Kamerun Die rätselhafte Kinder-Entführung von Ambazonien

In Kamerun haben Bewaffnete Dutzende Kinder verschleppt. Laut einem Video fordern sie Freiheit für das Separatistengebiet Ambazonien. Doch an der Echtheit des Kidnappers gibt es Zweifel.

Separatist in der kamerunischen Stadt Bamenda, Anfang Oktober
REUTERS

Separatist in der kamerunischen Stadt Bamenda, Anfang Oktober

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Erst starb ein US-amerikanischer Missionar im Kreuzfeuer von Separatisten und Regierungssoldaten. Dann entführten mutmaßlich anglophone Separatisten Dutzende Schüler in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft.

Und am Dienstag: die große Amtseinführung von Paul Biya, Machthaber Kameruns seit 36 Jahren und zuletzt wiedergewählt, in einer Wahl vor einem Monat, die man so nicht nennen kann.

Paul Biya am Dienstag in Jaunde
ETIENNE MAINIMO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Paul Biya am Dienstag in Jaunde

Die Eskalation des Konflikts zwischen englischsprachigen Separatisten, die im Westen Kameruns einen Staat Ambazonien etablieren wollen, und der frankophonen Zentralregierung läuft derzeit wie in einem Drehbuch ab. Und politische Aktivisten aus dem anglophonen Landesteil werfen der Regierung eben das vor: eine Inszenierung.

Am Montag schickten mehrere Nachrichtenagenturen die Meldung, Separatisten hätten bis zu 79 Schüler und drei Lehrer in ihre Gewalt gebracht. Mit der Entführung hat Kameruns politische Krise ein neues Niveau erreicht: Hunderte sind seit Jahresanfang durch die Gewalt gestorben. Aber eine derartige Massenverschleppung gab es noch nicht.

Die Nachricht geht auf den Provinzgouverneur Deben Tchoffo zurück, einen Gefolgsmann von Staatschef Biya, der "Terroristen" verantwortlich machte. Außerdem sollte ein Video, dass einige der Schüler aus der presbyterianischen Internatsschule von Nkwen und ihren Entführer zeigt, belegen, dass Separatisten die Jugendlichen aus ihren Schlafsälen holten.

In dem Film erklärt ein Mann in gebrochenem Englisch, die Jugendlichen kämen frei, wenn der Ruf nach einem freien Ambazonien erhört werde. Schon wenig später waren sich Autonomieaktivisten aus der Region sicher: Das Video sei eine dreiste Inszenierung des Militärs, der Bart des Mannes nur angeklebt und der Kidnapper ein frankophoner Militär. Kurz: Die Aktion sei lediglich eine staatliche Operation, um die Separatisten zu diskreditieren.

Ist das vorstellbar? Zumindest hatte die Regierung Biyas bislang kaum Skrupel, mit voller staatlicher Härte auch gegen friedliche Separatisten vorzugehen. Als die ihren Fantasiestaat Ambazonien kurz vor der Präsidentschaftswahl Anfang Oktober ausriefen, Flaggen hissten und ihre Hymne sangen, verhängte die Regierung Ausgangssperren, schränkte das Internet ein und verhaftete und misshandelte zahlreiche Demonstranten.

Bei der Wahl lag die Beteiligung in den englischsprachigen Provinzen Südwest und Nordwest unter zehn Prozent. Die Beobachterkommission der Afrikanischen Union zweifelte im Nachgang an der Chancengleichheit für die Kandidaten und mahnte in vorsichtigen Worten zu Reformen. Zudem hatten Separatisten einen Wahlboykott ausgerufen und setzten diesen offenbar auch mit Waffengewalt durch, berichtete der britische "Guardian".

Menschen im anglophonen Kamerun sehen sich benachteiligt

Der Ursprung des Konflikts liegt in der Kolonialzeit, denn Kamerun ist eine Fusion aus einem ehemaligen französischen und einem ehemaligen britischen Besatzungsgebiet. Seit Ende 2016 eskalieren die alten Spannungen wieder. Damals regte sich Protest gegen Veränderungen im Bildungs- und Justizwesen in Westkamerun.

