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20. Juni 2012, 15:14 Uhr

Euro-Krise

Der nächste Juncker sollte ein Este sein

Ein Debattenbeitrag von Christoph Schwennicke

Die Zeit drängt: Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker könnte schon im Juli aufhören. Als Nachfolger ist Estlands krisenerprobter Finanzminister Ligi geeignet - er wäre ein Vorbild für Griechenland und andere Problemstaaten.

Vor kurzem traf sich Angela Merkel mit zehn Regierungschefs der Ostsee-Anrainer-Staaten in ihrem Wahlkreis in Stralsund. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso war auch dabei. Im öffentlichen Bewusstsein geblieben ist von diesem Treffen vor allem ein stimmungsvolles Foto der Herrschaften beim Umtrunk in einer urigen Hafenkneipe.

Die Bundeskanzlerin hat aber noch mehr als dieses beschauliche Foto mit nach Hause genommen: die erfreuliche Erkenntnis, dass es unter den jüngeren Mitgliedern der Europäischen Union, speziell der Euro-Gruppe, nicht nur Griechen gibt.

Sondern auch richtige Musterschüler.

Das Baltikum hat sich nach dem Untergang der Sowjetunion früh und ambitioniert Richtung Europa orientiert. Und unter den drei baltischen Ländern Litauen, Lettland und Estland hat sich das letztgenannte besonders zielstrebig und reformfreudig gezeigt. Der Lohn: Seit dem 1. Januar 2011 hat Estland den Euro als Währung.

Warum dieser kleine Exkurs in baltischer Länderkunde? Weil die Euro-Gruppe schon bald einen neuen Chef brauchen könnte. Weil Mr. Euro, Jean-Claude Juncker, entschlossen scheint, sich das nach acht Jahren im Amt und fast vier Jahren Euro-Existenzkrise nicht mehr anzutun. Und weil es passieren könnte, dass der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble Junckers Nachfolger nicht werden kann, jedenfalls nicht ohne seinen deutschen Ministerposten aufzugeben, und das wird Schäuble nicht tun. Über diese Schlüsselpersonalie werden in den nächsten Tagen die Finanzminister und in der kommenden Woche die Staats- und Regierungschefs reden müssen. Juncker hat gesagt, er wolle Mitte Juli aufhören. Die Zeit drängt also.

Ligi als Euro-Gruppenchef wäre Vorbild und Fingerzeig zugleich

Woraus bezog oder bezieht Juncker seine besondere Stärke? Aus dem Umstand, dass er ein leidenschaftlicher Europäer ist, sachkundig und zugleich aus einem sehr kleinen Land kommt. Die letzte Eigenschaft bewahrt ihn persönlich vor dem Vorwurf, dass in Europa die Großen die Kleinen am Nasenring durch die Manege ziehen. Juncker genießt das Vertrauen und die Wertschätzung der Großen wie Frankreich und Deutschland, als Luxemburger aber eben auch das Vertrauen der Kleinen. Das ist wichtig beim Chef der Euro-Gruppe. Der Widerstand gegen Schäuble geht darauf zurück, dass dann Deutschland noch mehr als bisher den Ton angibt.

Der nächste Luxemburger sollte deshalb ein Este sein. Es gibt diesen Juncker von Tallinn auch. Er heißt Jürgen Ligi und ist seit Juni 2009 Finanzminister Estlands, 52 Jahre alt, Triathlet. In seinem Heimatland gilt er bereits als Mr. Euro. Ein Mann von einiger politischer Willenskraft: Als die Krise im Jahre 2009 Estlands Wirtschaft um 14 Prozent schrumpfen ließ, legte Ligi ein Sparprogramm von acht Prozent des Bruttoinlandprodukts auf - und bescherte Estland so eine Rückkehr auf den Wachstumskurs. Auf die Frage der "FAZ", wie er es in der Krise dennoch geschafft habe, die Maastricht-Kriterien für den Euro zu erfüllen, hat Ligi einmal geantwortet: "Man nehme ein sehr einfaches Rezept: Wenn du weniger Einkommen hast, musst du deine Ausgaben senken."

Einen Mann dieses Geistes wünschte sich die sparbewusste Merkel mit einiger Sicherheit derzeit auch in Griechenland. Ein Mann dieses Geistes macht sich aber in jedem Falle auch gut als Nachfolger von Jean-Claude Juncker. Ligi als Euro-Gruppenchef wäre Vorbild und Fingerzeig zugleich: ein Fingerzeig an Griechen und andere Wackelkandidaten, dass man es von weit hinten bis an die Spitze des Euro schaffen kann.

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