Kongress der EVP Timoschenko stiehlt Klitschko die Show

Überschwängliches Lob für Angela Merkel, kein Wort über ihre ukrainischen Mitkämpfer und Konkurrenten: Julija Timoschenko war mit einer umjubelten Rede der Star auf dem Kongress der Europäischen Volkspartei. Ein Lächeln für Vitali Klitschko gab es nur beim Fototermin.

Aus Dublin berichtet


Wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie uneins die ukrainische Demokratiebewegung ist, dann bekam man ihn an diesem Donnerstagabend im Dublin Convention Center geliefert. Da traten Julija Timoschenko und Vitali Klitschko auf dem Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP) in der irischen Hauptstadt auf, aber das einzig Gemeinsame war ein inszeniertes Fotoshooting, bei dem Timoschenko einmal gönnerhaft ihre linke Hand auf Klitschkos rechten Arm legte und der Boxer dabei ziemlich gequält lächelte.

Eigentlich ist die Europäische Volkspartei in Dublin zusammengekommen, um ihren Spitzenkandidaten für die Europawahlen zu küren und das Wahlprogramm zu diskutieren. Dass der Reiz einer solchen Parteiveranstaltung für die Öffentlichkeit begrenzt ist, merkte man schnell, als Peter Hintze die undankbare Aufgabe der Leitung einer Antragskommission übernahm und über einzelne Paragrafenänderungen abstimmen ließ.

Umso dankbarer waren die Verantwortlichen in der Europäischen Volkspartei daher, dass man nach dem Umsturz in der Ukraine gleich zwei Helden der Demokratiebewegung nach Dublin einladen konnte: Timoschenkos Vaterlandspartei ist ebenso Mitglied der EVP wie Klitschkos Demokratische Allianz für Reformen.

Timoschenko kommt auf einem Rollator

Damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Der Auftritt der beiden ukrainischen Politiker hätte unterschiedlicher nicht sein können. Als Vitali Klitschko am Nachmittag den großen Sitzungssaal betritt, macht er kein Aufheben um seine Person. Er kommt allein, und kaum jemand bemerkt den hünenhafte Mann, als er an seinem vorgesehenen Platz in der ersten Reihe Platz nimmt. Erst als Versammlungsleiter Hintze ihn begrüßt, spenden die Delegierten kurzen Applaus. Klitschko wirkt nervös, er wippt mit seinen Beinen und liest sich sein Redemanuskript noch einmal laut vor, dann verzieht er sich wieder.

Fotostrecke

4  Bilder
Timoschenko-Rede: Umarmen, weinen, weiterkämpfen
Um kurz nach 17 Uhr erscheint Julija Timoschenko, sie sitzt auf einem Rollator und lässt sich in den Saal schieben. Begleitet von ihrer Tochter und umringt von Sicherheitsleuten setzt sie sich auf den Platz, auf dem vorher Klitschko saß. Sofort scharen sich die Fotografen um sie und die wichtigen und weniger wichtigen EVP-Politiker stellen sich an, um die Frau mit dem blonden Zopfkranz zu begrüßen. Timoschenko umarmt, weint, gibt Küsschen links und rechts.

Irgendwann kommt Klitschko und setzt sich für einen Moment zu ihr. Das Protokoll sieht vor, dass er als Erster redet. Neulich, bei der Münchner Sicherheitskonferenz, war er noch der Star der westlichen Gastgeber, jetzt darf er nur noch das Vorprogramm zu Timoschenko geben.

Er redet auf Deutsch und beschreibt trocken die Ereignisse der vergangenen Wochen. Janukowitsch habe seinen Amtseid gebrochen, dass er der Ukraine treu dienen und die Unabhängigkeit des Landes beschützen werde. Wenn Janukowitsch noch legitimer Präsident der Ukraine sei, wie er im russischen Fernsehen behauptete, fragt Klitschko: "Warum kommt er dann nicht zurück? Hat er Angst? Wenn ja, dann warum, vor wem? Vor seinem Volk? Vor seiner Partei?" Dann nennt er die Ziele der Demokratiebewegung: Beitritt zur EU, Verhandlungen mit der Nato. "Wir werden für unser Land weiterkämpfen, wir danken allen Freunden der Ukraine."

Dann Timoschenkos Auftritt. Die Organisatoren ehren sie mit einem Einspielfilm, die frühere Anführerin der orangen Revolution wird die Bühnen-Auffahrt hochgeschoben, die die Organisatoren extra für sie haben anbauen lassen. Timoschenko redet auf Ukrainisch, es fällt auffallend häufig das Wort "ich", Sinn ergeben ihre Worte allerdings nicht immer, zum Beispiel als sie gleich zu Anfang die deutsche Bundeskanzlerin preist: "Angela war die stärkste Anführerin für Demokratie und Freiheit", sagt Timoschenko.

