Jungunternehmer in Laos Die Kriegskinder kehren zurück

Krise - welche Krise? Das kommunistische Laos bleibt von den Folgen der globalen Rezession verschont: Dieses Jahr werden sechs Prozent Wachstum erwartet. Eine zentrale Rolle beim Aufbau spielen Heimkehrer aus Deutschland und Frankreich mit schillernden Lebensläufen.

Aus Vientiane berichtet Jürgen Kremb


An einem Abend wie diesem, wenn die feuchte Luft vom Mekong heraufweht und die Zikaden ihr schrilles Konzert anstimmen, im Garten hinter der französischen Kolonialvilla am nördlichen Stadtrand von Vientiane, der Hauptstadt von Laos, dann glaubt man ihn wieder zu riechen. Es ist der Duft von Champagner und Cognac, der sich mit dem süßlichen Geruch von Orchideen vermischt.

Das liegt vor allem daran, dass Sinouk ("Eric") Sisombat, 55, ein großartiger Erzähler ist. Wenn er von seiner Kindheit berichtet, damals als in diesem Haus noch Prinzen und Generäle ein- und ausgingen, dann scheint die Vergangenheit Indochinas wieder aufzuerstehen. Es war die Zeit, als Laos noch das "Reich der tausend Elefanten" genannt wurde und seine Familie zu den einflussreichsten des Landes gehörte.

Daran möchte er jetzt gerne wieder anknüpfen, und die Zeichen stehen gar nicht schlecht. "Von der Finanzkrise spüren wir hier fast gar nichts", sagt er. Jetzt erweist es sich als Vorteil, dass sich das kleine Land mit seinen knapp sieben Millionen Einwohnern erst vor wenigen Jahren ausländischen Investoren geöffnet hat. "Unsere Banken sind noch kaum mit dem Ausland verflochten, es geht uns relativ gut."

Familie mit Geschichte

Der gute Ruf der Familie fußt auf dem Lebenswerk des Vaters. Sinouk Sisombat war einer der ganz großen Unternehmer im alten französischen Indochina. 1954, dem Jahr in dem die Franzosen ihre Schicksalsschlacht in Dien Bien Phu gegen die vietnamesischen Kommunisten verloren, errang er in seiner Heimatstadt Pakse den Parlamentsitz für die laotischen Royalisten. Bald verkaufte er als Generalvertreter französischer Firmen auch Champagner und edle Spirituosen. 1957 kam die Repräsentanz für Daimler-Benz dazu. Das sicherte den Zugang zu den Herrschenden.

Aber nachts, wenn die Bourgeoisie nach Hause ging, traf der alte Sisombat heimlich seinen Jugendfreund Khamtai Siphandon. Er war Untergrundführer der Pathet Lao, der kommunistischen Widerstandsbewegung, aus der später die Revolutionäre Volkspartei (LPRP), Laos KP hervorgehen sollte. Doch obwohl die beiden in den dreißiger Jahren zusammen die Schulbank gedrückt hatten, konnte der Rebell nicht verhindern, dass Sinouk Sisombat im Sommer 1975, bald nach der Machtübernahme durch die Kommunisten, mit seiner Familie nach Paris flüchtete.

Das war auch gut so. Denn in Laos gaben in den späten Siebzigern kampferprobte Vietnamesen den Ton an. Mitläufer des alten Regimes wurden zu "Marxismus-Seminaren" abgeholt, so hießen die Umerziehungslager für Regimegegner.

Doch auch im Ausland ließ der Vater die Beziehungen zu den Kommunisten nicht abreißen. Das merkte der Sohn, der im Exil nur mehr "Eric" genannt wurde, erst 1989. Gorbatschow hatte auch der laotischen Volkspartei den Geldhahn zugedreht. Hungersnöte waren die Folge.

"Landwirtschaft ist ein guter Puffer gegen Krisen"

Da kam der alte Jugendfreund Khamtai, mittlerweile Präsident in Laos geworden, auf Staatsbesuch in den Elysée-Palast. Er, der als Stalinist galt, bestand darauf, dass der alte Royalist, Geschäftsmann Sinouk, beim Galadinner neben ihm saß. "Das Land braucht dich", sagte er. Der Vater ging zurück und Sohn Eric musste folgen, denn ein asiatischer Familienpatriarch lässt keine Widersprüche zu.

Bereut hat der Unternehmer das selten - dieser Tage schon gar nicht. Denn während seine alte Heimat Europa mit den Folgen der weltweiten Rezession kämpft, sind die Auswirkungen am Mekong gering. Das Wachstum des kleinen Landes belief sich letztes Jahr auf 7,8 Prozent. In diesem Jahr möchte die KP noch sechs Prozent erreichen.

Einbrüche erleidet nur die Textilindustrie, und auch im Hochland, wo vor einem Jahr noch ausländische Minenkonzerne den Urwald rodeten, um nach Gold und Kupfer zu suchen, ist es jetzt sehr still geworden.

"Aber die Mehrheit der Laoten lebt noch von der Landwirtschaft", sagt Sinouk, "das ist auch ein guter Puffer gegen Krisen." Sinouk selbst hat sich in Pakse, dort wo sein Vater heute begraben ist, Plantagen gekauft und wird bald "organischen" Kaffee nach Europa und China exportieren. "Ich spüre kaum etwas von den Problemen dort", sagt der Mann voller Optimismus, "und selbst wenn sie uns erreichen, wird sich Asien am schnellsten aus von dem Schlamassel wieder erholen."

Es roch ständig nach verschmortem Fleisch und Blut

Ganz so optimistisch ist Sousath Phetrasy, 51, nicht, obwohl seine Vita sich gar nicht so sehr von der Sinouks unterscheidet – wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen. Sousaths Vater war einer der bedeutendes Führer der Pathet Lao. In dem Städtchen Phonsavan, das bei der historischen Fundstätte der "Ebene der Tonkrüge" liegt, betreibt er heute mit dem "Maly-Hotel" eine Herberge für ausländische Touristen.

"Seit dem vergangenen Herbst verzeichnen wir 30 Prozent weniger Besucher", sagt der Hotelbesitzer lakonisch, "aber wir haben schon schlimmeres überlebt." Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn 1968 war seine Heimat zum Hauptschlachtfeld des Krieges in Laos geworden. Fünf Jahre lebte Sousaths Familie damals in einer Höhle an der Grenze zu Vietnam, immer in Angst vor den Angriffen der amerikanischen B-52-Bomber, die den Dschungel mit einem Teppich von Splitterbomben überzogen.

Es roch ständig nach verschmortem Fleisch und Blut. Erst als er auf Betreiben der Pathet Lao in eine Schule für "Junge kommunistische Kader" ins chinesische Nanning geschickt wurde, konnte er wieder ruhig schlafen. 1987 machte Sousath in der DDR einen Abschluss in Nationalökonomie. Thema: "Der Schwarzmarkt im Sozialismus." Vielleicht zieht er daraus sein Vertrauen, dass auch Vientianes junger Kapitalismus mit kommunistischem Überbau sich bald wieder erholen wird.



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