Junge US-Wähler Obamas Fans befällt der Frust

Die Generation Neustart trug Barack Obama mit ins Weiße Haus. Doch die Kongresswahlen im November sind jungen Amerikanern egal - viele wissen nicht einmal, dass sie stattfinden. Vom Ende der Partystimmung profitieren die Republikaner.

Obama stellt sich den Fragen junger Wähler: Die Party ist vorbei
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Obama stellt sich den Fragen junger Wähler: Die Party ist vorbei

Von und , Washington


Der Präsident gibt sich redlich Mühe. Er hat diesen Termin schließlich unbedingt gewollt. Barack Obama steht in der Mitte einer Bühne, mehr als 200 junge Menschen sitzen im Kreis um ihn. TV-Sender wie Musikkanal MTV übertragen live, angekündigt ist ein Youth Forum, ein Jugendforum.

Die jungen Leute rund um Obama wirken unbekümmert. Autorität, Ehrfurcht vor dem Präsidentenamt, das spielt in ihrem Leben keine große Rolle.

Das merkt man ihren Fragen an.

Warum er angesichts der miesen Wirtschaftslage überhaupt die Wiederwahl verdiene, will ein Teilnehmer von Obama wissen. Wieso die Gebühren für Unis immer weiter steigen, fragt ein anderer. Aber auch: Ist es eigentlich eine freie Entscheidung oder angeboren, ob man "gay", also schwul, ist?

Diese Frage hat der Präsident nicht erwartet. "Ich bin kein Experte", beginnt er vorsichtig. Aber dann bemüht er sich um eine ausführliche Antwort. Er glaube nicht, dass man sich seine sexuelle Orientierung frei wählen könne - und am Ende seien doch ohnehin alle Menschen Gottes Kinder.

Obama will unbedingt junge Wähler erreichen - und wenn er dabei übers Schwulsein reden muss. Aber kurz vor den Kongresswahlen ist bei ihnen die Begeisterung über ihren Präsidenten verschwunden. Weit weniger junge Wähler als zu Beginn seiner Amtszeit identifizieren sich laut Umfragen noch mit den Demokraten, der Partei des Präsidenten.

Und irgendwie ist es bezeichnend, dass Obama MTV als Medium für sein Anliegen nutzt. Der Musiksender spielt kaum noch Videoclips, seine hippen Tage als Trendsetter der Jugendkultur sind längst vorbei.

Auch Obama ist bei den Jungen längst nicht mehr so angesagt. Vor zwei Jahren hatte ihn noch eine ganze Schar neuer Wähler mit ins Weiße Haus getragen. Er gewann unter Wählern zwischen 18 und 29 Jahren so klar wie kein Präsidentschaftskandidat vor ihm. Das Nachrichtenmagazin "Time" verkündete das "Jahr der jungen Wähler". Für sie war Politik auf einmal wieder sexy. Sie wollten Wandel, an den sie glauben konnten - genau wie Obama es ihnen versprach.

Doch jetzt gibt es einen Wandel, der besonders besorgniserregend für das Weiße Haus ist: Bei den Midterms Elections ist nicht nur mit einem Sieg der Republikaner zu rechnen - viele einstige Obama-Wähler wollen im November erst gar nicht abstimmen.

Obama tritt wie einst wieder an den Unis auf

Zum Beispiel Arezou Akar. Die junge Studentin sitzt bei Burger und Pommes in der Kantine der George Washington University in Washington, nur ein paar Blocks vom Weißen Haus entfernt. Akar hat vor zwei Jahren für Obama gestimmt. Das erste Mal überhaupt nahm sie an einer Wahl teil. Die 23-Jährige macht gerade erst ihren Masterabschluss im Gesundheitswesen, aber sie sorgt sich schon um die Zukunft. Wird es einen Job für sie geben?

Der Sieg Obamas hatte ihr Hoffnung gemacht. "Ich fühlte am Wahltag, dass sich das Land von nun an in die richtige Richtung bewegen wird. Die Stimmung war so positiv, alle haben gefeiert", sagt die Studentin.

Aber die jetzt anstehenden Kongresswahlen interessieren Akar nicht, sie wusste nicht einmal davon. Auch in ihrem Freundeskreis spricht niemand über die Midterm Elections. Selbst jetzt, wo sie darüber Bescheid weiß, will sie ihre Stimme nicht abgeben. Das Semester läuft, die Zeit ist knapp. Und um was es bei der Wahl genau geht, das ist ihr ohnehin nicht ganz klar.

Der Präsident steht ja auch nicht auf dem Stimmzettel. Doch das Weiße Haus versucht, junge Wähler daran zu erinnern, dass es trotzdem um ihn geht. Obama tritt wie einst als Präsidentschaftskandidat wieder an Hochschulen auf. Am Sonntag reist er mit Gattin Michelle zur Wahlkampfkundgebung an die Ohio State University. Selbst für Interviews mit Uni-Zeitungsredakteuren hat er auf einmal Zeit.

Doch die jungen Wähler sind nur noch schwer zu erreichen. Bryan Woll, 21, Vorsitzender der College Democrats an der Georgetown University in Washington, hat vor zwei Jahren den ganzen Präsidentschaftswahlkampf lang durchgeschuftet. "Wir haben noch in der Nacht vor der Abstimmung Wahlaufforderungen durch die Briefschlitze geworfen", erinnert er sich. "Es war ein Riesenspaß, eine Massenparty." Jetzt versuchen er und seine Mitstreiter wieder, ihre Kommilitonen zum Wählen zu überreden, zwischen 20 und 30 Stunden pro Woche sind sie aktiv.

