Aus Kairo berichtet Hasnain Kazim
Staub wirbelt über den Tahrir-Platz in Kairo, junge Menschen setzen einen Atemschutz auf. Hunderte Männer und Frauen fegen den Ort, der als Ausgangspunkt und zentraler Schauplatz der ägyptischen Revolution in die Geschichte eingehen wird. Präsident Husni Mubarak ist gestürzt. Nach 30 Jahren autokratischer Herrschaft hat er am Freitagabend über seinen Vize Omar Suleiman seinen Rücktritt erklärt, nachdem er einen Tag zuvor noch in einer Rede verkündet hatte, bis zu den Wahlen im September im Amt bleiben zu wollen.
Damit hatte er die Demonstranten, die zuerst auf dem Tahrir-Platz und später überall im Land seinen Rücktritt forderten, erbost. Am Freitag gipfelten die Proteste dann in eine eindrucksvolle Kundgebung, an der mehrere Millionen Menschen in Kairo teilnahmen. Als gegen 18 Uhr die Nachricht bekannt wurde, dass Mubarak zurückgetreten sei und die Macht - entgegen der Verfassung - nicht an Vizepräsident Suleiman, einen Mann des Systems Mubarak, sondern an die Armee übergeben hatte, brach Jubel aus. Die ganze Nacht fuhren hupende Autokorsos durch Kairo, die Menschen schwenkten rot-weiß-schwarze Flaggen, tanzten, sangen, freuten sich über den Sieg der Revolution.
"Wir wollen ein Ägypten ohne Korruption", sagt ein junger Mann am Samstagmittag, dem Tag danach. Seine Frau und er haben Besen gekauft und sind zum Tahrir-Platz gekommen, um den Müll zu beseitigen, Steine wegzuräumen und die Barrikaden zu beseitigen. "Wir haben einen Aufruf zum Putzen auf Facebook gelesen, und da wollen wir natürlich dabei sein", sagt er.
Es sind saubere und höfliche Revolutionäre. Ein Demonstrant hält ein Plakat in die Höhe mit der Aufschrift: "Entschuldigen Sie die Störung - wir bauen ein neues Ägypten." Ein anderer bittet Besucher mit einem Zettel darum, mit Besen und Mülltüten wiederzukommen und beim Aufräumen zu helfen. Kein Mob also, der Zerstörung im Sinn hat und für Unsicherheit sorgt, wie Mubarak und seine Anhänger haben weismachen wollen. Dabei waren es die Schergen des Regimes, die zu Beginn der Demonstrationen in die Menge gestürmt waren und für Blutvergießen gesorgt hatten. Schätzungen zufolge starben mehr als 300 Menschen.
Noch sind die Panzer an den Zugängen zu dem Platz stationiert, die Soldaten stehen darauf und schauen dem Treiben zu. Sie helfen den Menschen auf die Panzer zu steigen, um für ein Foto zur Erinnerung an diesen historischen Moment zu posieren. Manche umarmen die Besucher. Auch Kinder klettern auf die sandfarbenen Metallungetüme, Eltern heben selbst Säuglinge auf die Panzer, um sie darauf abzulichten. Noch immer machen Flaggenverkäufer ein gutes Geschäft, für umgerechnet zehn Cent malt ein Mann eine rot-weiß-schwarze Flagge in die Gesichter der Besucher um den Tahrir-Platz. Die Stimmung ist ausgelassen.
Die Menschen wollen Frieden und Sicherheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Sie wollen keine Randale: Während die Armee die Zugänge längst nicht mehr kontrolliert, stellen die Aktivisten noch immer Leute ab, die Besucher nach Waffen abtasten und sich die Ausweise zeigen lassen.
Wie es weitergehen wird in Ägypten, wissen die Menschen nicht. "Hauptsache, Mubarak ist weg", sagt ein Mann. "Wir vertrauen der Armee und wir hoffen, dass sie die Zeit bis zu freien Wahlen verantwortungsbewusst überbrückt." Viele sagen, jetzt sei es an der Zeit, ein "neues Ägypten" zu erschaffen - ohne Einmischung aus dem Ausland, betonen viele.
Am Tag nach dem Sturz des Präsidenten beweisen sie ihre Haltung - mit dem Besen in der Hand.
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