Kambodscha: Fräulein Pol Pots Flucht vor der Vergangenheit

Von Erich Follath

Der Vater ein Massenmörder wie Hitler und Stalin, sein Kind eine scheue Schönheit: Pol Pots Tochter studiert heute unter einem Decknamen in Phnom Penh. Von den Killing Fields der Roten Khmer, von den Verbrechen ihres Vaters will sie nichts wissen - sie genießt lieber die Party-Szene.

Phnom Penh - Pol Pot, der Kambodschas Kultur mit Stumpf und Stiel ausrotten wollte, hat sie ausgerechnet nach einer berühmten kambodschanischen Prinzessin benannt: Sitha. Der Vater, der den Tod von fast zwei Millionen seiner Landsleute kühl als "notwendiges Opfer" für "die kommunistische Sache" betrachtete, hat sie häufig zärtlich gestreichelt. Der Vater, der durch den Aufstand der eigenen Leute und mysteriöse Krankheiten geschwächt war, hat an ihre Zukunft gedacht. Wenige Monate vor seinem Tod holte er seinen Sekretär in sein Dschungelquartier von Anlong Veng und nahm ihm das Versprechen ab, sich um seine Frau und das Kind zu kümmern.

Pol Pots Tochter Sitha und ihre Mutter (Aufnahme von 1998): Liebenswertes Mädchen
REUTERS

Pol Pots Tochter Sitha und ihre Mutter (Aufnahme von 1998): Liebenswertes Mädchen

Was Pol Pot dem Vertrauten als Gegenleistung bot, blieb ungeklärt. Den Zugriff auf angeblich aufgehäufte Goldbarren, den geheimnisvollen Schatz der Khmer Rouge? Ein für andere Politiker brisantes Vermächtnis? Unbestritten ist nur: "Bruder Nr. 1" diktierte seinem Sekretär Tep Khunnal bis zuletzt seine Memoiren.

"Unsere Revolution war richtig"

Pol Pot, neben Hitler und Stalin der schlimmste Massenmörder des vergangenen Jahrhunderts, ist am 15. April 1998 gestorben und bald darauf eingeäschert worden. Seine Genossen verhöhnten den Mann, den sie ein Leben lang gefürchtet hatten, indem sie seinen Lehnstuhl und alte Reifen ins Feuer warfen und ihm nachriefen, nun sei er weniger wert "als Kuhscheiße". Sekretär Tep Khunnal aber hielt Wort. Er brachte Sitha, damals 12, und Pol Pots Frau Meas, damals 36, in ein geheimes Versteck auf die andere Seite der Grenze, nach Thailand. Er heiratete die Witwe und zog das Mädchen wie sein eigenes Kind auf.

Und dann handelte Tep Khunnal mit Premier Hun Sen, dem früheren Roten Khmer, der das Land an der Seite der Vietnamesen befreit hatte, einen erstaunlichen Deal aus: Er durfte sich mit seiner neuen Familie in Kambodscha niederlassen und in dem abgelegenen Distrikt Malai für die Regierungspartei als Gouverneur kandidieren. Seit vielen Jahren nun schon lenkt der Pol-Pot-Sekretär im äußersten Westen des Landes die politischen Geschicke. Er hat - von welchem Geld auch immer - eine Reis-Fabrik aufgebaut und gilt seinen 40.000 Untertanen als fähiger Verwalter: Malai, anders als die meisten Regierungen des Landes, frei von Bars und Bordellen, ist mit seinen strengen Sitten und seinem genossenschaftlichen Zusammenhalt eine Art kambodschanisches Amish-Land.

Besuch empfängt der Distriktvorsteher höchst selten. Als er im November den SPIEGEL in seinem ordentlich aufgeräumten, penibel gesäuberten Büro begrüßt, äußert er sich erstmals zum anstehenden Völkerrechtstribunal gegen die Ex-ZK-Mitglieder der Roten Khmer, darunter den "Bruder Nummer zwei" Nuon Chea, und gegen "Duch", den Chef-Folterer. Tep Khunnal, 56, sagt, er könne das Gerichtsverfahren nicht verstehen. "Unsere Revolution war richtig." Es seien "bedauerliche Dinge vorgekommen", aber das seien doch eher Randerscheinungen gewesen.

Er wollte nur eines sein: der perfekte Sekretär

"Pol Pot war ein Idealist. Er war ein Führer. Und mit den meisten seiner Entscheidungen lag er richtig." Tep Khunnal würde selbstverständlich vor dem Tribunal aussagen, sollte man ihn vorladen. Das sei aber nicht geschehen. Er behauptet aber, über Mordbefehle der Khmer-Rouge-Spitze nichts zu wissen - erstaunlich, da er Mitglied der KP-Planungskommission war. Er will auch keine versteckten Gelder der Roten Khmer erhalten haben, und das von Pol Pot diktierte Vermächtnis, in zwei Dutzend Notizbüchern festgehalten, sei verbrannt. Keine geheimen Informationen, irgendwo in einem Safe gelagert, mit denen er Premier Hun Sen erpressen könnte? Herr Tep schüttelt sich empört. "Ein Gerücht, das ich auch gehört habe - es entbehrt jeder Grundlage."

Tep Khunnal, in Frankreich studiert, von der Revolution begeistert und lange als Uno-Vizebotschafter seines Landes in New York tätig, wollte immer nur eines sein: der perfekte Sekretär. Und wie ist er als Erzieher? Was hat Tep Khunnal, der mit Meas noch ein eigenes Kind bekommen hat, seiner Stieftochter Sitha über Pol Pot erzählt? "Die Wahrheit", sagt er. "Dass er sich bis zuletzt um sie gesorgt hat, ein fürsorglicher Mensch, jedenfalls ihr gegenüber. Dass sie nicht alles glauben soll, was ihr andere möglicherweise über ihn erzählen."

Was Sitha wann vom Genozid der Roten Khmer am eigenen Volk erfahren hat - und über den Hauptverantwortlichen, ihren Vater - ist unklar. In ihrem Gymnasium in der Provinzstadt Sisophon wird Gegenwartsgeschichte nicht gelehrt, die Khmer-Rouge-Zeit bleibt, wie fast überall in Kambodscha, ausgeklammert.

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Kambodscha: Khmer, Killing Fields und das schöne Fräulein Pol Pot