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05. August 2014, 15:09 Uhr

Gefechte im Osten

730.000 Ukrainer wandern nach Russland aus

Seit Jahresbeginn sind rund 730.000 Menschen aus der Ukraine nach Russland ausgewandert. Das Uno-Flüchtlingswerk hält die Zahlen aus Moskau für glaubwürdig.

Genf - Noch immer liefern sich prorussische Separatisten und die ukrainische Armee schwere Gefechte in der Ostukraine - Tausende Menschen fliehen vor der Gewalt. Nach russischen Angaben sind es seit Jahresbeginn rund 730.000 Menschen, die von der Ukraine nach Russland auswanderten. Diese Zahlen seien glaubwürdig, sagte der Vertreter des Uno-Flüchtlingswerks (UNHCR), Vincent Cochetel. Doch nicht alle von ihnen seien Flüchtlinge.

Zudem gebe es in der Ukraine selbst 117.000 Vertriebene. Das teilte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen am Dienstag mit. Tag für Tag wachse die Zahl der Vertriebenen um etwa 1200 an.

Die Angaben zeichnen das Bild von einer Flüchtlingswelle, die viel größer ist als bislang angenommen. Bislang diente die Zahl von 168.000 Flüchtlingen, die bei den russischen Einwanderungsbehörden gemeldet waren, als Orientierung für das Ausmaß der Flüchtlingswelle.

Seit Monaten dauern die schweren Gefechte im Osten des Landes an. Ganze Städte waren zum Zeitpunkt der Kämpfe weitgehend entvölkert. Viele ethnische Russen in der Ukraine fürchten zudem Repressalien der Regierung in Kiew.

Moskau hatte bereits Anfang Juli eine zunehmende Zahl an Flüchtlingen beklagt. Kreml-Chef Wladimir Putin hatte darüber mit dem Nationalen Sicherheitsrat gesprochen. Nach Angaben von Behörden hatten bereits Hunderttausende Ukrainer Zuflucht in Russland gesucht. Die Gebietsverwaltung in Rostow am Don hatte in mehreren Grenzregionen zur Ukraine den Ausnahmezustand verhängt.

Separatisten behindern Krankenversorgung

Die Regierungstruppen versuchen seit Wochen, die Separatisten aus ihren Hochburgen in der Ostukraine zu vertreiben. So wurde am Dienstagmorgen deutlich, dass die ukrainische Armee den Ring um Donezk immer enger zieht. Schwere Kämpfe wurden aus dem Umland der von den Separatisten besetzten Millionenstadt gemeldet. Insgesamt wurden nach Angaben der Vereinten Nationen in dem Konflikt bislang mehr als 1100 Menschen getötet und mehr als 3400 verletzt.

Denjenigen, die in den umkämpften Gebieten bleiben, erschweren die prorussischen Separatisten offenbar den Zugang zu ärztlicher Behandlung. Nach Angaben von Menschenrechtlern hätten die Aufständischen in den von ihnen kontrollierten Gebieten Krankenhäuser besetzt sowie Rettungswagen und Medikamente entwendet. Das erklärte die Organisation Human Rights Watch (HRW) am Dienstag. Die Separatisten nutzten demnach mehrfach Krankenwagen zum Transport ihrer Kämpfer.

HRW warf den Rebellen auch vor, bewaffnete Wachen vor medizinischen Einrichtungen postiert zu haben. Dadurch würden diese zu möglichen Angriffszielen. Seit Juni wurden nach Angaben der Organisation mindestens fünf Kliniken in der Region beschossen, vermutlich durch die ukrainische Armee. Dabei seien zwei Mitarbeiter getötet worden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 730.000 Menschen seien "nach Angaben der Uno" aus der Ukraine nach Russland geflohen. Die Uno hatte mit diesen Zahlen jedoch die russische Regierung zitiert, hält die Angaben aber für glaubwürdig. Wir haben den Artikel entsprechend verändert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

vek/Reuters/AFP

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