Hochgeschwindigkeits-Zug in Kalifornien Amerikas Stuttgart 21

Die USA sind eine Auto-Nation, aber die Kalifornier waren schon immer ein wenig eigen: Ab Januar will man hier mit dem Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke beginnen, auf der Züge zwischen Los Angeles und San Francisco fahren sollen - doch es gibt Widerstand gegen das Mega-Projekt.

California High-Speed Rail Authority

Von Rachel Stern


Berlin/San Francisco - Das kalifornische Central Valley ist eine Gegend, die sich von Los Angeles bis über San Francisco hinaus erstreckt und zum größten Teil aus Straßen und Feldern besteht. Autos fahren über weite sechsspurige Highways, die von Tankstellen und Fastfood-Ketten gesäumt sind.

Hier will man bis Januar mit dem Bau des California High-Speed Rail beginnen - der ersten Hochgeschwindigkeitslinie in den USA, auf der Züge einmal mit bis zu 355 km/h fahren sollen. Wenn die Strecke fertig ist, soll sie auf 1236 Kilometern die größten kalifornischen Städte verbinden. Für die Strecke zwischen San Francisco und Los Angeles würde man statt aktuell sieben nur noch zweieinhalb Stunden brauchen.

Doch ähnlich wie beim schwäbischen Mega-Projekt Stuttgart 21 hat sich auch hier eine breite Welle des Widerstands aufgetürmt. Wutbürger gibt es auch auf Amerikanisch: Manche Gegner verdammen das Projekt als "Berliner Mauer", mit dem ganze Siedlungen geteilt würden, andere nennen das 68-Milliarden-Dollar-Projekt einen "Zug nach Nirgendwo", weil man niemals genügend Mittel für die Fertigstellung zusammenbekommen werde. Diesen Sommer hat ein County, eine Art Landkreis, sogar eine Klage gegen das Projekt eingereicht - mit der Begründung, dass wertvolles Ackerland zerschnitten werde.

Befürworter nennen den Bau überfällig

Die Befürworter entgegnen, dass der Zug längst überfällig sei und dass die notorische Auto-Nation USA mit diesem Zug - der einem deutschen ICE ähneln soll - mit gutem Beispiel vorangehen würde. "Wenn wir das in Kalifornien machen können, können wir das überall machen", sagt Daniel Kraus, Leiter und Gründer der Organisation Californians for High-Speed Rail. "Aufgrund unserer aktuellen Wirtschaftslage ist jetzt die Zeit, die Strecke zu bauen", sagt er: Im Central Valley ist die Arbeitslosenrate vier Prozentpunkte höher als die durchschnittlichen zehn Prozent in ganz Kalifornien. Der Bau der Bahn soll auch als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wirken.

Im Juli segnete das von den Demokraten dominierte kalifornische Parlament die ersten 4,6 Milliarden Dollar für zunächst 48 Kilometer Strecke im Central Valley ab, von Fresno bis Madera. Alle republikanischen Abgeordneten - der Partei von Präsidentschaftskandidat Mitt Romney - stimmten dagegen.

Die Idee für einen Hochgeschwindigkeitszug im Golden State ist nicht neu. Schon 1997 hatte man eine High-Speed Rail Authority (CaHRA) gegründet, allerdings dauerte es weitere elf Jahre, bis sich die Kalifornier 2008 bei der Parlamentswahl für das Projekt aussprachen. Damals ging die CaHRA davon aus, dass das Projekt 42.6 Milliarden Dollar kosten würde und der Bau bis 2020 abgeschlossen sein würde. Viele Kalifornier wurden im vergangenen November durch die Meldung desillusioniert, wonach sich die Kosten für das Projekt auf 98.5 Milliarden Dollar erhöht hätten. Aufgrund der Kritik korrigierte die CaHRA ihre Planungen und reduzierte die Ausgaben. Demnach könnten nun auch bestehende Trassen nach entsprechender Erneuerung benutzt werden - so wie es beim ICE oder dem französischen TGV praktiziert wird.

Schwierige Finanzierung

Dennoch gibt es immer noch Stimmen, die das Projekt mit Blick auf die schwierige Finanzierung ablehnen. "Das ist die richtige Vision - aber am Ende ist das der falsche Plan, der falsche Platz, und die falsche Zeit," sagt Joe Simitian, Mitglied des kalifornischen Senats aus Palo Alto. Simitian stimmte im Juli gegen das Projekt, obgleich er ursprünglich ein enthusiastischer Fan war. Seine Sorge: Wenn das Geld ausgeht und am Ende nur der Streckenabschnitt im Central Valley steht, wäre das wie eine Brücke ohne Straßenanschluss.

Bei der CaHSR teilt man diese Sorgen nicht. Hier gibt man sich davon überzeugt, dass die Finanzierungslücken von privaten Geldgebern gedeckt werden. "Das ist ein international bewährtes Geschäftsmodell und erprobt bei fast allen Hochgeschwindigkeitsprojekten auf der Welt," sagt Lisa Marie Burcar, Pressesprecherin der California High-Speed Rail Authority. Der Grund, im Central Valley zu bauen, sei ein strategischer gewesen, sagt Robert Stern, Leiter des Center for Governmental Studies in Kalifornien. "Es ist die einfachste und kostengünstigste Strecke, weil das Central Valley in einem flachen Gebiet liegt." Stern: "Wir können entweder den Zug bauen oder weitere Straßen hinzufügen."

