Kämpfe in Libyen Gaddafis Panzer nähern sich Zentrum von Sawija

Gaddafi-treue Truppen stehen offenbar kurz vor der Rückeroberung der Stadt Sawija im Westen Libyens. Wenige hundert Meter vom Zentrum entfernt sollen Panzer stehen, Scharfschützen auf fast allen Häusern postiert sein. In einer neuen Ansprache geißelte Gaddafi eine "Verschwörung des Westens".

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Tripolis - Die schweren Kämpfe um die Stadt Sawija im Westen Libyens spitzen sich zu: Am Mittwochmorgen stellte die dortige Raffinerie wegen heftiger Gefechte ihre Produktion ein, teilte ein Mitarbeiter der Anlage mit. Berichten zufolge stünden Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi kurz vor der Rückeroberung Sawijas. Gaddafi-Truppen kontrollierten die Hauptverkehrsstraße und die Vororte, berichtete ein Kämpfer der Aufständischen.

Panzer seien in 1500 Meter Entfernung vom zentralen Platz zu sehen, der weiter von Rebellen gehalten werde. Scharfschützen der Regierungstruppen seien auf fast allen Häusern postiert. Es werde auf jeden geschossen, der es wage, sein Haus zu verlassen. Die halbe Stadt sei durch Luftangriffe zerstört worden, sagte der Rebellenkämpfer weiter. "Es gibt viele Tote, und sie können nicht einmal beerdigt werden. Sawija ist wie leergefegt, niemand ist auf den Straßen. Keine Tiere, nicht einmal Vögel sind am Himmel."

In den vergangenen Tagen haben Gaddafi-treue Kräfte eine Offensive gegen Aufständische im ganzen Land begonnen. Dabei werden Panzer, Raketen und Kampfflugzeuge eingesetzt. In Staaten des Westens wird daher über die Einrichtung einer Flugverbotszone in Libyen beraten, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

Angesichts der Gewalt in Libyen hatten sich US-Präsident Barack Obama und der britische Premierminister David Cameron darauf geeinigt, keine Option außer Acht zu lassen. Auch die Einrichtung einer Flugverbotszone werde weiter erwogen, teilte das Weiße Haus mit. Gaddafi warnte vor einem solchen Schritt. In einem am Mittwoch ausgestrahlten Interview eines türkischen Fernsehsenders sagte er, das libysche Volk werde dann zu den Waffen greifen und kämpfen.

Die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen werde dazu führen, dass die Libyer die wahren Absichten der Ausländer verstünden, sagte Gaddafi in dem Interview. Der Westen wolle sich die Kontrolle über die Ölvorkommen des Landes sichern und dem Volk die Freiheit rauben.

Verschwörung des Westens

In einer ebenfalls am Mittwoch im libyschen Staatsfernsehen ausgestrahlten Ansprache vor Jugendlichen in der Stadt Sintan, rund 120 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tripolis, rief Gaddafi die Bevölkerung im Osten des Landes dazu auf, wieder die Kontrolle über die von Regierungsgegnern kontrollierten Gebiete zu übernehmen. Der Machthaber beschimpfte die Übergangsregierung der Aufständischen als Bande von Verrätern.

Die USA, Frankreich und Großbritannien hätten sich gegen Libyen verschworen, um die Ölfelder unter ihre Kontrolle zu bringen. Erneut machte er Al-Qaida-Aktivisten aus Ägypten, Algerien, Afghanistan und den palästinensischen Gebieten für den Aufstand verantwortlich. Wann die Ansprache aufgenommen wurde, war zunächst unklar.

Gaddafis Sohn Saif al-Islam erklärte, Libyen sei bereit, ausländische Beobachter ins Land zu lassen, die sich ein Bild von der Lage machen sollten. In einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der bulgarischen Tageszeitung "Trud" sagte er zugleich: "Wir werden die Terroristen besiegen."

Kein Benzin mehr in Ras Lanuf

Die Europäische Union plant nach Angaben von EU-Vertretern unterdessen, die Sanktionen gegen Libyen zu erweitern. Davon betroffen wären auch Staatsfonds sowie die libysche Zentralbank. Es werde erwartet, dass die Sanktionen am Freitag in Kraft träten, berichteten EU-Vertreter in Rom und Brüssel.

Damit würden die EU-Sanktionen über die bereits vom Uno-Sicherheitsrat genehmigten hinausgehen. Diese sind vor allem gegen Gaddafi, seine Familie sowie Geschäftspartner gerichtet. Die Erweiterung der Sanktionen durch die EU soll nun libysche Firmen treffen, die Anteile an zahlreichen europäischen Unternehmen halten und verhindern, dass durch deren Verkauf Geld nach Libyen fließt.