Zuerst hatten Anwälte gegen zu viele rein französischsprachige Richter im anglophonen Landesteil demonstriert. Dann schlossen sich Lehrer an, die um die englische Sprache und angelsächsisch geprägte Schulen fürchteten. Beide Protestbewegungen forderten dazu mehr Autonomie für die Westprovinzen. Und beide wurde von der Polizei brutal niedergeknüppelt.

Seitdem hat sich die Lage noch verschlimmert: Gouverneur Tchoffo erklärt seine Provinz Nordwest zwar für sicher und von der Regierung kontrolliert. Doch schon unweit der Provinzhauptstadt Bamenda kontrollieren Separatisten die Dörfer und bauen Straßensperren gegen eine Offensive der Regierungsarmee, berichten der britische "Economist" und die US-Zeitung "New York Times".

Das Land stehe kurz vor einem Bürgerkrieg, hieß es in den Berichten von Anfang Oktober. 160.000 Menschen waren da laut "NYT" bereits vor der Gewalt geflohen. 600 Menschen sind gestorben, 160 davon Sicherheitskräfte. In Bamenda sei die Leichenhalle des Krankenhauses voll mit unidentifizierten Opfern, schrieb der "Economist" und berief sich auf lokale Quellen.

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Biya hat nach seiner Amtseinführung nun zwei Optionen: den harten Kurs fortsetzen und die Entführung - inszeniert oder nicht - als Legitimierung einer neuen Gewaltwelle seiner Sicherheitskräfte nutzen. Oder nach seiner Amtseinsetzung abrüsten und versuchen, den Konflikt zu befrieden.

Der allzu oft abwesende Präsident Biya

Einfach wird das nicht. Schließlich hat die staatliche Gewalt seit Ende 2016 die Gegner des Präsidenten in Westen des Landes geeint wie nie. Zu viele Familien haben ihre Kinder verloren, die Separatisten wollen Biya mehr denn je los- und unabhängiger werden. Schlechte Vorzeichen für das Land, dessen Präsident die Wunden der Kolonialzeit trotz mehr als drei Jahrzehnten an der Macht nie heilen konnte.

Und Biya ist bekannt dafür, sich lieber in Europa als in seiner Heimat aufzuhalten. In Genf, schrieb jüngst das US-amerikanische "Wall Street Journal", seien Biya und seine Frau Chantal so regelmäßig zu Gast, dass sie im dortigen Hotel Intercontinental schon eigene Codenamen hätten. Sie hießen dort einfach nur "er" und "sie".

Zu seiner Amtseinführung, der siebten, musste der alte und neue Staatschef auf jeden Fall in der Hauptstadt Jaunde sein.



