Straßenschlachten, Tote, Verletzte Neuer Gewaltausbruch droht Ukraine zu zerreißen

Die Polizei schießt in die Menge auf dem Maidan, die Demonstranten greifen mit Brandsätzen an. Der ukrainische Präsident Janukowitsch und seine Gegner lassen die Gewalt sprechen. Ein Zerfall des Landes ist jetzt nicht mehr ausgeschlossen.

Aus Kiew berichtet


Seit Ende November schon stehen sie sich unversöhnlich in Kiew gegenüber, die Gegner des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und das Regierungslager mit seinen "Berkut"-Polizeieinheiten. Sie haben verhandelt, über Wochen, über die Räumung besetzter Gebäude, über die Freilassung von inhaftierten Demonstranten, aber die Zeit für Gespräche ist vorbei: Beide Seiten lassen jetzt die Gewalt sprechen.

Das Leben der anderen zählt nicht mehr viel in Kiew. Nicht für die Kommandeure der Sondereinheit "Berkut", die nicht nur Knüppel und Tränengas einsetzte, sondern auch mit scharfer Munition in die Menge schoss. Aber auch die selbsternannte "Bürgerwehr des Maidan" schonte ihre Gegner nicht, die vermummten Kämpfer schleuderten Molotow-Cocktails in die Reihen der Polizisten. Sie hören wohl längst nicht mehr auf das Kommando der politischen Führer Arsenij Jazenjuk und Vitali Klitschko.

Kiew hat eine der blutigsten Nächte hinter sich, die Osteuropa seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt hat. In Kiew steht das Zeltlager der Gegner von Präsident Janukowitsch in Flammen, die brennenden Barrikaden tauchten den Maidan noch in den frühen Morgenstunden in gespenstisches Licht. Das besetzte Gewerkschaftshaus - bislang Hauptquartier der Opposition - brannte (Lesen Sie hier auch den Nachrichtenüberblick aus der Nacht).

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Ukraine: Molotow-Cocktails und scharfe Munition
In Lwiw im Westen steckten Demonstranten einen besetzten Panzerwagen der Polizei in Brand. In der Stadt Ternopol stürmten Regierungsgegner das Büro der Staatsanwaltschaft, sie zündeten eine Polizeistation an. Ukrainische Medien berichten, dass Polizeieinheiten in Ternopol auf die Seite der Demonstranten überliefen. Diese Szenen rufen nicht mehr Erinnerungen an die friedliche Revolution in Orange vor zehn Jahren wach, sondern an einen Bürgerkrieg.

Klitschko geht in kugelsicherer Weste auf den Maidan

Elf Tote melden die Regierungsgegner bis zum frühen Morgen, viele davon sollen mit scharfer Munition erschossen worden sein. Das Innenministerium wiederum zählt allein sieben tote Polizisten. Das Gesundheitsministerium gibt die Zahl der Toten mit 25 an. Über das Internet verbreiteten Regierungsgegner Aufnahmen, die Leichen an den Barrikaden zeigten. Auf sozialen Netzwerken wie Twitter machten aber auch Aufnahmen die Runde, die schwer verletzte Polizisten zeigten.

Mit Lautsprecherdurchsagen forderte die dem Präsidenten ergebene "Berkut"-Einheit die Demonstranten auf, den Maidan zu räumen. Man plane eine "Anti-Terror-Operation". Von der Bühne des Protestlagers riefen die Redner aber im Gegenteil die Bürger Kiews auf die Straße: "Steh auf, Ukraine, das Schicksal unserer Kinder steht auf dem Spiel. Tod unseren Feinden!" Einer der Anführer der politischen Opposition, Vitali Klitschko, stieß in kugelsicherer Weste zu den Menschen auf dem Maidan.

Die Gewalt hatte sich am Dienstag entzündet, als Regierungsgegner zum Parlamentsgebäude ziehen wollten. Die Opposition hatte einen friedlichen Protestmarsch angekündigt, dann aber flogen Steine und Brandsätze. Die Sicherheitskräfte schlugen brutal zurück. Manchen Beobachter in Kiew erinnert das an jene blutigen Zusammenstöße, die Anfang der neunziger Jahre das Auseinanderbrechen der Sowjetunion begleiteten, vor allem im Baltikum und im Kaukasus.

Der Zerfall der Ukraine ist nicht mehr ausgeschlossen

Nichts scheint mehr ausgeschlossen, auch nicht der Zerfall der Ukraine. Gespalten war das Land schon immer seit seiner Unabhängigkeit, ein Staat mit sehr unterschiedlichen Kraftzentren. Im strukturschwachen Westen haben Nationalisten das Sagen, die Russland hassen. Im Osten sprechen sie sogar mehrheitlich Russisch, dort liegen die Hochburgen des Präsidenten, und auch der Süden orientiert sich eher an Russland. Dazwischen liegt das kosmopolitische Kiew, die Hauptstadt, die Janukowitsch nie geliebt hat. Hinter den Kulissen ziehen Oligarchen die Strippen, undurchsichtige Wirtschaftsmagnaten, die eine Regierung so lange stützen, wie es sich für sie lohnt.

