Kämpfe in Ostanatolien Türkei soll Kurden mit Chemiewaffen getötet haben

Menschenrechtler erheben schwere Vorwürfe gegen die türkische Regierung: Die Armee soll im Kampf gegen kurdische Rebellen Chemiewaffen eingesetzt haben. Gutachten stützen die Anschuldigung. Deutsche Politiker sind empört und verlangen eine internationale Untersuchung.

DPA

Von und Yassin Musharbash


Istanbul/Berlin - Es sind verstörende Fotos, an Grausamkeit kaum zu übertreffen. Fotos von verbrannten, verstümmelten und verätzten Körperteilen, Leichen, die kaum noch als solche zu erkennen sind. Laut türkisch-kurdischen Menschenrechtlern soll es sich bei den Toten um acht Angehörige der kurdischen Untergrundbewegung PKK handeln, die im September 2009 getötet worden sind.

Die Aktivisten übergaben die Bilder im März einer deutschen Menschenrechtsdelegation aus Türkei-Experten, Journalisten und Politikern der Linkspartei, wie der SPIEGEL Ende Juli berichtete. Inzwischen hat Hans Baumann, ein deutscher Bildfälschungsexperte, die Authentizität der Fotos verifiziert - und ein rechtsmedizinisches Gutachten des Hamburger Universitätsklinikums bestätigt den ursprünglichen Verdacht: Die acht Kurden starben mit hoher Wahrscheinlichkeit "durch den Einsatz chemischer Substanzen".

Sollte die türkische Armee also tatsächlich Giftstoffe verwenden und damit gegen die auch von der Türkei ratifizierte Chemiewaffenkonvention verstoßen?

Immer wieder "mysteriöse Vorfälle"

Deutsche Politiker und Menschenrechtler verlangen nun eine Untersuchung des Falls. "Die neuerlichen Ereignisse sind so eklatant, dass die türkische Seite sie dringend aufklären muss", sagte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth SPIEGEL ONLINE. "Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine Obduktion der Leichen von PKK-Kämpfern angeordnet wird, aber die Ergebnisse unter Verschluss gehalten werden."

Es habe immer wieder "mysteriöse Vorfälle dieser Art gegeben, die nach unabhängiger Untersuchung schreien." Sie erwarte von der Türkei nun eine offizielle Erklärung zum möglichen Einsatz chemischer Waffen, "um weitere Vorwürfe zu entkräften".

Der CDU-Bundestagsbeordnete Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, sieht das ähnlich: "Die Türkei muss diese Vorwürfe dringend aufklären. Der beste Weg dazu ist sicherlich, dies unter internationaler Beteiligung zu tun", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Gisela Penteker, Türkei-Beauftragte der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, weist darauf hin, dass der Verdacht, die Türkei setze Chemiewaffen ein, seit vielen Jahren bestehe. "Die Menschen vor Ort sagen das immer wieder." Ein Nachweis sei allerdings schwierig, denn die Leichen würden oft erst spät freigegeben, so sei eine gründliche Obduktion oft kaum mehr möglich.

Erdogan spricht von PKK-Propaganda

In der Türkei verlangen Menschenrechtler schon seit längerem Aufklärung, doch nicht nur die Armee verweigert sich jeder Stellungnahme - auch die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan schweigt beharrlich oder bügelt das Thema Kriegsverbrechen als "PKK-Propaganda" ab.

"Der Premierminister interessiert sich nicht für Menschenrechtsverletzungen", so der Parlamentsabgeordnete Akin Birdal, dessen prokurdische Oppositionspartei BDP immer wieder parlamentarisch anfragen lässt, ob es bei Erdogans Krieg im Südosten mit "rechten Mitteln" zugeht. Für Erdogan, so Birdal, zähle allein, dass die Armee das PKK-Problem ein für alle Mal aus der Welt schafft, "mit welchen Methoden auch immer".

Der Berliner "Tageszeitung" zufolge, die am Donnerstag über den Fall berichtete, wies das türkische Außenministerium die Verdächtigungen zurück. Da die Türkei Unterzeichnerstaat der Chemiewaffenkonvention sei, befänden sich im Arsenal ihrer Streitkräfte keine biologischen oder chemischen Waffen.

Mittlerweile, berichtet das Blatt weiter, liegen allerdings neue schockierende Fotos vor. Es soll sich um Obduktionsaufnahmen sechs weiterer getöteter Kurden handeln. Auch diese Bilder seien nun dem Hamburger Gutachter vorgelegt worden.

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