Kaliforniens demokratischer Gouverneur Jerry Brown bleibt ein großer Unterstützer des Projektes und ist zuversichtlich, dass es erfolgreich beendet wird. "Als Abraham Lincoln während des Bürgerkrieges das interkontinentale Streckennetz bauen ließ, hatte er auch keine Ahnung, wer dafür bezahlen würde", sagte er, als im Parlament der erste Finanzierungsteil beschlossen wurde.

Klage der Bauern steht im Raum

Allerdings kämpft Brown nicht nur an der Finanzierungsfront. Es ist vor allem die Klage des Madera County, die ihm Sorgen bereitet. Das Madera County Farm Bureau hat sich der Klage gegen den Hochgeschwindigkeitszug angeschlossen. Die Bauern argumentieren, dass der Bau der Strecke von dem ursprünglichen Plan abweicht und damit unter anderem der Anbau von Feigen und Walnüssen unmöglich würde. "Wir würden die Hälfte unserer Mitglieder verlieren, und es wird unsere Arbeit einschränken", sagt Leiterin Anja Raudabaugh.

Verkehrsminister Ray LaHood sagte nach dem Finanzierungsbeschluss für den ersten Teil des Projekts, dass der Golden State ein glänzendes Beispiel für die Nation darstelle. "Kalifornien hat immer noch Lust auf große Infrastrukturprojekte," sagt LaHood, "und gibt den Menschen Arbeit." Auch Präsident Barack Obama ist ein standhafter Befürworter der Schnellbahn - er sprach sich schon im Wahlkampf 2008 für das Projekt aus. Doch seitdem sind ähnliche Vorhaben in Staaten wie Ohio und Florida durchgefallen.

Manche Leute sagen, dass Kalifornien - berühmt für Hollywood und das Silicon Valley - besonders innovationsfähig ist. Die Bevölkerungszahl wächst explosionsartig, was Experten rätseln lässt, wie man damit umgehen soll: 2000 hatte Kalifornien 34 Millionen Bewohner, die Zahl von 40 Millionen wird dieses Jahr überschritten, und bis 2032 werden laut dem U.S. Census Bureau wohl bis zu 50 Millionen Menschen in Kalifornien leben.

Ein unerwarteter Befürworter des Projekts ist übrigens der San Francisco International Airport (SFO), weil man sich davon eine Entlastung verspricht. "Wir erwarten, dass bis 2050 der Passagierverkehr die Grenze von 50 Millionen erreichen wird," sagte SFO-Chef John Martin kürzlich. "Der Hochgeschwindigkeitszug wird den Bedarf für Flüge von Berufspendlern reduzieren."

insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
opogog 22.09.2012
1. Ok...
Zitat von sysopCalifornia High-Speed Rail AuthorityDie USA sind eine Autonation, aber die Kalifornier waren schon immer ein wenig eigen: Ab Januar will man hier mit dem Bau einer Hochgeschwindigkeits-Strecke beginnen, auf der Züge zwischen Los Angeles und San Francisco fahren sollen - doch es gibt Widerstand gegen das Mega-Projekt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855649,00.html
4,6 Mrd. für 48 Kilometer Bahnstrecke?!?! Das ist ja teurer wie in Deutschland.
captndelta 22.09.2012
2.
---Zitat--- Das kalifornische *Central Valley* ist eine Gegend zwischen San Francisco und Los Angeles, die zum größten Teil aus Straßen und Feldern besteht. Autos fahren über weite *sechsspurige Highways*, die von *Tankstellen und Fastfood-Ketten gesäumt* sind ---Zitatende--- LOL, da weiss man schon mal, das es die werte Autorin noch nicht aus dem San Fernando Valley geschafft hat...
Hank Hill 22.09.2012
3. Natuerlich gibt es Widerstand,
die Auto- und Oellobby hat doch kein Interesse an einem funktionierenden Beispiel im Bereich Hochgeschwindigkeitszuege. Das koennen die "sozialistischen" Staaten in Europa machen, aber doch nicht in Amerika. Wenn ein Amerikaner heute von Europa nach Hause fliegt, dann fliegt er von den Jetsons zurueck zu den Flintstones. Vom superlahmen Internet bis hin zu veralteten Airports, ueber der Erde verlaufenden Stromleitungen, etc. hinken die Amerikaner vielen europaeischen und asiatischen Laendern hinterher.
ratem 22.09.2012
4. Rechnen 6 - setzen!
Zitat: "Hier will man bis Januar mit dem Bau des California High-Speed Rail beginnen - der ersten Hochgeschwindigkeitslinie in den USA, auf der Züge einmal mit bis zu 355 km/h fahren sollen. Wenn die Strecke fertig ist, soll sie auf 1236 Kilometern die größten kalifornischen Städte verbinden. Für die Strecke zwischen San Francisco und Los Angeles würde man statt aktuell sieben nur noch zweieinhalb Stunden brauchen." Rechnen wir mal: 1236km/2.5Std = 494Km/h ... wie macht man das mit einem Zug, der "nur" bis zu 355Km/h schnell ist. Sollten hier etwa 3.5 Stunden gemeint gewesen sein? ... 1236/3.5=353 ... aha ... auch wenn das immer noch "arschknapp" ist. Vielleicht sind es also gar 4 oder 4.5 Std ... man weiss es nicht!
B.C. 22.09.2012
5.
"Das Madeira County Farm Beaurau hat sich der Klage gegen den Hochgeschwindigkeitszug angeschlossen." Peinlich, peinlich, dass man als Redakteur heute nichtmal mehr dien Elan hat zu googlen wie man "Bureau" richtig schreibt, sondern einfach wild Buchstaben aneinander reiht, in der Hoffnung das es schon niemandem auffällt. Als Tippfehler kann man das nun wirklich nicht mehr bezeichnen.
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