Aber die Party ist vorbei. "Es werden weniger junge Menschen wählen als vor zwei Jahren", befürchtet Woll. "Die meisten haben nicht das Gefühl, dass die Kongresswahlen einen Einfluss auf ihr Leben haben. Und viele sind auch von Politik abgeturnt." Die überwiegend eher unbekannten Kandidaten für den Kongress verstärken dieses Gefühl.

Die Hoffnung des Weißen Hauses, dass der Elan aus dem Präsidentschaftswahlkampf erhalten bleibt, hat sich nicht erfüllt. Obamas Strategen versuchten zwar, den Kontakt mit den geschätzten elf Millionen E-Mail-Unterstützern aus dem Wahlkampf zu halten. Doch die sind zumindest für die Midterm Elections nur schwer zu mobilisieren.

"Die Republikaner sind so unglaublich engagiert"

"Ich sage voraus, dass Leute unter 30 wieder zu ihrem üblichen Egoismus zurückkehren und einfach mit dem Wählen aufhören, weil es nicht länger cool ist", schimpft Don Surber vom Blog Daily Mail.

Aber es geht nicht nur um Apathie. Die jungen Wähler sorgen sich um die wirtschaftliche Lage, die Arbeitslosigkeit unter Berufseinsteigern ist hoch. In Umfragen zeigen sie sich mit der Wirtschaftspolitik Obamas wenig zufrieden. Die Republikaner bedienen solche Ängste geschickt, wenn sie vor der explodierenden Staatsverschuldung warnen. Diese Schulden müssten schließlich die Jungen abstottern, argumentieren sie.

Während Obamas MTV-Debatte schicken junge Leute per Twitter ihre größten Sorgen an den Präsidenten. Ganz vorne: die Sorge, dass die USA ein kommunistisches Land werden könnten.

Die Strategie der Opposition geht auf: "Das Engagement unter Demokraten ist etwa da, wo man es erwarten kann. Unser Problem ist, dass die Republikaner so unglaublich engagiert sind", gab Obamas Wahlkampfmanager David Plouffe in der "New York Times" zu.

Im Weißen Haus sieht man die Kongresswahlen zwar als Testlauf für die Präsidentschaftswahl 2012. Aber auch bei einer Pleite gibt es Hoffnung, dann wieder die jungen Wähler zu erreichen. Studentin Akar jedenfalls verspricht: "2012 wähle ich Obama."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
iosono3 15.10.2010
1. Amerikaner
haben Ängste? das glaube ich nicht-jedes mal wenn es wieder Thema ist dann lacht man die Deutschen wegen Ihrer ''German Angst' aus.' Zwar haben Amerikaner Angst ,wenn eine Gesundheitsreform durchgeführt wird das dann der Kommunismus in Amerika Einzug hält,oder wenn Sadam Amerika droht dann muss man Krieg machen weil man Angst hat....... aber sonst sich lustig machen über die ''German Angst''. Vor allem deutsche Blogger machen sich darüber Lustig und verweisen auf die immer ''positiv'' eingestellten Amerikaner die so ganz anders sind als wir negativen Deutschen........ Wir sind halt anders und leben nicht nach der Devise ''wird schon gut werden'' oder ''Gott wird es schon richten''---und das ist auch gut so.))
ecce homo 15.10.2010
2. kein Krieg = keine Wiederwahl
Ein US-Präsident, der keinen Krieg anfängt, hat es schwer.
Calidris 15.10.2010
3. -
Zitat von ecce homoEin US-Präsident, der keinen Krieg anfängt, hat es schwer.
Dem stimme ich zu. Aber er hat ja noch zwei Jahre Zeit, einen Krieg gegen den Iran vom Zaun zu brechen. Für seine Wiederwahl.
klickboom 15.10.2010
4. richtig so
Wer einen Messias erwartete, bekam einen Tiefflieger.
SBorst, 15.10.2010
5. Negative?
Zitat von iosono3haben Ängste? das glaube ich nicht-jedes mal wenn es wieder Thema ist dann lacht man die Deutschen wegen Ihrer ''German Angst' aus.' Zwar haben Amerikaner Angst ,wenn eine Gesundheitsreform durchgeführt wird das dann der Kommunismus in Amerika Einzug hält,oder wenn Sadam Amerika droht dann muss man Krieg machen weil man Angst hat....... aber sonst sich lustig machen über die ''German Angst''. Vor allem deutsche Blogger machen sich darüber Lustig und verweisen auf die immer ''positiv'' eingestellten Amerikaner die so ganz anders sind als wir negativen Deutschen........ Wir sind halt anders und leben nicht nach der Devise ''wird schon gut werden'' oder ''Gott wird es schon richten''---und das ist auch gut so.))
Klar, man macht sich sorgen, ueber econmy, jobs, taxes, Big Government. Dementsprechend ist der Wunsch nach einer Kurskorrektur gross. Tea Party und GOP haben Zulauf - und deren Anhaenger sind ungemein optimistisch und engagiert. Es sind nicht nur "alte reaktionaere Knacker", welche die Politik von Obama und seiner satten demokratischen Kongressmehrheit ablehnen. Die Dems haben satt vergeigt und am 2.11. gibt's die Quittung dafuer. Der Hase laeuft eben nicht so, wie es deutsche SPIEGEL-Reporter und Sozialarbeitermafia gerne haetten. Der "european nanny state" ist hier megaout! Letzte Woche gab's eine Meinungsumfrage zum Thema: Wer ist/war der bessere President: W oder Obama? W wurde zweiter, aber der Amtsinhaber brachte es gerade auf 47:43 Prozent. Und dass nach 2 Jahren im Amt ... Wer von den Obamajublern haette das vor 2 Jahren gedacht?Obama auf den Spuren des wiedergeborenen Erdnussfarmers ...
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