Kämpfe in Libyen: Revolte gegen Gaddafi eskaliert zum Bürgerkrieg

Schwere Gefechte erschüttern weite Teile Libyens: Nach den Freitagsgebeten lieferten sich Rebellen und Gaddafi-Treue Kämpfe um wichtige Städte, Augenzeugen berichten von vielen Toten und Verletzten. Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab - Deutschland schickte Charterflugzeuge.

Kämpfe in Libyen: Rebellen gegen Regime Fotos
REUTERS

Tripolis - "Sieg oder Tod. Wir werden nicht aufhören, bis wir dieses Land befreit haben", sagte Rebellenchef Mustafa Abdel Dschalil am Freitag vor Demonstranten in der Küstenstadt Baida im Osten Libyens. Doch so schnell gibt das Regime des libyschen Herrschers Muammar al-Gaddafi nicht auf.

Nach dem Ende der Freitagsgebete eskalierte am Nachmittag die Gewalt in weiten Teilen des Landes. Gegner und Anhänger Gaddafis haben sich in mehreren Städten schwere Kämpfe geliefert, es gab zahlreiche Tote und Verletzte. Die Versorgungslage in einigen Regionen spitzt sich offenbar zu. Im Küstenort Sawija nahe Tripolis werden laut Augenzeugenberichten die Vorräte an Medikamenten und Säuglingsmilch knapp.

An vielen Orten ist die Lage unübersichtlich, SPIEGEL ONLINE konnte nicht alle Angaben zweifelsfrei überprüfen. Klar ist: Diese Städte standen am Freitag im Zentrum der Ausschreitungen.

  • In der Hauptstadt Tripolis versammelten sich nach dem Freitagsgebet zahllose Menschen zu Protesten, obwohl das Regime die Präsenz von Sicherheitskräften deutlich erhöht hatte. Im Viertel Tadschura im Osten strömten am Mittag rund 1200 Menschen aus einer Moschee und forderten in Sprechchören Gaddafis Rücktritt: "Das Volk wird das Regime stürzen." Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen die Demonstranten vor, Dutzende Anhänger beider Lager prügelten mit bloßen Fäusten aufeinander ein. Laut Augenzeugen ist der Stadtteil mittlerweile komplett von Soldaten eingekesselt worden. Bereits seit Tagen kommt es in Tripolis regelmäßig zu Verhaftungen. Die Leichen von Menschen, die plötzlich verschwunden waren, wurden häufig später auf offener Straße abgeladen.

  • Die Lage in der westlibyschen Stadt Sawija ist unübersichtlich. Ein Journalist von Sky News berichtet, der Ort werde von Gaddafis Truppen umstellt. Einwohner fürchteten weitere Attacken. Ein Rebellensprecher berichtet von schwerem Beschuss durch Gaddafi-treue Kräfte. Truppen des Regimes hätten Sawija von zwei Seiten aus angegriffen. Die Hafenstadt die nur 50 Kilometer von Tripolis entfernt ist, werde aber weiter von der Protestbewegung gehalten. Nach Augenzeugenberichten wurden dort am Freitag 30 Menschen getötet und über 100 verletzt. Auch der dortige Anführer der Oppositionellen, Hussein Darbuk, sowie ein Vize kamen demnach ums Leben.

  • Der Ölhafen Ras Lanuf war am Freitag eines der meist umkämpften Gebiete. Nach eigenen Angaben haben die Aufständischen die Stadt sowie den Flughafen eingenommen. Der stellvertretende libysche Außenminister widersprach diesen Berichten jedoch. Gaddafis Truppen kontrollierten die Stadt noch immer, sagte er der Agentur Reuters. SPIEGEL-Reporter Clemens Höges berichtete aus dem Kampfgebiet zwischen den Städten Brega und Ras Lanuf: "Wir sind im Gefecht, Granaten kommen neben uns herunter. Es gibt Verletzte. Die Gaddafi-Getreuen feuern mit Artillerie, die Rebellen haben nur Schnellfeuerkanonen." Laut Augenzeugen gab es auch hier zahlreiche Tote und Verletzte: al-Dschasira berichtet, Regimegegner hätten an einem Stützpunkt 20 gefesselte Leichen entdeckt. "Guardian"-Korrespondent Martin Chulov berichtet, Gaddafis Armee würde Soldaten verbrennen, die sich weigerten, libysche Rebellen zu töten.