Seit der Unabhängigkeit 1991 haben sich die Machtzentren miteinander arrangiert, oft mehr schlecht als recht, in der Regel aber friedlich. Nun aber regieren Hass und Gewalt. In Kiew wächst die Zahl der Zweifler, die nicht mehr daran glauben, dass die Ukraine zurückkehren kann zu diesem Status quo.

Der große Nachbar Russland macht sich seit Wochen unverhohlen stark für eine größere Autonomie der Regionen, "Föderalisierung" lautet das Stichwort, so könnte Moskau zumindest die Industriereviere im Osten des Landes stärker an sich binden.

Dabei ist Russland nicht glücklich mit Janukowitsch. Der Präsident gilt zwar als prorussisch, hat aber kein Interesse daran, von Moskau zum Vasallen degradiert zu werden. Vielen im Kreml gilt er als Verräter. Putins Ukraine-Berater Sergej Glasjew vertritt seit Wochen die Meinung, Janukowitsch hätte den Maidan längst zusammenschießen lassen sollen. Als Janukowitsch am Dienstagabend Putin sprechen wollte, ließ der ihn demonstrativ zappeln.

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in der Nacht bestellte Janukowitsch dann Klitschko zu Gesprächen in seine Residenz in der Bankowa-Straße. Der Staatschef ließ ihn erst Stunden warten, dann hatte er Klitschko wenig zu sagen. Die Demonstranten sollten abziehen, forderte Janukowitsch. Zugeständnisse bot er nicht an. Klitschko verließ das Treffen resigniert.

Janukowitsch erklärte anschließend, die Opposition sei für die Eskalation verantwortlich. "Die Oppositionsführer haben das Prinzip der Demokratie verletzt, wonach man die Macht durch Wahlen erhält und nicht durch die Straße", sagte der Präsident. Die für die Gewalt Verantwortlichen würden vor Gericht gestellt werden.

Nach Mitternacht, die Flammen tanzten weiter über die Barrikaden und Zelte des Maidan, bestieg ein Priester die Bühne und begann zu beten.

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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
HerrZlich 19.02.2014
1. Starter
Zitat von sysopDPADie Polizei schießt in die Menge auf dem Maidan, die Demonstranten greifen mit Brandsätzen an. Ukraines Präsident Janukowitsch und seine Gegner lassen die Gewalt sprechen. Ein Zerfall des Landes ist jetzt nicht mehr ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kaempfe-in-kiew-janukowitschs-truppen-gegen-klitschkos-opposititon-a-954328.html
Ein Satz drückt alles aus , was abgeht. "Demonstranten greifen mit Brandsätzen an - Ukraines Präsident Janukowitsch und seine Gegner lassen die Gewalt sprechen". Dem gibt es nichts hinzuzufügen.
habenichts2 19.02.2014
2. Ziel erreicht
Zitat von sysopDPADie Polizei schießt in die Menge auf dem Maidan, die Demonstranten greifen mit Brandsätzen an. Ukraines Präsident Janukowitsch und seine Gegner lassen die Gewalt sprechen. Ein Zerfall des Landes ist jetzt nicht mehr ausgeschlossen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kaempfe-in-kiew-janukowitschs-truppen-gegen-klitschkos-opposititon-a-954328.html
Nun hat der Westen das erreicht, was er von Anfng an angestrebt hat! Bürgerkrieg! Und wer übernimmt die Verantwortung für die Toten?
ak-73 19.02.2014
3. Und das alles nur wegen der EU
Kiew hat mehr mit Moskau gemeinsam als mit Brüssel.
vrdeutschland 19.02.2014
4. Der übergesprungene Funke
Es geht schon längst nicht mehr darum, ob die Ukraine in Richtung Europa oder Rußland tendiert. Nein, es geht um den aufgestauten Frust in der Bevölkerung, dass sich einige wenige hundert die Taschen vollstopfen und nur noch abkassieren, der Schwur, dem eigenen Volk und Land zu dienen eine Farce geworden ist. Leider ist es mittlerweile so, dass dies auf 90 % der Ländern weltweit zutrifft. Der Leidensdruck ist allerdings noch nicht hoch genug und so begibt man sich nur als Wahlvieh an die Urnen...
hansgustor 19.02.2014
5. Merkel unterstützt Klitschko
Glaubt immer noch jemand dass die Demonstranten die Guten sind?
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