Kein Wort über Klitschko und Jazenjuk

Es ist nicht überliefert, dass Merkel sich in den vergangenen Monaten übermäßig für die Ukraine engagiert hätte, und auch jetzt, wo es um Sanktionen gegen Russlands militärische Aggression geht, gehört Merkel nicht zu den Vorkämpferinnen. Timoschenko dankt dessen ungeachtet überschäumend allen europäischen EVP-Politikern, die sie während der Zeit im Gefängnis unterstützt haben; die anderen Vorkämpfer für die Demokratie wie Klitschko oder den jetzigen Interimspremier Arsenij Jazenjuk erwähnt sie dagegen mit keinem Wort.

Trotzdem, Timoschenkos Worte kommen bei den Delegierten an. Am stärksten ist ihre Rede, als es um die europäischen Werte geht. "Zum ersten Mal in der Geschichte sind Ukrainer gestorben und haben dabei die europäische Fahne in den Händen gehalten", ruft Timoschenko. Das sei der beste Beweis, dass die europäische Idee noch immer attraktiv sei, sagt Timoschenko und erinnert an den Beitritt der osteuropäischen Mitgliedstaaten. "Die EU ist nicht erweitert worden unter der Bedrohung von Kalaschnikows, es war der europäische Traum, der diese Nationen inspiriert hat!"

Ihre eigene Rolle in der ukrainischen Politik lässt Timoschenko weiter offen. "Ich werde alle meine Stärke einsetzen", sagt sie geheimnisvoll, die anderen Demokratie-Kämpfer erwähnt sie nicht und endet mit den Worten: "Es lebe die Ukraine, es lebe Europa."

Als sie an ihren Platz zurückrollt, hat Vitali Klitschko den Saal längst verlassen.

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Seite 1
rehabilitant 06.03.2014
1. A star is born
Zitat von sysopAFPÜberschwängliches Lob für Angela Merkel, kein Wort über ihre ukrainischen Mitkämpfer und Konkurrenten: Julia Timoschenko war mit einer umjubelten Rede der Star auf der Kongress der Europäischen Volkspartei. Ein Lächeln für Vitali Klitschko gab es nur beim Fototermin. http://www.spiegel.de/politik/ausland/julia-timoschenko-lobt-kanzlerin-merkel-a-957378.html
SPON hat den langweiligen Klitschko gedanklich entsorgt, es gibt jetzt einen neuen Star. Wann läuft Merkel ins Timoschenko-Lager über?
DanielDüsentrieb 06.03.2014
2.
Hört endlich auf Timoschenko in den Himmel zu loben. Sie ist genauso korrupt wie das alte Regime. Wieso ist sie die reichste Frau der Ukraine? Weil sie in ihrer Amtszeit genauso hemmungslos in die Kassen gegriffen hat. Klitschko hat kein Charisma als Politiker, Timoschenko ist nicht ehrlich. Laß die Ukrainer in Ruhe selbst entscheiden und hört auf einen Kandidaten hochzujubeln.
spon-facebook-10000027820 06.03.2014
3. Blitzgenesung von Julia
Timoschenko fordert Milliarden und einen Natoeinsatz.
lampenschirm73 06.03.2014
4.
Zitat von sysopAFPÜberschwängliches Lob für Angela Merkel, kein Wort über ihre ukrainischen Mitkämpfer und Konkurrenten: Julia Timoschenko war mit einer umjubelten Rede der Star auf der Kongress der Europäischen Volkspartei. Ein Lächeln für Vitali Klitschko gab es nur beim Fototermin. http://www.spiegel.de/politik/ausland/julia-timoschenko-lobt-kanzlerin-merkel-a-957378.html
Was für eine Verdrehung. Es gab in Kiew nie eine "Demokratie-Bewegung" sondern eine "Anti-Demokratie-Bewegung". Einen sehr heterogenen Mob (bei dem sicher auch ein paar sympathische junge Leute mit hehren Zielen dabei waren) der einen demokratisch legitmierten Präsidenten weggeputscht hat.
kf_mailer 06.03.2014
5.
Wie und kein Wort darüber, das sich diese Frau durch Korruption massiv auf Kosten der Ukraine und deren Bürger bereichert hat? Das sogar ihre ehemaligen Weggefährten sagten, sie hätte ihre Strafe verdient? Das sie im Westen und insbesondere in der USA für diese Verbrechen Jahrzehnte ins Gefängnis gekommen wäre? Kein Wort darüber, das dieser Boxer vom Westen gesteuert ist, obwohl es schon mehr als genug Beweise gibt? Ist das hier gesteuerte Propaganda oder Journalismus? Entschuldigung, das ist eine rein rhetorische Frage...
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