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Kämpfe in Libyen: Gaddafi trommelt zur Entscheidungsschlacht

Die Uno will bald über eine Flugverbotszone entscheiden - doch dann könnte es für die libyschen Rebellen schon zu spät sein. Diktator Gaddafi kündigt für diesen Donnerstag eine "entscheidende Schlacht" um die Stadt Misrata an - Diplomaten befürchten einen Völkermord.

Libyen: Gaddafis Soldaten vor dem Ziel Fotos
REUTERS

New York/Tripolis - Die Truppen von Muammar al-Gaddafi drängen die Rebellen auch im Osten Libyens immer weiter zurück. Die strategisch wichtige Stadt Adschdabija ist nahezu wieder unter Kontrolle der Regierungssoldaten, und von dort aus sind es dann nur noch 160 Kilometer bis Bengasi, dem Zentrum der Aufständischen.

Der Widerstand der Rebellen könnte also schon bald endgültig gebrochen werden, doch die internationale Staatengemeinschaft tut sich noch immer schwer, ein Flugverbot über Libyen zu beschließen. Der Sicherheitsrat einigte sich am Mittwoch in New York lediglich auf einen vorläufigen Resolutionsentwurf, über den am Donnerstag abgestimmt werden sollte. Nach einer siebenstündigen Sitzung in New York teilten Uno-Botschafter mit, das Gremium habe einen Resolutionsentwurf ausgearbeitet, der eine Flugverbotszone über Libyen vorsieht. Der Entwurf habe mehrere Standpunkte berücksichtigt, sagte ein Uno-Botschafter. "Aber das heißt nicht, dass er in Stein gemeißelt ist." Demnach können die 15 Sicherheitsratsmitglieder den Text noch verändern.

Vor allem Frankreich macht sich für ein Flugverbot stark. Unterstützung erhielt Präsident Nicolas Sarkozy von Großbritannien. Mehrere Länder, darunter die Vetomächte China und Russland, aber auch das nicht-ständige Mitglied Deutschland, fürchten dagegen die Verwicklung in einen Krieg in Libyen.

In der Sicherheitsrats-Sitzung warnte der stellvertretende libysche Uno-Botschafter Ibrahim Dabbaschi, der sich Ende Februar von seiner Regierung losgesagt hatte, vor einem "Völkermord". Er rief die internationale Gemeinschaft zu einem raschen Eingreifen auf. Eindringlich appellierte auch der australische Außenminister Kevin Rudd an die Uno. Er warnte davor, die Libyen-Krise zu einem weiteren Versagen der internationalen Gemeinschaft bei der Rettung unschuldiger Menschen werden zu lassen. Er hoffe, dass die internationale Gemeinschaft aus der Geschichte Lehren ziehe und handle, um das mögliche "groß angelegte Abschlachten libyscher Bürger" zu verhindern, sagte Rudd dem australischen Rundfunksender ABC.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bekräftigte seine Ablehnung einer Flugverbotszone. "Auch eine Flugverbotszone ist ein militärisches Eingreifen", sagte er dem Deutschlandfunk. Diese würde auch einen Angriff auf Gaddafis Bodentruppen beinhalten. "Ich will nicht, dass deutsche Soldaten in einen Krieg in Libyen verwickelt werden." Deutschland sollte aus der jüngeren Geschichte gelernt haben, dass eine deutsche militärische Intervention "keine Lösung" sei. Westerwelle betonte, dass er dafür die Verantwortung vor allem bei den Staaten der Arabischen Liga sehe. Deutschland bleibe jedoch nicht tatenlos, sondern arbeite daran, den politischen Druck auf das Gaddafi-Regime durch harte Sanktionen zu erhöhen.

Der Weg nach Bengasi ist für Gaddafis Truppen bald frei

Doch die Zeit läuft davon. Gaddafi kündigte für diesen Donnerstag eine "entscheidende Schlacht" um die Stadt Misrata im Westen an. "Ab heute (Mittwoch) Abend werdet ihr an den Waffen trainiert, und morgen werdet ihr an der Schlacht teilnehmen", sagte der Despot bei einem Treffen mit jungen Menschen aus Misrata.

Am Mittwoch hatte ein Rebellensprecher gesagt, Gaddafis Truppen hätten Misrata angegriffen. Dabei seien mindestens vier Menschen getötet und zehn verletzt worden. Unter den Toten seien zwei Zivilisten, deren Häuser blind mit Granaten angegriffen worden seien. Die Stadt 210 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis werde von allen Seiten attackiert, sei aber noch immer unter Kontrolle der Rebellen, hatte der Sprecher gesagt. Bewohner berichteten jedoch auch, inzwischen seien Wasser und Strom ausgefallen.

Das libysche Staatsfernsehen verkündete am Mittwochabend bereits die Einnahme der Stadt Adschdabija durch Gaddafis Truppen. Damit wäre der Weg auf die Rebellenhochburg Bengasi frei. Das Internationale Rote Kreuz zog wegen des Vormarschs der Regierungstruppen bereits seine Mitarbeiter aus Bengasi ab und versetzte sie in die weiter östlich gelegene Stadt Tobruk.

