Vormarsch der Extremisten Salafisten unterwerfen Tunesiens heilige Stadt

Sie terrorisieren Ramadan-Verweigerer, hetzen Unzufriedene gegen die junge tunesische Demokratie auf: Kairouan hat sich zur Hochburg der Salafisten entwickelt. Vielen Tunesiern gilt die heilige Stadt als abschreckendes Beispiel - so sollte es nie werden.

Aus Kairouan berichtet Ulrike Putz

AFP

"Versteck Dich, wenn Du sündigst!", haben sie an die Mauer der Großen Moschee gesprüht. Und die radikalen Islamisten, die hier ihren Mitbürgern Anweisungen geben, scheinen damit Erfolg zu haben: Nur wenige Straßen von dem Graffiti-verunzierten, 1300 Jahre alten Gotteshaus entfernt kauern mitten am Tag fünf Männer im Halbdunkel eines Verstecks. Dort essen sie - was tagsüber im Fastenmonat Ramadan verboten ist. Deshalb sitzen die Männer, alle sind Taxifahrer, in einer Garage, deren eiserne Tür einen Spalt breit offen steht.

Der Raum dient eigentlich als Abstellkammer für den Kramladen nebenan. Die Männer sitzen auf hochkant gestellten Cola-Kisten und tun all das, was sie als Muslime im Ramadan tagsüber nicht dürfen: essen eben, Wasser trinken und rauchen.

In Kairouan hat es Tradition, dass sich Fastenverweigerer im Ramadan diskret zurückziehen, um gegen das Gebot zu verstoßen, sagt einer der Taxifahrer. Immerhin sei seine Heimatstadt im kargen Landesinneren Tunesiens ein heiliger Ort. Nun versuchen die Islamisten jedoch, dem bisher geduldeten Treiben ein Ende zu bereiten.

"Die Salafisten schicken Schlägertrupps los. Die besuchen die Garagenbesitzer und fordern sie auf, ihre angeblichen sündigen Aktivitäten einzustellen. Wenn sie trotzdem weitermachen, zertrümmern die Religiösen den ganzen Laden", sagt ein Mitarbeiter der Provinzregierung, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Bei vielen Einheimischen kommt die Transformation ihrer Heimatstadt zur Islamistenhochburg nicht gut an: "Willkommen im tunesischen Afghanistan", sagt einer der Männer in der Garage sarkastisch.

Islamisten auf dem Vormarsch

Dass die radikalsten unter Tunesiens Islamisten ausgerechnet Kairouan zu ihrem Zentrum gemacht haben, hat historische Gründe. Die Stadt gilt als viertheiligste des Islam. Sie wurde 670 von den Nordafrika erobernden Arabern gegründet, von hier aus missionierten sie die gesamte Südküste des Mittelmeers. Doch nach jahrhundertelanger Blüte kam das spirituelle Leben in Kairouan Mitte der achtziger Jahre mit dem Regime Zine al-Abidine Ben Alis zum Erliegen. Hier wie überall im Land wurde Religiosität stark reglementiert. Abweichler landeten im Gefängnis.

Nach der tunesischen Revolution von 2011 brach sich das aufgestaute Bedürfnis nach einem anderen, radikaleren Glauben Bahn. Am ersten Freitag nach dem Sturz Ben Alis sprach Mohammed al-Khelif in der Großen Moschee Kairouans. Das alte Regime hatte dem Geistlichen 20 Jahre lang das Predigen verboten: zu radikal. Seine neue Freiheit nutzte Khelif, um zum Kampf gegen all jene aufzurufen, die im neuen Tunesien die Scharia als Rechtsgrundlage ablehnen.

Freitag für Freitag predigen Khelif und andere Sendungsbewusste seitdem Unversöhnliches. Sie haben regen Zulauf: In Tunesien wie überall in Nahost hat der Arabische Frühling zuerst einmal Unsicherheit und eine Wirtschaftskrise produziert. Davon enttäuscht, suchen viele Menschen Zuflucht in der Religion.

