Justin Trudeau bei Donald Trump Der nette Nachbar aus Kanada

Das erste Treffen mit Donald Trump war ein Drahtseilakt für Justin Trudeau. Um ihre gute Zusammenarbeit zu demonstrieren, haben die beiden ein vermeintlich gemeinsames Anliegen entdeckt: die Gleichberechtigung von Frauen.

REUTERS

Von , Washington


Beziehungen unter Nachbarn seien ja oft komplex, sagt Justin Trudeau. Der kanadische Premierminister steht an einem Rednerpult im Weißen Haus, neben ihm der US-Präsident Donald Trump. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher kaum sein, doch heute wollen sie vor allem eins demonstrieren: dass sie gut miteinander können.

Trudeau ist nach Washington gekommen, um eine Beziehung zum neuen Mann im Weißen Haus aufzubauen. Für den 45-Jährigen ist das Treffen ein Drahtseilakt: Der US-Präsident ist in Kanada sehr unbeliebt. Ob beim Klimawandel oder der Einwanderungspolitik, fast in allen Punkten vertritt Trump eine andere Politik als Trudeau. Viele Kanadier erwarten von ihrem Regierungschef, dass er die Differenzen zur Sprache bringt. Zugleich ist Kanada auf die USA als Handelspartner angewiesen, drei Viertel der Exporte gehen dorthin. Es dürfte im Vorfeld nicht leicht gewesen sein, unverfängliche Themen für die ersten Gespräche zu finden.

Da kommt das Bild der Nachbarschaft ganz recht. "Jeder Tag, an dem ich unsere südlichen Nachbarn besuche, ist für mich ein guter Tag", sagt Trudeau. Die USA seien sehr glücklich, einen Nachbarn wie Kanada zu haben, erwidert Trump und zählt auf, was die beiden Länder verbindet: Handel, der Kampf gegen Terrorismus, Sicherung von Jobs und Wohlstand. Gemeinsame Werte, fügt Trudeau noch hinzu.

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Besuch in Washington: Trudeau trifft Familie Trump

Für den Kanadier bedeutet das auch, eine Politik der Offenheit fortzusetzen. "Wir werden weiterhin Flüchtlinge aus Syrien bei uns willkommen heißen", sagt Trudeau auf die Frage eines kanadischen Journalisten. Mit einem ähnlichen Statement hatte der kanadische Premier Ende Januar auf das von Trump erlassene Einreiseverbot für Flüchtlinge und Staatsangehörige aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern reagiert. Offene Kritik an den USA? Fehlanzeige: Es gebe verschiedene Ansätze in beiden Ländern, aber es sei nicht seine Aufgabe, andere Länder zu belehren, sagt der kanadische Premier.

Video: Trump und Trudeau - Gemeinsam für die Frauen (engl.)

Trudeau hilft bei der PR der Familie Trump

Statt auf Kritik setzt Trudeau bei seinem Besuch auf seinen Charme. Er hat Trump ein Foto mitgebracht. Es zeigt den US-Präsidenten mit Trudeaus verstorbenem Vater, dem ehemaligen kanadischen Premierminister Pierre Trudeau, im Waldorf-Astoria Hotel in New York. Ein Geschenk ganz nach dem Geschmack Trumps. Er habe Pierre Trudeau sehr geschätzt, das Foto werde er an einem "ganz besonderen Platz" aufstellen, lässt der US-Präsident mitteilen.

Das zweite Geschenk Trudeaus besteht in positiver PR für den US-Präsidenten: Trudeau und Trump wollen sich gemeinsam für Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsleben einsetzen, dafür habe man eine gemeinsame Initiative gegründet. Die Idee dafür sollen die Kanadier gehabt haben, Ivanka Trump hilft bei der Umsetzung und sitzt beim Gespräch mit Unternehmerinnen aus den USA und Kanada neben Trudeau am Tisch.

Es ist das erste Mal, dass der Einfluss von Trumps ältester Tochter offensichtlich wird. Offiziell hat die 35-Jährige keinen Posten in Washington, viele halten sie jedoch für die inoffizielle First Lady. Schon im Wahlkampf hatte Ivanka Trump über Kinderbetreuung, gleiche Bezahlung und Mutterschutz gesprochen. Nun also ein gemeinsamer US-kanadischer Rat für Frauenrechte.