  • Am Ortsrand der zweitgrößten Stadt des Landes, Bengasi, bombardierten Einheiten der Regierung am frühen Abend ein Waffendepot. Laut al-Dschasira wurden bei der Attacke insgesamt 17 Rebellen getötet. Andere Quellen berichten dagegen von einem Unglück.

Mehr als 200.000 Flüchtlinge seit Ausbruch der Gewalt

Während die Kämpfe immer heftiger wurden, rissen die Flüchtlingsströme aus Libyen nicht ab. Wegen der Schikane und Gewalt durch bewaffnete Truppen machten sich allerdings Zehntausende Gastarbeiter aus Angst um ihr Leben gar nicht erst auf den Weg, sagte die Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), Melissa Fleming. Insgesamt seien seit dem Beginn der Unruhen am 15. Februar mehr als 200.000 Menschen an die Grenzen zu Ägypten, Tunesien und Niger geflohen.

Die Grenze zu Tunesien wurde laut des UNHCR auf libyscher Seite von schwerbewaffneten regierungstreuen Truppen bewacht. Auf der tunesischen Seite warteten am Freitag noch immer rund 12.500 Menschen auf ihre Rettung.

Die Bundeswehr beteiligt sich seit Freitag mit drei Schiffen am internationalen Hilfseinsatz für in Tunesien festsitzende Flüchtlinge. Außerdem finanziert das Auswärtige Amt in Berlin zehn Charterflüge für den Transport von insgesamt etwa 1900 Flüchtlingen. In Rahmen der Hilfsaktion startete ein deutsches Charterflugzeug von der tunesischen Insel Djerba in Richtung Kairo. Laut Air Berlin stammten die meisten der rund 185 Passagiere aus Ägypten.

USA ziehen Marineeinheiten zusammen

Unterdessen sucht die internationale Gemeinschaft weiter nach einer Lösung für den Konflikt. Der Druck gegen Machthaber Gaddafi soll erhöht werden - nur wie?

US-Präsident Barack Obama schließt angesichts der Lage einen weitergehenden Einsatz der US-Streitkräfte nicht aus. Sein Land behalte sich "die ganze Palette an Optionen" vor, hatte Obama am Donnerstag in Washington gesagt.

Die USA haben Marineeinheiten auf dem großen Stützpunkt von Souda auf der Westseite der Mittelmeerinsel Kreta zusammengezogen. Der Hubschrauberträger "USS Kearsarge" liegt nun in der Bucht von Souda. An Bord seien rund 1200 Besatzungsmitglieder, darunter fast 800 Marineinfanteristen, berichtete der griechische Rundfunk. Das Schiff eignet sich sowohl für Landungsunternehmen wie auch für Evakuierungsaktionen. Außerdem wird noch das amphibische Landungsschiff "USS Ponce" erwartet.

Kommenden Dienstag will US-Finanzminister Timothy Geithner mit der Bundesregierung über Sanktionen gegen die libysche Regierung beraten. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union haben bereits Sanktionen gegen Gaddafi und sein engeres Umfeld verhängt. Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt gegen die Herrscherclique. Debattiert wird auch eine Flugverbotszone zum Schutz der Aufständischen.

Deutschland steht der Einrichtung einer solchen Flugverbotszone allerdings äußerst zurückhaltend gegenüber. Ein "robuster Einsatz" in dem nordafrikanischen Land sei nur mit einem Mandat der Vereinten Nationen denkbar, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Lesen Sie alles über die Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll.