Und auch der tunesische Extremismus ist kein Einzelphänomen: In ganz Nordafrika sind die Hardliner auf dem Vormarsch. In Mali versuchte eine Qaida-nahe Gruppe, Kontrolle über den Norden des Landes zu gewinnen. Im libyschen Bengasi waren radikale Islamisten für die tödliche Attacke auf die US-Botschaft verantwortlich. Auch auf dem ägyptischen Sinai haben sich Dschihadisten breit gemacht. In Tunesien soll es nach Schätzungen des Ministeriums für Religion 10.000 gewaltbereite Dschihadisten geben.

"Tunis ist nicht Kairouan"

Das Erstarken radikaler Randgruppen des Islam gefährdet Tunesiens Übergang zur Demokratie. In den vergangenen Wochen haben zwei Anschläge - der Mord an einem Oppositionspolitiker und der Überfall auf eine Armee-Einheit mit acht Toten - das Land in eine politische Krise gestürzt. Beide Attacken sollen Extremisten begangen haben.

In Tunis demonstrieren seit den Anschlägen jede Nacht Tausende, die Angst vor dem Erstarken der Hardliner haben. In der Nacht zu Mittwoch waren es gar Zehntausende, die den Rücktritt der Regierung forderten. Kairouan gilt ihnen als abschreckendes Beispiel. "Tunis ist nicht Kairouan" steht auf Zetteln, die Demonstranten hochhalten: Die tunesische Hauptstadt soll auf keinen Fall zur Islamisten-Hochburg werden.

Männern wie Khelif dient Kairouan derzeit als eine Art Pilotobjekt: Hier versuchen sie, der modernen Liederlichkeit ein Ende zu bereiten. Immer wieder haben Salafisten in den vergangenen Monaten versucht, Touristen - also "Ungläubige" - aus der Großen Moschee zu vertreiben. Mehrfach gab es Drohungen, den Schrein des Sidi Sahbi niederzubrennen: Dass ganze Familien das Grab des Gefährten des Propheten besuchten, um dort um Segen zu bitten, sei Götzenanbetung und damit unislamisch.

Moderate Kleriker in der Stadt hätten es neuerdings schwer, sagt der Mitarbeiter der Provinzregierung Kairouan. Mehrere hätten Drohungen erhalten, ihre Posten als Prediger in Moscheen an Hardliner abzutreten. Ebenso hätten sich bereits mehrere Frauen beim Gouverneur beschwert, dass sie auf der Straße aufgefordert seien, sich gefälligst zu verschleiern.

