiums zog sich bis nachts um halb zwei hin, ehe man sich geeinigt hatte. Irgendwann musste dafür gesorgt werden, dass das Licht auf den Gängen des Europäischen Parlaments nicht ausgeschaltet wurde.

Dabei hatte Valery Giscard d'Estaing, der Vorsitzende des eigentlichen EU-Reformkonvents, sich von dem Treffen der jungen Leute "Rückenwind für Europa" erhofft. "Wir müssen den jungen Menschen vorrangig Gehör schenken", forderte der 76-jährige frühere französische Staatschef.

Der Jugendkonvent ist genauso aufgebaut wie der Konvent der Erwachsenen. Es gibt einen Präsidenten, ein Präsidium und Berichterstatter. Plenarsitzungen wechseln mit Arbeitsgruppen ab. Wer sich letztlich am meisten durchgesetzt hat, wird sich am Freitag zeigen, wenn das Schlussdokument der zwischen 18- und 25-jährigen den "erwachsenen" Reformern übergeben wird, die bis Mitte nächsten Jahres ebenfalls Vorschläge für die Zukunft Europas erarbeiten sollen.

Unabhängige in der Minderheit

Bei den Präsidiumswahlen des Jugendkonvents behielten die Vertreter der Sozialisten, Konservativen, Grünen und Liberalen die Oberhand. Wirklich politisch Unabhängige waren in der Minderheit, wie dies auch Vertreter von Kirchen oder Menschenrechtsgruppen unter allen Teilnehmern sind. Ins Präsidium wurde stattdessen mit Anna Lührmann, 19, eine ambitionierte deutsche Grünen-Politikerin berufen. Von ihr wird man vielleicht noch hören: Die Abiturientin wurde für die Bundestagswahl auf Platz fünf der hessischen Landesliste gesetzt und darf darauf hoffen, demnächst die jüngste Parlamentarierin im Berliner Reichstag zu sein - wenn die Grünen rund acht Prozent der Stimmen bekommen.

Jan Kreutz, 22, bekam ebenfalls eine wichtige Aufgabe beim Jugendkonvent. Er leitet als "Rapporteur" eine der drei Arbeitsgruppen. Der Politik-Student aus Berlin ist zwar Vizepräsident der "Jungen Europäischen Föderalisten" (JEF), einer parteiübergreifenden Organisation, sympathisiert aber mit den Jusos. CDU und CSU sind beim Konvent unter anderem mit Marcus Klein, 25, vertreten, der dem Bundesvorstand der Jungen Union angehört. Sechs der elf deutschen Teilnehmer wurden von den nationalen "erwachsenen" Reformkonventsmitglieder gewählt, vier von Mitgliedern des Europäischen Parlaments und eine von der EU-Kommission.

Zwar betonen alle Teilnehmer immer wieder, dass es bei dem Konvent nicht um Parteipolitik gehe, aber bei den Diskussionen über Globalisierung oder Sicherheitspolitik traten doch die jeweiligen unterschiedlichen Auffassungen zu Tage. Und immer wieder wurde auch der Kontakt zu den Parteivertretern vor Ort gehalten. Die Verzögerungen bei der Erarbeitung des Jugend-Dokuments über das zukünftige Europa kämen sicherlich auch einigen "erwachsenen" Reformern nicht ungelegen, glaubt Marcus Klein, denn sie könnten sich durch ausgefeilte Vorschläge bei ihrem eigenen Auftrag der Modernisierung der EU-Arbeit unter Erfolgsdruck gesetzt fühlen.

Die Interessen der Jugendkonvent-Teilnehmer scheinen auch nicht unbedingt mit ihren Altersgenossen in Europa überein zu stimmen. Besonders viel Interesse bei den Delegierten fand die Arbeitsgruppe über die europäischen Institutionen. Eine "Eurobarometer"-Umfrage der EU-Kommission unter 9760 Jugendlichen ergab jedoch, dass nur 33 Prozent die Verbesserung der Arbeit der EU-Gremien für wirklich wichtig halten. 79 Prozent der Befragten zwischen 15 und 24 Jahren war der Kampf gegen Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und Armut wichtiger.



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