Gaddafi bezeichnete die Aufständischen in einem Interview mit der französischen Zeitung "Le Figaro" erneut als Agenten des Terrornetzwerkes al-Qaida: "Das sind nicht die Leute, mit denen man einen Dialog in Betracht ziehen kann". Die Rebellion nannte er "ein Komplott gegen das libysche Volk". "Mein Sorge ist es , die Bevölkerung von den bewaffneten Banden, die Bengasi besetzen, zu befreien." Es sei sehr gut möglich, dass diese Rebellen Zivilisten töteten und dies dann der libyschen Armee anhängen wollten.

Gaddafi leugnete, dass es überhaupt eine Opposition gebe. Alle Demonstrationen, die augenblicklich zu sehen seien, seien von den Massen organisiert, die ihn unterstützten, sagte der Machthaber. Mit dem Einsatz von Gewalt würden seine Truppen nur einen Tag brauchen, um die Kontrolle über das Land wieder zu erlangen. Jedoch wollten sie unter Einsatz unterschiedlicher Mittel die "bewaffneten Banden schrittweise zerschlagen", sagte der Diktator.

als/AFP/DAPD/dpa

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Einfach nur traurig - unsere Schande...
sir_popper 17.03.2011
Zitat von sysopDie Uno will bald über eine Flugverbotszone entscheiden - doch dann könnte es für die libyschen Rebellen schon zu spät sein. Diktator Gaddafi kündigt für diesen Donnerstag eine "entscheidende Schlacht" um die Stadt Misrata an - Diplomaten befürchten einen Völkermord. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751402,00.html
Wenn dieser lächerliche, aber leider auch unglaublich böse Despot, zusammen mit seinem moralisch verkommenen Clan, wie jetzt absehbar, die lybischen Aufständischen niederschlagen wird, dann können wir - also die ach so auf Demokratie pochenden westlichen Länder und ihre Regierungen, allen voran Merkel/Westerwelle - unsere Mittäterschaft nicht leugnen. Es ist unsagbar traurig, was da (im Schatten von Japan) passiert. Unsere Politiker sollten sich nie mehr hinstellen und ihre üblichen Sonntagsreden halten - NIEMAND glaubt ihnen mehr!
2. Und wieder einmal ..
ugt 17.03.2011
Zitat von sysopDie Uno will bald über eine Flugverbotszone entscheiden - doch dann könnte es für die libyschen Rebellen schon zu spät sein. Diktator Gaddafi kündigt für diesen Donnerstag eine "entscheidende Schlacht" um die Stadt Misrata an - Diplomaten befürchten einen Völkermord. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751402,00.html
... beweisen die Vereinten Nationen ihre Entschlusskraft und Entscheidungsfreudigkeit. Wenn alles vorbei ist kommen Politiker aus den Ecken geschlichen und lamentieren was wäre wenn gewesen.
3. Wozu braucht Europa die NATO, wozu Militärflugzeuge?
merapi22 17.03.2011
Zitat von sysopDie Uno will bald über eine Flugverbotszone entscheiden - doch dann könnte es für die libyschen Rebellen schon zu spät sein. Diktator Gaddafi kündigt für diesen Donnerstag eine "entscheidende Schlacht" um die Stadt Misrata an - Diplomaten befürchten einen Völkermord. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751402,00.html
Der Volksaufstand wird mit aller Militärmacht dem den Despoten Gaddafi zur Verfügung steht niedergeschlagen und Europa schaut nur zu! Hätte die NATO in Ostdeutschland 89 genauso zugesehen? In Bosnien hat man die Serben Jahrelang morden lassen, hätte die NATO 1993 mit luftschlägen die serbische Militärmaschinerie zerschlagen, hätten hunderttausende Zivilisten überlebt, wären hundettausende Frauen nicht vergewaltigt worden. Warum nicht gleich das Militär abschaffen, wenn man damit nur sinnlose Krieg wie in Afghanistan führt, aber nicht in der Lage und Willens ist einen Despoten in die WÜSTE ZU SCHICKEN1
4. Toll
panzerknacker51, 17.03.2011
Während die Schnarcher bei der UNO herumdebattieren, schafft Gaddafi Fakten. Was will man eigentlich noch machen, wenn der Oberst seine Macht wieder stabilisiert hat? Oder ist das vielleicht sogar gewollt?
5. In Lybien wieder bald Friedhofsruhe?
sukowsky, 17.03.2011
Der zähe, komische am Anfang der Krise wirkende, mit Regenschirm erscheinende Gaddafi ist leider unterschätzt worden. Nun er wußte, erprobt Jahrzehnte durch Quereleien der anderen Landes-Clans, dass er seinen eigenen Clan bestens auszurüsten hat mit modernsten Waffen. Die Rechnung scheint aufzugehen. Die Weltmachtpolitiker wollen wieder Ruhe haben an der arabischen Front deshalb lassen sie den Gaddafi-Lindwurm wüten. Auch deshalb um den Ölpreis zu dämpfen. Wir werden bald den Ausgang sehen. Die USA haben genug am Hals um da einzugreifen
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Fotostrecke
Libyen: Kampf um Adschdabija
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Jugend von Bengasi: "Gaddafi? Game over!"

Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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