Die Islamisten selbst zu interviewen, ist in diesen Tagen nicht möglich. Mit Verweis auf den Ramadan wehren die Radikalen in Kairouan alle Annäherungsversuche ab: Man sei vollauf mit Beten beschäftigt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Beobachter123 07.08.2013
1. Islam
In vielen arabischen Länder gibt es erhebliche Mißstände. Diese machen sich gerade in einer Perspektivlosigkeit der Jugend bemerkbar. Früher wurden von den dortigen Regierungen die USA, Israel und der Westen, als Schuldiger und Hauptursache instrumentalisiert. Leider müssen die Menschen dort einsehen, dass die Probleme selbst verursacht wurden. Das ist für viele eine sehr ernüchternde Erkenntnis. Nach dem Sturz des Diktators fehlt ein Plan für die Zukunft. Leider ist der Islam dabei keine Lösung sondern ein Teil des Problems.
xvulkanx 07.08.2013
2. Touristen durften auch zu Ben Alis Zeiten die grosse
Moschee nicht betreten.Nur vom Innenhof aus in das Innere der Moschee schauen. Da war Tunesien auch zu Ben Alis Zeiten nicht so liberal wie die Türkei, in der man als Nichtgläubiger alle Moscheen betreten darf. Merkwürdig ist die Aussage, dass zu Ben Alis Zeiten das spirituelle Leben zum Erliegen gekommen wäre. Anscheinend ist für Frau Pütz spirituelles Leben nur in einem fundmentalistischen Kontext denkbar, bei einem liberalen Islam erlischt jedoch das religiöse Leben. Was für eine erschreckende Einstelliung! Kairouan ist ein touristisches Reiseziel erster Güte. Kein Wunder,wenn der Tourismus leidet. Die islamistisch dominierte Regierung hat viel zu lange den Salafisten alle Freiheit gegeben. Dutzende Sufi-Begräbnisstätten wurden zerstört. Liberale Imame aus ihren Moscheen vertrieben. Die Salafisten konnten sich auf die klammheimliche Sympathie der regierenden Islamisten verlassen. Der Druck in Richtung Islamisierung durch die Salafisten war durchaus erwünscht. Einmal gewählt lassen sich die Islamisten auch nur schwer entmachten. Die längst fälligen Wahlen wurden immer wieder verschoben. Ohne weitergehende heftige Proteste wird der jetzt angekündigte Wahltermin auch wieder verschoben werden.
M. Thomas 07.08.2013
3. Not
macht aus Menschen Extremisten. Die Anlage zum Extremismus existiert in Tunesien eher nicht; kulturhistorisch war es schon immer (wie Ägypten auch) eher tolerant und weltoffen angelegt. Salafisten sind ein Symptom wie eine Eiterbeule für Pest; wo sie auftauchen, sind sie ein untrügerisches Kennzeichen für Not, Desorientierung und mangelhafte, gesellschaftliche Solidarität. Übrigens, in einem Punkt haben Salafisten Recht: es IST in der Tat "unislamisch", Gegenstände und Orte aufzusuchen um Tote oder Fetische für Vermittlung von Segen und Heil anzubeten. Solcherlei wird im Islam generell verurteilt. Was aber, um das sofort zu betonen, natürlich keinesfalls (!) ein Grund für Zerstörungen kulturhistorisch bedeutsamer Stätten oder Gegenständen sein kann.
kannmanauchsosehen 07.08.2013
4. Ist ja die Höhe ...
Zitat von M. Thomasmacht aus Menschen Extremisten. Die Anlage zum Extremismus existiert in Tunesien eher nicht; kulturhistorisch war es schon immer (wie Ägypten auch) eher tolerant und weltoffen angelegt. Salafisten sind ein Symptom wie eine Eiterbeule für Pest; wo sie auftauchen, sind sie ein untrügerisches Kennzeichen für Not, Desorientierung und mangelhafte, gesellschaftliche Solidarität. Übrigens, in einem Punkt haben Salafisten Recht: es IST in der Tat "unislamisch", Gegenstände und Orte aufzusuchen um Tote oder Fetische für Vermittlung von Segen und Heil anzubeten. Solcherlei wird im Islam generell verurteilt. Was aber, um das sofort zu betonen, natürlich keinesfalls (!) ein Grund für Zerstörungen kulturhistorisch bedeutsamer Stätten oder Gegenständen sein kann.
Sie sind selber Sunnit, Salafist, oder haben keine Ahnung. Im Schiitentum gibt es natürlich Schreine und ähnliche "Fetische", die von den Schiiten angebetet werden. Dies wird von den sunnitischen Extremisten jedoch nicht toleriert, und daher werden diese Kultstätten regelmäßig Ziel von Terroranschlägen, vor allem im Irak, aber auch vor kurzem in Ägypten, wo einige schiitische Dorfbewohner auf der Straße vor Augen der untätigen Polizei massakriert wurden Ich stelle fest, dass Sie mit Ihrem Beitrag das gesamte Schiitentum als "unislamisch" bezeichnen. Finde ich schon ziemlich extremistisch.
romaval 07.08.2013
5. Tunesien
es ist immer das selbe Muster.Man jagt einen Despoten davon und gibt damit anderen Strömungen die Gelegenheit auf eine andere Art und Weise den Großteil der Bevölkerung zu unterdrücken.In Syrien wird es genau so sein so bald Assad weg ist. Der Westen lebt mit Diktatoren ruhiger Die denken wenigstens nur an ihre Milliarden und nicht an eine religiöse Unterdrückung und Terrorismus
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