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Regierungschef Hun Sen: Kambodschas gefährlichster Mann

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

Mord und Einschüchterung gehören in seinem Reich zum Alltag: Hun Sen hat Kambodscha seit Jahrzehnten im Griff. Wie brutal der Despot gegen die Opposition vorgeht, bekamen jetzt auch Menschenrechtler und Umweltschützer zu spüren.

Kambodscha: Die Opfer von Hun Sen Fotos
DPA

Samdech Hun Sen ist ein gefährlicher Mann. Seit 27 Jahren regiert der 60-Jährige Kambodscha mit autoritärer Härte. Der ehemalige Kommandant der Roten Khmer hat sogar angedroht, er werde bis zu seinem 80. Lebensjahr über das 14-Millionen-Volk herrschen, falls ihn nicht das Schicksal vorher abberufe. Wenn er gute Laune hat, kanzelt der starke Mann Kambodschas seine Kritiker milde als "dumme Philosophen" ab. Ist er gereizt, poltert er allerdings schon mal in aller Öffentlichkeit los: "Ich schwäche die Opposition nicht nur, ich mache sie tot. Und wenn sich welche für stark genug halten, um Demonstrationen zu veranstalten, werde ich die Hunde schlagen und in Käfige sperren."

Die "New York Times" reiht Hun Sen in die Riege der "berüchtigtsten Autokraten der Welt" ein - der Diktatoren, die es mit Gewalt, einem loyalen Sicherheitsapparat, massiver Korruption und der stillschweigenden Unterstützung ausländischer Mächte geschafft haben, sich länger als 10.000 Tage an der Macht zu halten.

Hun Sen zum Feind zu haben ist gefährlich, oft genug sogar lebensgefährlich. Der letzte in der langen Reihe seiner Opfer, der das bitter erfahren musste, ist Mam Sonando. Der Journalist ist Besitzer des regimekritischen Radiosenders "Bienenkorb", der wichtigsten Stimme der Opposition in Kambodscha. In dieser Woche wurde er zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt. Er soll die Bewohner des Dorfes Prama in der Provinz Krathie im Mai zum bewaffneten Umsturz aufgerufen haben. Die Dorfbewohner hatten sich damals dagegen gewehrt, dass ihr Land an eine Gummifabrik verkauft worden war, die enge Verbindungen zu Kambodschas herrschender Elite hat.

Für eine Beteiligung Sonandos an den Protestaktionen in Prama gibt es nach Ansicht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch keinerlei Anzeichen. Doch in dem Prozess gegen Sonando ging es in Wirklichkeit auch gar nicht um Prama und seine Bewohner. Der unerschrockene Journalist hat sich in den Augen Hun Sens etwas viel Schlimmeres zu Schulden kommen lassen: Er hat eine Oppositionsgruppe unterstützt, die Hun Sen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf die Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag bringen will. Schlimmer noch: Er hat darüber im Radio Bienenkorb berichtet. Hun Sen schäumte und verlangte seine Inhaftierung. Dann lief alles nach Drehbuch: Als der Regimegegner aus Den Haag zurückkam, wurde er verhaftet. Bezeichnenderweise warteten Hun Sens Schergen allerdings zwei Tage, bevor sie zuschlugen - bis nach der Abreise von US-Außenministerin Hillary Clinton vom Asean-Gipfel in Phnom Penh. Nichts sollte die Feststimmung trüben.

Mord und Einschüchterung haben Methode im Reiche Hun Sens

Fast drei Monate saß Sonando in Untersuchungshaft, bevor er getreu der Anweisung Hun Sens verurteilt wurde. Brad Adams, Asiendirektor von Human Rights Watch, kommentiert verbittert: "Wenn Hun Sen ein Urteil haben will, dann bekommt er es auch." Fast resigniert fügt er hinzu: "In den vergangenen 20 Jahren hat Hun Sen die Justiz immer wieder verhöhnt, aber die Verurteilung von Mam Sonando ohne auch nur einen Hauch von Beweisen ist ein neuer Tiefpunkt. Kambodschas Gerichte sind so politisiert, dass sie ihre Sitzungen eigentlich gleich in Hun Sens Wohnzimmer abhalten könnten." Auch Rupert Abbott von Amnesty International erklärt empört, Sonando sei kein Aufrührer, sondern ein politischer Gefangener im Schreckenssystem Hun Sens.

Niemand scheint vor dem Gewaltherrscher sicher zu sein, der in seiner 27-jährigen Amtszeit ein persönliches Vermögen von mehr als 500 Millionen US-Dollar angehäuft haben soll. So wurde Rong Chhun, der einflussreichste kambodschanische Gewerkschaftsführer, im August und im September wiederholt von der Polizei vorgeladen und mit der Drohung eingeschüchtert, er habe Textilarbeiter zu illegalen Streiks aufgerufen, ein Vergehen, für das hohe Gefängnisstrafen drohen. Zuletzt wurde 2004 ein unbequemer Gewerkschaftsboss erschossen.

Im Mai 2012 verurteilte ein Gericht in Phnom Penh 13 Frauen zu zweieinhalb Jahren Haft. Sie hatten sich gewaltlos dagegen gewehrt, dass ihr Wohngebiet im Norden der Hauptstadt an einen mit Hun Sen verbandelten Investor verkauft worden war. Erst auf massiven internationalen Druck wurden sie nach einem Monat frei gelassen. Doch das Urteil blieb bestehen.