Am Dienstag hatte es in Sawija und rund um die Stadt Ras Lanuf im Osten heftige Kämpfe gegeben. Nach Angaben eines Sanitäters wurden bei Gefechten zwischen Aufständischen und "schwer bewaffneten Söldnern" in Ras Lanuf 29 Rebellen verletzt. In Ras Lanuf gibt es nach Angaben der Aufständischen kein Benzin mehr, weshalb sie Treibstoff für ihre Fahrzeuge in Kanistern dort hinbringen. Ein Kommandeur der Aufständischen in der westlichen Stadt Misrata sagte, dort hätten sich die Truppen von Gaddafi inzwischen außerhalb der Stadt eingeigelt.

amz/Reuters/AP/dpa/dapd



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the_flying_horse, 09.03.2011
1. Die armen Libyer, wenn Gaddafi gewinnen sollte...
Die armen Libyer, wenn Gaddafi gewinnen sollte... ...der Blutzoll wird alles bisher dagewesene in den Schatten stellen... und der Westen schaut zu.
egils 09.03.2011
2. mann-o-mann...
...bis sich UN und EU klar sind was sie wollen, sind die Aufstaendischen grösstenteils besiegt. man kann sich nur wundern warum uber das Flugverbot so lange diskutiert wird. Vieleicht will man gar nicht das Gafddafi wiklich stuerzt...vieleicht will man um jeden preis verhindern dass er nach Den Haag kommt wo er aussagen könnte was fuer Deals mit ihm gemacht wurden. Ich hasse dass selber, aber bei den Aktionen unserer Politiker wird man automatisch zum verschwörungstheoretiker... Mir tun die menschen in Libyien unendlich Leid die wie fats alle Aufstaenduischen der Welt wieder einmal vom Westen alleine gelassen werden. Eine Schande!
aronsperber 09.03.2011
3. Der Präsident der schönen Worte
Wie es sich für einen Friedensnobelpreisträger geziemt, wird Obama nicht in den libyschen Bürgerkrieg militärisch eingreifen. Stattdessen wird er die Rebellen mit schönen Worten und wohl auch mit Waffen unterstützen. http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/06/unterstutzt-obama-die-neuen-osamas/ Genauso hatte es auch sein Vorgänger als Präsident und Friedensnobelpreis-Gewinner gehalten: Unter Jimmy Carter wurden die Mudschaheddin im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen, wollte man den Sowjets ein eigenes Vietnam bescheren. Obwohl es sich hierbei um Realpolitik in Reinkultur handelte (unter demokratischer Federführung), wurde die Aufzucht der Mudschaheddin später den Neocons angekreidet.
franks meinung 09.03.2011
4. Ein angeschossenes Monster...
...hat man nun in Libyen an der "Macht". Gaddafi wurde vom Westen als nordafrikanischer Vasall fallen gelassen. Nun hat man den Salat. Er hält sich mit grausamster Vorgehensweise krampfhaft an der Macht und wird für den Westen jetzt erst richtig gefährlich werden. Solange er dort noch sein Unwesen treiben darf, weil sich keiner traut, die Menschen vor dem Despoten und seinen Söldnern zu schützen, darf man sich auf manche "Überraschung" aus Libyen gefasst machen. Die UNO erweist sich zum x-ten Mal als absolut unfähiges Politikkonstrukt. Nicht in der Lage, auf akute Brandherde zu reagieren. Diplomatisches Rumgeeiere bis zum Exzess. Irgendwann halten es die Amerikaner nicht mehr aus, beenden das Gemetzel und landen mitten im Bürgerkrieg. Schon hacken alle wieder auf den bösen Amerikanern rum. Es ist doch so schön einfach, nichts zu tun. Wozu gibts schließlich Sündenböcke!
staakener 09.03.2011
5. Wie lange will die Freie Welt.....
diesem Mörder am eigenen Volk noch Handlungsfreiheit zugestehen ? Verdammt noch mal, Politiker handelt endlich schnell und hart. Ihr seit sonst diejenigen die sich unglaubwürdig im Namen der Demokratie machen. Flugverbotszone reicht nicht, zerstört die Flugzeuge, Panzer und alles was diesem Tyrannen nützt. Der ganze Clan gehört vor den Internationalen Gerichtshof zur Aburteilung.
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