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1. W
dalesmith 04.03.2011
Zitat von sysopSchon toll, während da menschen für Ihre Freiheit kämpfen schauft die EU tatenlos zu. Das der Ami nix macht, ist klar scheint wohl nicht soviel zu holen zu sein. Ist ja auch beklanntlich besser bis kurz vor Toresschluß zu warten - dann kann man vielleicht mal wieder als Gewinner dastehen so wie 1945. Dannach war ja nicht mehr soviel los von wegen gewinnen.
Wenn der ami wieder `etwas` machen würde ,wären sie doch bestimmt einer von den ersten die herumschreien würden wie falsch das ist. aber richtig ,warum machen die Europäer nicht mal was, In Jugoslawien ging es dann auch .nach Jahren ,und nach den amis..........
2. Vorschläge?
Martin2 04.03.2011
Zitat von sysopSchon toll, während da menschen für Ihre Freiheit kämpfen schauft die EU tatenlos zu. Das der Ami nix macht, ist klar scheint wohl nicht soviel zu holen zu sein. Ist ja auch beklanntlich besser bis kurz vor Toresschluß zu warten - dann kann man vielleicht mal wieder als Gewinner dastehen so wie 1945. Dannach war ja nicht mehr soviel los von wegen gewinnen.
Und was genau schlagen Sie vor? Es wird immerhin schon den Flüchtlingen geholfen.
3. Idee?
ZeroQ 04.03.2011
Und was Ihrer Meinung nach soll die Welt tun?Soll die NATO in Libyen einmarschieren, alles mal kurz zu bomben, Gaddafis Sippe stürzen und dann wieder einfach rausmarschieren. Dann würde dort nur Chaos regieren, wie es in Afghanistan der Fall ist. In diesem Fall will die Mehrheit auch die Bundeswehr wieder daheim haben. Oder wäre es jetzt legitim, wenn die NATO in Libyen stationiert bleibt. Und ich denke wenn Öl eine Rolle im letzten Golf-Krieg gespielt hat, dann wird dies wieder der Fall. Denn wenn Sie die Medien verfolgt haben, dann schließen die USA auch eine Militäraktion nicht aus. Ich kann Sie verstehen. Menschen werden unterdrückt und getötet und wir schauen nur zu. Aber solange niemand um Hilfe bittet sollte sich der Westen aus dieser Sache raushalten oder wie würden wir es fnden, wenn sich andere staaten in unsere Angelegenheiten einmischen würden. Und wir sind doch ebenso Schuld, dass Machthaber wie Gaddafi, Mubarak ect. an der Macht sind/waren. Wer wollte denn immer günstiges Öl?Ebenso unterstützen wir das Chinesische Regime in dem wir Produkt aus China kaufen und damit die Wirtschaft und das Regime unterstützen, aber das ist eine andere Sache.Wenn einer eine sinnvolle Idee hat, Freiwillige vor. Die Libyer werden es Ihnen danken.
4. Wortwahl
nachdenklich1 04.03.2011
Zitat von sysopNach dem Ende der Freitagsgebete liefern sich Regimetreue und Gaddafi-Gegner eine Schlägerei. Milizen haben Teile der Stadt mit Panzern umstellt. Journalisten, die ohne Erlaubnis berichten wollen, werden verhaftet. Die aktuellen Ereignisse im Liveticker.
2 Dinge machen mich nachdenklich: 1. wie gehen eigentlich andere Staaten mit Massenschlägereinen um? Dort würde man kommentieren .. wurde durch die Polizei aufgelöst. Hier waren es natürlich Melizen (klingt wie Söldner), die gleich mit Panzern die Schlägerei abgeriegelt haben... 2.Auch fragt man sich welcher Seite man zugehört hat. Journalisten sind ja nicht vor Ort. Das passt doch wieder: wieder ein Baustein in der Meinungsmache der Böse geht gegen das Volk vor.
5. Und wieder einer...
snickerman 04.03.2011
Zitat von nachdenklich12 Dinge machen mich nachdenklich: 1. wie gehen eigentlich andere Staaten mit Massenschlägereinen um? Dort würde man kommentieren .. wurde durch die Polizei aufgelöst. Hier .....
der Hetz-Schwätzer, die immer alles besser wissen und doch nur ihre eigene Voreingenommenheit zelebrieren. Gelesen hat der gar nicht, was er hier kommentiert, brauch er auch nicht, er hat ja eine Meinung- und einen Titel, der wie blanker Hohn klingt! Also, was will er eigentlich? Gaddhafi verteidigen?- Dann soll es es laut sagen! Den Westen runtermachen?- Dann soll er es laut sagen! Leute, die nix als solche verschwurbelten Hassparolen absondern, haben nix zu sagen.
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Fotostrecke
Exzentrischer Diktator: Gaddafis Gewänder

Fläche: 1.775.500 km²

Bevölkerung: 6,355 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Nuri Ali Abu Sahmain

Regierungschef: Abdullah al-Thani (Oberstes Gericht erklärt am 9. Juni 2014 die Wahl von Ahmed Maitik für ungültig)

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