Im April war Chut Wutty, einer der bekanntesten Umweltschützer Kambodschas, an einem Kontrollpunkt der Militärpolizei in der südwestlichen Provinz Koh Kong erschossen worden. Er hatte Material über die eng mit der Regierung verknüpfte Holzmafia Kambodschas gesammelt, die teure Tropenhölzer illegal vermarktet. Bis heute ist sein Tod unaufgeklärt. Auch der Journalist Hang Serei Oudom musste sein Interesse für die Machenschaften der Holzmafia mit dem Leben bezahlen: Er wurde im September in der Provinz Ratanakkiri im Norden Kambodschas mit einer Axt oder einem Knüppel brutal erschlagen. Im letzten Artikel vor seinem Tod hatte er über illegalen Holzeinschlag berichtet, in den auch der Sohn eines Militärkommandeurs verwickelt gewesen sein soll.

Mord und Einschüchterung haben Methode im Reiche Hun Sens: In der kommenden Oktoberwoche muss auch der aufmüpfige Präsident des "Kambodschanischen Zentrums für Menschenrechte", Ou Virak, vor Gericht erscheinen. Ihm wird zur Last gelegt, er habe gemeinsam mit einem Journalisten und zwei Menschenrechtsaktivisten 60 Familien in der Provinz Ratanakkiri unterstützt, die sich gegen die kalte Enteignung von 260 Hektar Land vor Gericht gewehrt haben. Dabei, so lautet der Vorwurf des Gerichts, hätten die vier Beschuldigten zu Umsturz und Terror aufgerufen.

Alle vier beteuern ihre Unschuld. Wie der Fall Sonando gezeigt hat, wird ihnen das nicht helfen. Was Recht ist, bestimmt Hun Sen in diesem Staat, der offensichtlich dabei ist, Burmas Pariarolle in Südostasien zu übernehmen.

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1. Ach nee ?
chris_0549 07.10.2012
Zitat von sysopDPAMord und Einschüchterung gehören in seinem Reich zum Alltag: Hun Sen hat Kambodscha seit Jahrzehnten im Griff. Wie brutal der Despot gegen die Opposition vorgeht, bekamen jetzt auch Menschenrechtler und Umweltschützer zu spüren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kambodscha-gewaltherrscher-hun-sen-regiert-mit-autoritaerer-haerte-a-859470.html
Und warum werden hier nicht die Konten eingefroren, gibt es keine Sanktionen von den sogenannten "Demokratien" ? Er ist ein Schurke - aber er ist unser Schurke - stimmts ? Ganz anders wie beim bösen Gaddafi, oder dem bösen Assad. Also hört auf mit dem heuchlerischen Gejammer ! Über das Regime in SA, Bahrein oder gar Katar regt sich doch auch kein westlicher "Demokratieapostel" auf !
2. Komma verrutscht
wolke4 07.10.2012
In der Vorschau zum Länderlexikon (Frame links neben dem Artikel) steht zu Kambodscha: Bevölkerung: 140,367 Mio. Da ist wohl das komma verrutscht, richtig wäre: 14 Mio
3. Man lernt nie aus
panzerknacker51, 07.10.2012
Zitat von sysopDPAMord und Einschüchterung gehören in seinem Reich zum Alltag: Hun Sen hat Kambodscha seit Jahrzehnten im Griff. Wie brutal der Despot gegen die Opposition vorgeht, bekamen jetzt auch Menschenrechtler und Umweltschützer zu spüren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kambodscha-gewaltherrscher-hun-sen-regiert-mit-autoritaerer-haerte-a-859470.html
Und ich dachte, die Khmer seien Geschichte. Merkwürdig stimmt allerdings, daß der Mann offensichtlich schon seit längerer Zeit sein Unwesen treibt, ohne daß die öffentliche Empörungsmaschinerie anläuft. Ich bilde mir ein, mich einigermaßen auf dem Laufenden zu halten, lese hier von den kambodschanischen Zuständen jedoch zum ersten Mal ...
4. Gute Frage!
mickt 07.10.2012
"Und warum werden hier nicht die Konten eingefroren …" Gute Frage chris_0549! Mich würde auch interessieren welche Europäer die Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag unterstützen. Gibt es Aktivitäten deutscher Politiker das was zu tun? Ein feines perverses Detail: das Foto zeigt den Diktator mit dem Symbol des Buddhismus, dem Rad der Lehre des Buddhas.
5. Das vergessene Land
n01 07.10.2012
Zitat von chris_0549Und warum werden hier nicht die Konten eingefroren, gibt es keine Sanktionen von den sogenannten "Demokratien" ? Er ist ein Schurke - aber er ist unser Schurke - stimmts ? Ganz anders wie beim bösen Gaddafi, oder dem bösen Assad. Also hört auf mit dem heuchlerischen Gejammer ! Über das Regime in SA, Bahrein oder gar Katar regt sich doch auch kein westlicher "Demokratieapostel" auf !
Da helfen nur noch von uns unterstützte Aufständische und Rebellen, aber wo bleiben Sie? Herr Westerwelle, Frau Clinton, da gäbe es doch noch ein Grund, sich zu empören, wo es sich ev. wirklich lohnt.
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Bevölkerung: 14,0367 Mio.

Fläche: 181.035 km²

Hauptstadt: Phnom Penh

Staatsoberhaupt:
König Norodom Sihamoni

Regierungschef: Hun Sen

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