insgesamt 6 Beiträge
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Hokuspokus 06.11.2018
1. Naja
Zumindest was die Aussprache angegeht, würde ich den Sprecher schon als anglophonen verorten. Die Sprache, oder der Dialekt nennt sich Pidgin evtl. Kamtok und ist vergleichbar mit den stark akzentuierten Varianten der Kreolsprachen oder des englischen Dialekts in Jamaika. Journalisten sollten nicht jeden Tweet abtippen. Ansonsten bezeichnen die Kameruner im Lande (meine Mutter lebt dort) die Zustände als Bürgerkrieg. Das kann sich aber auch wieder schnell beruhigen. Aufstände gab es in Kamerun immer mal wieder. Die Abspaltung ist jedoch nicht wirklich die Lösung. Ein so kleines Land würde die Last der zu errichtenden Verwaltung etc. noch weiter in die Armut drängen. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen und gerechte Zustände schaffen. Im Westen liegt der starke Nachbar Nigeria, der so eine kleine Scholle einfach vereinnahmen würde und den Leuten dort geht es noch schlechter plus den Terror durch Boko Haram.
koch-51 06.11.2018
2.
Dass Frankreich die Francophonie in Afrika massiv unterstützt ist eine Tatsache. Wenn wir zu diesem Konflikt eine Position einnehmen, so muss das natürlich auf der Seite Frankreichs und damit auf der Seite der frankophonen Zentralregierung sein, schon aus europapolitischen Gründen. Die drei Hauptstädte Europas, Strasbourg, Luxembourg und Bruxelles sind frankophon, die Arbeitssprache in der EU wird nach dem Brexit wieder vorrangig Französisch. Leider wird in der Bundesrepublik die französische Sprache bis jetzt nicht angemessen gefördert. Lediglich das Saarland ist hier Vorreiter. Bis 2030 soll Französisch neben Deutsch zur zweiten Amtssprache, ja, zur zweiten Umgangssprache werden. Ob dieser Zeitrahmen realistisch ist, sei natürlich dahingestellt, aber schon jetzt werden Kindergärten zunehmend in französischer Sprache betrieben. Auch wir sollten uns in diesem Konflikt klar auf der Seite der frankophonen Regierung positionieren. - Vive Macron! Vive l'Europe unie!
Mr.Boudougou 06.11.2018
3. historisch nicht korrekt
Der Text enthält mehrere Fehler. Kamerun war deutsche Kolonie (als solche deutlich größer als das heutige Kamerun) und kam nach dem 1. Weltkrieg als Völkerbundsmandat unter britische und französische Verwaltung, war also nie britische oder französische Kolonie oder "Besatzungsgebiet" wie der Artikel schreibt. Zwei englischsprachige Provinzen haben in einem Referendum 1961 dafür gestimmt, zu Nigeria zu gehören, zwei andere Provinzen (Provinz Nord-West und Süd-West) stimmten für die Zugehörigkeit zu Kamerun. Bis heute gibt es zwei Amtssprachen in Kamerun und auch Schulen nach britischem und französischem Schulsystem. Dabei gibt es auch im französischen Teil viele Eltern, die ihre Kinder auf anglophone Schulen schicken, weil sie sich dadurch bessere Zukunftschancen für ihre Kinder erhoffen. Die Zentralregierung in Jaunde hat in ihren Reihen auch anglophone Minister - ist also keine frankophone Regierung wie der Text suggeriert.
miss maik franz 06.11.2018
4. koch-51
Das ist jetzt ganz bitterer Zynismus oder? Den Franzosen haben wir diverse Konflikte auf afrikanischen Boden und damit einen großen Teil afrikanischer Flüchtlinge auf europäischen Boden zu verdanken. Und das sollen wir am besten weiter unterstützen? So wie Lybien am besten. Funktioniert prima, wie wir alle sehen können. Nein, man sollte Frankreich lieber dazu zwingen, die alten Kolonien endlich wirklich freizugeben. Also keine Zwangszahlungen mehr an den alten Kolonialherrn für in der Kolonialzeit geschaffene Infrastruktur (ja, alle Franz. Kolonien dort zahlen immer noch ordentlich. Vertrag ist Vertrag. Kein Enddatum und Haiti musste dies 150 Jahre zahlen, so als Beispiel, wie die Franzosen das handhaben). Und endlich die Währung vom Franc (heute Euro) abkoppeln, damit sie überhaupt mal eine Chance auf eine vernünftige Ökonomie bekommen. Oh, Stimmt ja, war Gaddafis Plan, Hatte er ja schon mit angefangen, auf Gold basierend. Komisch, der musste auf einmal unbedingt weg. Nach Jahren der Freundschaft und nachdem er Sarkozy noch etwas Kleingeld für die Wahlkasse schenken durfte. Frankreich, die große Nation, die soviel Angst davor hat, nur noch weit hinten im Wirtschaftsranking zu sein, wenn die afrikanischen Kolonien unabhängig wären. Ein Alptraum für das kleine Napoleon.
tulu01 07.11.2018
5. @2 koch-51
haben wir jetzt schon staatlich bezahlte Trolle aus Frankreich? ganz zum Schluss des Videos beantwortet einer der Entführer das Telefonat mit "ca va", nicht sehr anglophon. von dem fürchterlichen und gequälten Englisch des Urhebers des Videos mal abgesehen hat das auch nichts mit "Patois" zu tun, das kommt auch viel flüssiger raus. Entweder waren sie nie in Afrika oder sie versuchen zu trollen, eventuell auch beides. Mir liegt im übrigen fern diesen Seperatismus Unsinn unterstützen zu wollen.
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