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Kalter Krieg: Hunderte starben an Grenze von Österreich und CSSR

Die Grenze zwischen Österreich und der Tschechoslowakei soll weit blutiger gewesen sein als bislang bekannt: Laut einer Studie sollen an diesem Abschnitt des Eisernen Vorhangs im Kalten Krieg fast 800 Menschen gestorben sein. Die meisten Opfer waren Soldaten.

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AFP

Abbau der Grenzzauns zwischen Österreich und CSSR: Fast 800 Tote

Wien - Die Grenze zwischen Österreich und der damaligen CSSR im Kalten Krieg war nach Erkenntnissen von Historikern eine besonders grausame Todesfalle für Flüchtlinge und Soldaten. Fast 800 Menschen seien zwischen 1945 und 1989 an der Grenze gestorben, sagte der Leiter des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Stefan Karner.

Aus bisher unter Verschluss gehaltenen Dokumenten der Geheimpolizei gehe hervor, dass 129 Menschen beim Fluchtversuch starben. Der Großteil der Toten, nämlich 648, seien aber meist tschechoslowakische Soldaten gewesen, die bei Unfällen im Minengürtel oder durch Selbstmord ihr Leben verloren. "Diese Grenze war blutiger als die innerdeutsche", meinte Karner. Die Zählung der Grenztoten in Deutschland ist allerdings umstritten, manche Forscher gehen von weit mehr als 1000 Toten am Grenzstreifen zwischen DDR und BRD aus.

In jedem Fall kamen die Opfer auf ähnlich grausame Weise ums Leben: In einigen Fällen hätten Grenzhunde jugendliche Flüchtlinge zerfleischt, Menschen seien am Stacheldrahtzaun verblutet, Soldaten hätten sich wegen des enormen psychischen Drucks gegenseitig erschossen, sagte Karner, der mit seinen Mitarbeitern Einsicht in die Akten des tschechoslowakischen Geheimdienstes nehmen durfte.

Opfer manchmal tagelang mit dem Fernglas verfolgt

Entlang der 453 Kilometer langen Grenze zwischen dem neutralen Österreich und der kommunistischen CSSR patrouillierten nach diesen Angaben bis zu 8000 Soldaten. Der Sperrgürtel im Böhmerwald sei bis zu zwölf Kilometer tief gewesen. "Das bedeutet, Grenzsoldaten haben ihre Opfer teils stunden- oder gar tagelang mit dem Fernglas verfolgt", sagte Karner. Das sei an vielen offenbar nicht spurlos vorbeigegangen. "Die Motiv- und Ursachenforschung für die Todesfälle unter den Soldaten steht aber noch am Anfang."

Die eigentliche Grenze sei vergleichbar mit der deutsch-deutschen befestigt gewesen: mit Minenfeld, Flutlicht, dreifachem Stacheldrahtzaun, davon der mittlere unter tödlichen Strom. Die wenigen Jahre des politischen Tauwetters wie zu Zeiten des "Prager Frühlings" 1968 hätten auch unmittelbar Auswirkungen auf die Grenzsituation gehabt. "Dann waren weniger Soldaten unterwegs, wurde der Strom am Zaun abgestellt." Insgesamt gehörten den Grenztruppen 20.000 Soldaten an.

Die Recherchen, die nun in Buchform vorliegen, sind Teilergebnisse eines Projekts über den tschechoslowakischen Nachrichtendienst in Österreich von 1945 bis 1989. Die Anregung dazu kam nach Karners Worten von tschechischer Seite.

ade/dpa

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