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Kairo vor dem Obama-Besuch: Zwischen Hoffnung und Angst vor der Enttäuschung

Von Volkhard Windfuhr, Kairo

Barack Obama sorgt schon vor seiner Ankunft in Kairo für Schlagzeilen. Die Zeitungen sind hin- und hergerissen: Gibt der US-Präsident Anlass für neue Hoffnung im Nahen Osten? Oder hat er außer freundlichen Worten nicht viel anzubieten?

Der Besuch des amerikanischen Präsidenten weckt fast schon verschüttete Hoffnungen auf tiefgreifende Veränderungen im Nahen Osten. "Sachlich berechtigt" nennt das der arabienweit gehörte Sender "Stimme der Araber". Doch zwei Tage bevor Barack Obama in Kairo eintrifft, herrscht dort nicht nur Jubelstimmung. Die Stimmung in Ägypten ist gespalten.

US-Präsident Obama: Große Erwartungen vor der Rede in Kairo
AP

US-Präsident Obama: Große Erwartungen vor der Rede in Kairo

Dabei soll der groß angelegte Auftritt des nach ägyptischem Volksempfinden ungewöhnlich jungen Repräsentanten der Supermacht aber gerade den Muslimen dieser Welt gelten. "Das ist sein Hauptziel", bestätigte ein Sprecher der festungsähnlich ausgebauten US-Botschaft im vornehmen Nil-nahen Garden-City-Viertel.

Die Diskrepanz der Bewertungen kann auch die halbamtliche Presse nicht vertuschen. Der Vorabtenor der meisten Blätter wirkt auf den ersten Blick durchaus positiv, wenn auch keineswegs überschwänglich. So heißt die prominente regierungsnahe Tageszeitung "Al Ahram" den hohen Besucher aus der Neuen Welt einerseits als einen Entscheidungsträger willkommen, der "wenn er will, von seinen Möglichkeiten Gebrauch machen kann". Etwa im Palästinakonflikt , der auch für Gastgeber Husni Mubarak "allererste Priorität" hat. Da sind sich sogar die Kritiker des 81-Jährigen Präsidenten mit ihm einig.

Doch ob Obama es sich jetzt schon leisten kann, auf die israelische Rechtsaußen-Regierung Druck auszuüben, um den Stopp des jüdischen Siedlungsbaus im Westjordanland und die Akzeptanz der Zwei-Staatenlösung Israel/Palästina zu erzwingen, hält der "Al Ahram"-Chefkommentator für fraglich. Tenor: "Er braucht noch etwas Zeit, dann wird Israel sich dem Friedenswunsch des neuen Mannes in Washington nicht länger verweigern können".

"Obama versucht, eine Brücke des Vertrauens zu bauen"

Also doch echter Optimismus? Im Grunde ja. "Achbar al-Jaum", größte Tageszeitung arabischer Zunge, glaubt gar an einen Neuanfang mit Amerika. "Obama versucht, eine Brücke des Vertrauens zu bauen". Immerhin. Und dann schränkt das Blatt gleich wieder ein: "Worte allein reichen aber nicht aus."

Auch die "Egyptian Gazette" hakt nach: "Ohne einen klaren umsetzbaren Friedensmechanismus wird Obama die islamische Welt nicht beeindrucken". Aber die gute Absicht des Besuchers stellt der Durchschnittsägypter nicht in Abrede. Das neue Oppositionsblatt "Asch-Schuruk" entdeckte sogar einen "Zweiten Frühling zwischen Kairo und Washington".

Clevere Geschäftsleute bieten T-Shirts mit dem Aufdruck an, Obama sei der neue Tutanchamun. Der vor 3300 Jahren regierende Pharao hatte mit dem Pharao aus Washington das Attribut der Jugend gemeinsam. Dass der ägyptische Pharao später ermordet wurde, muss ja kein Omen sein ...

"Jetzt ist die Zeit gekommen, alle Vorurteile über Bord zu werfen und den Camp-David-Frieden auf den ganzen Nahen Osten auszudehnen", ereiferte sich ein Talkshow-Teilnehmer im ägyptischen Fernsehen. Der Moderator kommentierte mit einem skeptischen Lächeln: "Also hoffen wir wieder einmal - bitte sehr!"

Deutlichen Optimismus verstrahlt Mohammed Sajjid Tantawi, Großscheich und Imam der 1000-jährigen Al-Azhar-Moschee, der einflussreichsten Bildungsstätte der islamischen Welt. "Präsident Obama heißen wir willkommen als Förderer des Friedens und der Verständigung", verhieß der hohe sunnitische Würdenträger, der zusammen mit dem Rektor der Kairo-Universität den US-Präsidenten zum Kairo-Besuch eingeladen hatte.

Ursprünglich war denn auch geplant, dass der Präsident der westlichen Führungsmacht seine Ansprache an die Muslime der Welt aus der Al-Azhar-Moschee halten sollte - eventuell sogar von der Kanzel. Doch nachdem sich die islamistische Muslimbruderschaft gebrüstet hatte, dass der US-Präsident damit einem Vorschlag der radikalislamischen Organisation folgen würde, wurde aus der symbolträchtigen Geste nichts. Obama griff auf ein Alternativangebot der ägyptischen Regierung zurück und entschloss sich, seinen Friedensappell an den Islam im geschichtsträchtigen Auditorium Maximum der Kairo-Universität zu verlesen. Dort hatte immerhin schon Präsident Franklin Delano Roosevelt gesprochen.

Wut bei den Radikalen

Die den Frommen nahe stehende Wochenzeitung "Al-Karama" reagierte brüsk. "Ist dieser Besuch den ganzen Aufwand eigentlich wert?", fragte der Chefkommentator. Nach der betrüblichen Feststellung, dass die CIA "acht Stunden Kairo kontrollieren" werde, konfrontierte die Postille ihre Leser mit der betrüblichen Tatsache, dass der Gast aus Übersee "nichts sagen und tun" werde, was den Interessen Amerikas zuwiderlaufe.

Die Wut der Radikalen entlud sich heftig. Ein erboster Scheich stellte in einem halbseitigen Artikel in einer anderen Oppositionszeitung klar, dass Barack Hussein Obama "hingerichtet" werden müsse.

"Er war Muslim und hat dem wahren Glauben den Rücken gekehrt." Also sei er ein "Murtadd", ein Abtrünniger vom Islam, was laut Scharia angeblich mit der Todesstrafe zu ahnden sei. Das breite Spektrum der Meinungen könnte sich zu einer tiefen Kluft ausweiten, falls der initiativenfreudige US-Präsident Donnerstag Mittag zu viel, oder schlimmer noch: zu wenig versprechen sollte. Ob Obama das weiß, fragte eine Hörerin von Radio Kairo.

Mahmud Ahmed Abaza, prominenter Herausgeber der viel gelesenen oppositionellen Tageszeitung Al-Wafd, beruhigte die Skeptiker und Wunschdenker mit einer in jedem Fall weiterführenden Tatsache: Barack Obama hat nach acht Jahren Bush-Gewaltpolitik zum Dialog zurückgefunden. Der neue Präsident richte sich nach dem Bibelzitat "Am Anfang war das Wort". Obamas Botschaft richte sich nicht nur an den Islam, sondern an "alle in der Welt, die seine Partner werden wollen".

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