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Julia Timoschenko und die Ukraine: Die Frau, die zu schnell ist für ihr Land

Aus Lutsk berichtet Alexander Schwabe

2. Teil: Der Aufstieg Timoschenkos zur Multi-Milliardärin und ihre Wandlung zur Oligarchen-Hasserin

Denn freiwillig hat die 1960 in Dnjepropetrowsk geborene und in ärmlichen Verhältnissen von der Mutter großgezogene Timoschenko bisher das Feld noch nie geräumt. Während der Wahlkampftour in Lutsk erwähnt sie beiläufig, sie habe als Kind mit den Jungen ihrer Straße Fußball gespielt. "Ich habe nie mit Puppen gespielt oder mich mit Mädchen abgegeben", hat sie früher einmal gesagt. Und auch fortan hat sie immer vornehmlich mit Männern zu tun.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kommt sie zunächst dank ihres Schwiegervaters, eines Parteifunktionärs, zu einer Videothek. Der Laden ist eine Goldgrube. Den Gewinn daraus steckt sie in den Kauf einer Aktie der russischen Waren- und Rohstoffbörse. Das Startkapital von 100.000 Rubel verfünfundvierzigfacht sich in kurzer Zeit. Timoschenko ist mehrfache Millionärin und steigt ins Energiebusiness ein. Ein Großteil des Gasumschlags zwischen Russland und der Ukraine wird in der Schattenwirtschaft abgewickelt. Schmiergeldzahlungen und Betrug in großem Ausmaß schaffen eine Clique Milliarden schwerer Oligarchen.

Vermögen: Geschätzte sechs Milliarden Pfund

Eine der bedeutendsten: Julia Timoschenko. Ihr Unternehmenskonglomerat EESU macht nach zwei Jahren bereits einen Umsatz von zehn Milliarden Dollar. Timoschenko kontrolliert nach Angaben der Autoren Dmitri Popov und Ilia Milstein Anfang 1997 rund 25 Prozent der ukrainischen Wirtschaft. Die Londoner "Times" beziffert ihr persönliches Vermögen auf bis zu sechs Milliarden Pfund.

Wirtschaftsfragen werden zu der Zeit nicht auf dem freien Markt entschieden, sondern in den Hinterzimmern der Macht und in den Dampfbädern der Reichen. Um politische Entscheidungen beeinflussen zu können und einen besseren Zugang zu Präsident Leonid Kutschma zu haben, kandidiert Timoschenko Ende 1996 fürs Parlament – auch lockt die damit verbundene Immunität. Mit dem Rekordergebnis von 92,3 Prozent der Stimmen gewinnt sie ihren Wahlkreis. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Mit dem Einstieg in die Politik und der direkten Nähe zur Macht wächst das Ausmaß von Intrigen und Querelen, von Kränkungen und Demütigungen. Im Kampf um politischen Einfluss und wirtschaftliche Expansion muss Timoschenko schwere Niederlagen einstecken. Diktator Kutschma zerschlägt das Imperium, das die "Gas-Prinzessin" mit ihrem Geschäftspartner Pawlo Lasarenko aufgebaut hat, weil ihm dieser zu mächtig geworden ist. Wegen des Verdachts der Veruntreuung von Staatsgeldern flieht Lasarenko ins Ausland. In San Francisco wird er 2004 wegen Geldwäsche und Betrugs verurteilt.

Die auf Rache sinnende Timoschenko wendet sich gegen die Machthaber. Sie ist es, die das erste Amtsenthebungsverfahren gegen einen Präsidenten in der Geschichte der Ukraine anstrebt. Als der Chef des Organisationsstabes für ein Referendum gegen den Präsidenten verhaftet wird, zieht Timoschenko mit anderen Abgeordneten vor das Untersuchungsgefängnis und wirft mit Steinen dort Scheiben ein. Im Parlament hält sie eine flammende Rede: "In der Ukraine hat de facto ein Regime von Terror und Gewalt Einzug gehalten." Ihre Waghalsigkeit legt die Grundlage für ihre Popularität im Volk.

Um die Clanwirtschaft einzudämmen und den Westen zu besänftigen, gelingt es Kutschma in einem weiteren Ränkespiel, Timoschenko vor seinen Karren zu spannen. Zusammen mit Premier Juschtschenko soll sie Reformen durchsetzen. Sie greift durch, bringt Teile der Machenschaften der Schattenwirtschaft ans Licht. Freiherzig berichtet sie von den Betrügereien im Gasgeschäft. Ihr Kampf gegen die Selbstbereicherung der Oligarchen spült dem Staat angeblich rund zehn Milliarden Grywna in die Kassen.

Doch ihr ungestümer Eifer geht den Wirtschafts-Paten und Kutschma zu weit. Um Timoschenko zu zähmen, steckt die Staatsmacht zunächst ihren Mann Oleksandr, von dem sie getrennt lebt, ins Gefängnis. Auch sie selbst nimmt bald diesen Weg: Angeklagt ist sie wegen Schmuggels und Urkundenfälschung, sie wird zudem beschuldigt, 1,1 Milliarden US-Dollar illegal auf ausländische Konten verschoben zu haben. Am 13. Februar 2001 um 13 Uhr wird Julia Timoschenko in Zelle Nummer 13 des Lukjanow-Untersuchungsgefängnises gebracht. Auch in Russland wird ein Haftbefehl gegen sie ausgestellt wegen des Vorwurfs des Gasschmuggels und der Anleitung zur Bestechung. Nach 42 Tagen kommt sie frei.

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Fotostrecke: Julia Timoschenko - Szenen einer Karriere
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Ukraine: Szenen einer Revolution


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