Politik

Separatisten in Kamerun

Straßenschlacht um Ambazonien

Die englischsprachige Minderheit in Kamerun träumt vom eigenen Staat: Ambazonien. Gerade das brutale Vorgehen des Präsidenten könnte den Separatisten neuen Zulauf bescheren.

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Freitag, 06.10.2017   15:23 Uhr

Die Separatisten im westlichen Kamerun sind schon weiter als die Katalanen in Spanien - zumindest was die Erklärung ihrer Unabhängigkeit angeht.

Am Wochenende riefen namhafte Aktivisten via Facebook ihren neuen Staat aus: Ambazonien. Die Bürger der Fantasierepublik erlaubten sich, ihre weiß-blau gestreifte Fahne zu hissen und eine eigene Hymne anzustimmen. Videos davon sind auf Facebook zu finden.

Anders als in der spanischen Hauptstadt Madrid regiert im kamerunischen Jaunde allerdings keine schwache Minderheitsregierung. Die Macht in Kamerun hat schon sehr lange nur ein Mann inne, der als skrupelloser Autokrat bekannt ist: Paul Biya, seit 35 Jahren Präsident.

Wie früher schon ging Biyas Regierung hart gegen die Separatisten vor. Jaunde erließ zunächst eine Ausgangssperren für die Provinzen Nordwest-Kamerun und Südwest-Kamerun. Handy-Videos von dort, die trotz eingeschränktem Internetverkehr hochgeladen werden konnten, zeigen Polizisten, die unbewaffnete Zivilisten über fast menschenleere Straßen schleifen und auf sie einprügeln. Bei den Protesten für mehr Mitbestimmung kamen laut Amnesty International am Wochenende und am Montag 17 Menschen durch Polizeikugeln ums Leben. Die Zentralregierung sprach von sieben Toten. Nach dem Amnesty-Bericht bestätigte sie 15 Todesopfer.

Das Paradoxe: Erst Präsident Biyas hartes Vorgehen scheint die Separatisten zu einen wie lange nicht. Ein Exil-Kameruner sagte der Nachrichtenagentur Reuters, noch im vergangenen Jahr hätten die Separatisten kaum Leute auf die Straße gelockt. "Aber die Menschen haben Familienmitglieder in Haft gehen oder gar sterben sehen, und sie sind ins Separatistenlager gewechselt", so Aktivist Tpang Ivo Tanku.

Drei Jahrzehnte Kampf, keine Zugeständnisse

1961 waren die ehemals französische Republik Kamerun und das englische Südkamerun zur Vereinigten Republik Kamerun geworden. Die englischsprachigen West-Kameruner sehen sich praktisch seit der Unabhängigkeit von der französischsprachigen Zentralregierung diskriminiert. 1984 strich Präsident Biya das "Vereinigte" aus dem Landesnamen, etwa zu jener Zeit kamen Exil-Kamerunern die Idee eines eigenen Landes: Ambazonien, benannt nach der von den britischen Kolonialisten so getauften Ambas-Bucht im Golf von Guinea.

SPIEGEL ONLINE; Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

Seitdem hat Biya jedes Aufbegehren der anglophonen Minderheit ignoriert, und die Proteste zur Not gewaltsam erstickt. Kein Stück Selbstbestimmung hat der Unmut an der Grenze zu Nigeria bisher gebracht, der Gouverneur der zwei Unruhe-Provinzen wird von Biya ausgewählt.

Im Herbst 2016 schlug die Staatsmacht zuletzt Lehrerproteste gewaltsam nieder. Anfang 2017 reihte sich Kamerun in die Reihe der Länder ein, die das Internet als Quelle des Unmuts ausmachten: Mitte Januar schaltete die Regierung "aus Sicherheitsgründen" das Internet im englischsprachigen Kamerun ab. Gute 90 Tage dauerte der Blackout.

Gedämpft hat das die Empörung nicht, im Gegenteil. Geldtransfers per Mobiltelefon sind im westafrikanischen Kamerun essenziell im Alltag. WhatsApp und Facebook sind für viele Synonyme für das Internet. Wer in den Alltag eingreift, wie es Biya tut, sorgt für mehr statt für weniger Unmut.

Biyas Angriff auf das Internet rächt sich

Zu Beginn des Internet-Blackouts in Kamerun mutmaßte ein Diplomat im Gespräch mit der "New York Times", das Abschalten könnte nur ein Zwischenschritt sein. Demnach bemühe sich die Regierung Biyas um ein Überwachungssystem nach chinesischem Vorbild. Nicht das ganze Internet, aber jegliche regierungskritischen Inhalte sollten damit gefiltert werden.

Der revolutionäre Akt vom Wochenende jedenfalls - eine kaum vorbereitete, nicht durch Referendum oder Waffengewalt abgesicherte Unabhängigkeitserklärung Ambazoniens - könnte mit eine Folge der Internetsperren gewesen sein.

REUTERS

Staatchef Paul Biya in New York

Nach außen freilich weiß Biya sich zu präsentieren: Auf ganz großer Bühne, am Rand der Uno-Generalversammlung, zeigte sich Biya noch Ende September. Kurz darauf verurteilte er "alle Akte der Gewalt" und rief seine Landleute im Westen dazu auf, den Dialog mit der Zentralregierung zu suchen. Unterdessen machten seine Sicherheitskräfte die wenigen, die sich noch auf die Straßen trauten, nieder. Neben moderner Repression versteht sich Biya auf die herkömmliche, und die kann tödlich enden.

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