Von Christoph Sydow
Hamburg/Damaskus - Bab Amr, die Hochburg der Opposition in der Stadt Homs, ist offenbar in den Händen des Regimes von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Viele Kämpfer der Freien Syrischen Armee sollen sich "aus taktischen Gründen" bereits aus dem Stadtteil zurückgezogen haben. Damit wollen die Assad-Gegner laut eigener Aussage das Leben der etwa 4000 Zivilisten schützen, die noch immer in dem Viertel ausharren, das Syriens Armee seit Wochen mit schwerer Artillerie beschießt. Das Stadtviertel sei inzwischen unter vollständiger Kontrolle der Armee, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Sicherheitskreise in Damaskus.
Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond haben nach Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters vom syrischen Regime inzwischen grünes Licht für die Lieferung dringend benötigter Nahrungsmittel und Medikamente erhalten. Außerdem habe Damaskus "positive Signale" für einen humanitären Waffenstillstand in dem umkämpften Viertel gesendet.
Zuvor hatten die Kämpfer über 26 Tage erbitterten Widerstand gegen die Einheiten von Präsident Baschar al-Assad geleistet. Vor allem in den vergangenen Tagen war die Situation eskaliert, heftige Kämpfe hatten auf beiden Seiten hohe Verluste gefordert.
In vorderster Front in Homs steht dabei die berüchtigte Vierte Division der syrischen Armee, die von Mahir al-Assad befehligt wird, dem jüngeren Bruder des Präsidenten. Diese Einheit gehört zur Elite im Militärapparat des Regimes. Sie gilt als der am besten trainierte und ausgerüstete Truppenteil und setzt sich hauptsächlich aus Mitgliedern der alawitischen Minderheit zusammen, der auch die Assad-Familie und die wichtigsten Figuren der Führungselite Syriens angehören.
Nach Schätzungen hat die Vierte Division etwa 10.000 Soldaten unter Waffen. Sie ist unter anderem mit russischen T-72-Panzern, Boden-Luft-Raketen und Kampfhubschraubern ausgerüstet.
Bei der Niederschlagung des seit fast einem Jahr andauernden Aufstands gegen das syrische Regime spielt die Vierte Division eine Schlüsselrolle. Besonders in den Orten Daraa im Süden des Landes und der Region um Idlib im Norden wüteten Mahir al-Assads Truppen in den vergangenen Monaten. Deserteure berichten, dass der Präsidentenbruder von Anfang an befohlen habe, ohne Rücksicht auf friedliche Demonstranten zu schießen. Seine Soldaten hätten den Auftrag, so viele Regimegegner wie möglich zu töten.
Der Schutz des Regimes ist Sache der Präsidentenbrüder
Die Geschichte der Vierten Division ist blutig: Ihre Ursprünge reichen zurück bis in die Anfänge des Assad-Regimes. Nachdem Hafis al-Assad, der Vater des heutigen Staatschefs Baschar, 1970 erfolgreich geputscht hatte, sollten die sogenannten Verteidigungsbrigaden die Macht des neuen Herrschers sichern. Rifaat al-Assad, Hafis' jüngerer Bruder, befehligte diese Einheiten, die als Vorläufer der Vierten Division gelten und im Umkreis der Hauptstadt Damaskus stationiert wurden. Ihre wichtigste Aufgabe war es, Putschversuche illoyaler Militärs zu verhindern und Aufstände gegen das Regime niederzuschlagen.
Mehrfach setzten die Assads ihre Brigaden brutal gegen Oppositionelle ein. Nach einem gescheiterten Attentatsversuch auf Hafis al-Assad im Sommer 1980 stürmten die Einheiten das Gefängnis für politische Häftlinge in der Wüstenstadt Palmyra. Dabei sollen sie mehr als tausend Gefängnisinsassen getötet haben. Im gleichen Jahr gingen die Brigaden brutal gegen islamistische Oppositionelle in Aleppo vor. Nach Angaben der Muslimbrüder sollen dabei Tausende ihrer Anhänger massakriert worden sein.
Doch diese Verbrechen wurden schon bald darauf von dem Massaker in den Schatten gestellt, das die Truppen unter dem Befehl von Rifaat al-Assad in Hama verübten. 1982 machte die syrische Armee weite Teile der Stadt dem Erdboden gleich, als sie einen Aufstand der islamistischen Muslimbrüder niederschlug. Mehrere zehntausend Menschen wurden dabei getötet.
Damit wuchs gleichzeitig die Abhängigkeit des Diktators Hafis al-Assad von seinem Bruder und den von ihm befehligten Eliteeinheiten. Als der Staatschef 1983 wegen schwerer Herzprobleme sein Amt zeitweise nicht ausüben konnte, witterte Rifaat seine Chance und zettelte eine Palastrevolte an. Seine Verteidigungsbrigaden übernahmen zeitweise die Kontrolle über Teile der Hauptstadt und lieferten sich Gefechte mit rivalisierenden Armee-Einheiten, die treu zum Präsidenten standen. Doch nach einem Jahr konnte Hafis den Machtkampf für sich entscheiden. Sein Bruder wurde aller Ämter enthoben und zum Gang ins Exil gezwungen.
Mahir al-Assad machte Handy-Fotos von seinen Opfern
Das bedeutete zugleich das Ende für die Verteidigungsbrigaden. Ihre Führung wurde zunächst mit Generälen besetzt, die sich loyal an die Seite des Diktators gestellt hatten. Später organisierte das Regime die Einheiten neu und gliederte sie in die syrische Armee ein, wo sie seither das Rückgrat der Vierten Division bilden. Gemeinsam mit den Republikanischen Garden, die direkt dem Präsidenten unterstehen, ist diese Division die wichtigste militärische Stütze des Regimes.
Wie schon sein Vater vertraut Baschar al-Assad die Führung der Elitetruppen seinem jüngeren Bruder an. Nachdem er sich im Jahr 2000 zum Nachfolger des verstorbenen Diktators wählen ließ, ernannte Baschar den zwei Jahre jüngeren Mahir al-Assad zum Kommandeur der Republikanischen Garden und der Vierten Division. Acht Jahre später bewies er seine rücksichtslose Brutalität, als er seine Truppen eine Gefängnisrevolte in der Stadt Sednaja niederschlagen ließ. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie Mahir al-Assad mit seinem Handy Fotos von den verstümmelten Leichen der Opfer macht.
Das Bild des zufriedenen Diktatorenbruders, der massakrierte Oppositionelle fotografiert, während er eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt hat, ist seither zu einem Symbol für die Menschenverachtung des Regimes geworden. Die Botschaft ist klar: Jeder Syrer, der Mahir al-Assads Schergen in Bab Amr oder anderswo in die Hände fällt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.
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