Es scheint, als ginge Trudeaus Taktik im Umgang mit Trump zumindest vorerst auf. Doch bei aller Harmonie, die Konfliktthemen haben beide Politiker beim ersten Treffen weitestgehend ausgespart. Kein Kommentar zur künftigen Klimapolitik, nur ein kurzer Verweis auf Umweltbedenken beim Bau der umstrittenen Keystone XL Pipeline.

Die Zukunft der Handelspartnerschaft Nafta könnte schon bald für Spannungen sorgen: Trump hat angekündigt, das Abkommen neu zu verhandeln, Trudeau will daran festhalten. Es dürfte die erste Bewährungsprobe für die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Kanada und den USA werden.

Video: Trump empfängt Trudeau - Der Händedruck

Wie komplex der Alltag zwischen beiden Ländern ist, machte schon Trudeaus Vater Pierre 1969 in einem Vergleich deutlich: "Neben Ihnen zu leben, ist auf gewisse Weise, wie neben einem Elefanten zu schlafen", sagte er vor amerikanischen Journalisten. "Egal wie freundlich und ausgeglichen das Tier auch sein mag, man ist von jedem Zucken und Brummen betroffen."

Mit Material von Agenturen

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micromiller 14.02.2017
1. Trudeau ist ein intelligenter, junger Politiker,
der mit Trump die Gemeinsamkeiten auslotet, um einen positiven Tenor zu entwickeln und von dort aus den Rest mit einem einvernehmlichen Konsens abzuwickeln. Ich wünsche mir mehr solcher vorbildlichen, zielorientierten, ausgeglichen Männer in der Politik.
nofreemen 14.02.2017
2. Erfolg muss verdient sein, den Neid bekommt man gratis dazu.
Wie lange die Harmonie der ungleichen Partner anhalten wird, sei unklar. Als ob der Streit Program wäre. Trump ist ein gestandener Familienvater und beliebt bei seinen Kindern. Er ist es gewohnt hormonie zu sähen, sonst hätten ihn die Kinder nicht so lieb. Er trinkt nicht, nimmt keine Drogen, ist nicht depressiv und kümmert sich um seine Familie. Viele seiner Kritiker können von solchem einem Leben und Erfolg nur träumen.
totalmayhem 14.02.2017
3. Vermeintlich
ein "vermeintlich" gemeinsames Anliegen entdeckt: Die Gleichberechtigung von Frauen. Soll das jetzt eine Anspielung auf den "womanizer" Daddy Pierre Elliot Trudeaux oder Donald, den Trumpel, sein? Der Spiegel stand mal fuer objektive Berichterstattung aber der popelige Online-Ableger ist einfach nur noch unertraeglich mit seinen taeglichen Hasst-den-Trump Postings. Tut mir leid, aber das sind nicht einmal Fake News, nur noch dummes Geschwafel. Ist Trudeaux Jr bloss nach Wagington gekommen um "schoen Wetter" zu machen? Donald-Kritik Fehlanzeige? Na sowas aber auch... Der Kanadier weiss genau, wie sehr man auf den Nachbarn USA angewiesen ist, der Deutsche muss erst noch lernen, was es heisst sich einen Praesidenten zu leisten, der dass Dtaatsoberhaupt des wichtigsten Buendnispartners als "Hassprediger" verunglimpft.
hansriedl 14.02.2017
4. US-Präsident Trump
will Handelsbeziehungen mit Kanada "optimieren" Demonstrative Einigkeit – Trudeau will USA bei Einwanderung "nicht belehren" – Widersprüchliche Aussagen zu Flynn. Kein dümmlich-moralisierendes Belehren, sondern ein geschickt-freundliches Auftreten - Der Kanadier Trudeau macht es vor... ... und zeigt den europäischen "Spitzenpolitikern", wie man es richtig macht. Die Vereinigten Staaten - mit einem jährlichen BIP von 18 Billionen Dollar (Deutschland: 3,6 Billionen) größte Volkswirtschaft der Welt - bedürfen keiner Belehrungen von sich selbst überschätzenden Politdarstellern aus Europa. Trudeau auf der Pressekonferenz im Weißen Haus:
tailspin 14.02.2017
5. Wo ist das Problem?
Verstehe nicht, warum eine Frau nicht so gleichberechtigt seine soll wie die naechste. Diese Politiker entwerfen Problemloesungen fuer Fragen, die keiner gestellt hat.
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