Kampf gegen die Taliban Afghanistan-Einsatz überfordert müde Briten

Unterfinanziert und überfordert: Die Kriege im Irak und in Afghanistan zeigen der britischen Armee ihre Grenzen auf. Noch zehrt sie von vergangenem Ruhm, doch die Belastung wirkt sich auf die Kampfkraft aus. In der Krisenprovinz Helmand müssen nun zusätzliche US-Truppen aushelfen.


London - Die Überraschung war geglückt. Innerhalb von 20 Minuten setzten amerikanische und britische Hubschrauber Hunderte britische Soldaten im afghanischen Sangin-Tal ab. Die schwerbewaffneten Einheiten stürmten vier Drogenlabore der Taliban, stellten Heroin im Wert von 50 Millionen Pfund sicher und töteten 20 Feinde. "Die Taliban waren verwirrt und komplett ausmanövriert", sagte Sergeant Tony Dryden erfreut.

Britische Royal Marines bei der Operation Diesel: "Taliban verwirrt"
AP

Britische Royal Marines bei der Operation Diesel: "Taliban verwirrt"

Die "Operation Diesel" war der erste größere Erfolg seit langem für die rund 8000 britischen Soldaten in der Krisenprovinz Helmand. Die Regierung in London nutzte die Gelegenheit am Mittwoch sogleich für eine Runde Selbstlob. Verteidigungsminister John Hutton pries den Mut der Soldaten und erklärte, Helmand sei nun wieder ein Stück sicherer geworden.

Erfolgsgeschichten aus Afghanistan sind rar dieser Tage. In den Schlagzeilen dominieren Anschläge und die Rückkehr der Taliban. Am Montag wurde der 145. britische Soldat seit Beginn der Kämpfe getötet, der 22-jährige Stephen Kingscott. Der inzwischen ins achte Jahr gehende Krieg zehrt an den Nerven der Soldaten, der Bevölkerung - und der Politiker. Man befinde sich in einer "Pattsituation", räumte Außenminister David Miliband neulich resigniert ein.

USA verstärken Präsenz in britischer Zone

Die britische Armee war 2001 mit großem Selbstbewusstsein in Afghanistan gestartet. Sie glaubte, mit ihrer Anti-Terror-Erfahrung aus Nordirland allen anderen Alliierten, inklusive den USA, überlegen zu sein. Doch hat sich die Provinz Helmand bislang als eine Nummer zu groß erwiesen. Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, daher treten nun verstärkt die Amerikaner auf den Plan. Ein Gutteil der 17.000 zusätzlichen Soldaten, die US-Präsident Barack Obama am Dienstag angekündigt hat, wird in die Kontrollzone der Briten abgestellt.

Das erscheint logisch, schließlich ist in Helmand der Widerstand der Taliban am größten. Es ist aber auch ein Misstrauensvotum in die Kampfkraft des engsten Verbündeten. "Die Amerikaner übernehmen, weil sie glauben, dass die Briten keinen guten Job gemacht haben", sagt ein westlicher Journalist in Kabul, der seit Jahren die Isaf-Truppen begleitet.

Es ist nicht mehr nur die risikoscheue deutsche Bundeswehr, die von den US-Generälen kritisch beäugt wird. Auch die kampferprobte Armee der Queen muss sich inzwischen Zweifel an ihrer Einsatzfähigkeit gefallen lassen. Der "Economist" widmete kürzlich eine ganze Titelgeschichte dem "traurigen Zustand der britischen Streitkräfte". Die verheerende Diagnose: Die Armee sei überdehnt und überfordert, nach mehreren Fehlschlägen herrsche ein "Klima des Selbstzweifels". Die Amerikaner seien in Sorge, dass die einst kampffreudigen Briten "europäisiert" würden. Ein britischer General wird mit den Worten zitiert: "Wir sind von unserem Weg abgekommen."

Peinliche Pannen im Irak

Der britische Generalstabschef Jock Stirrup protestierte umgehend. In einem Leserbrief schrieb er, seine Truppen seien herausragend und leisteten gute Arbeit. Dies werde auch von den Amerikanern so gesehen. Alles andere sei kompletter Unsinn.

Verteidigungsminister John Hutten sagte der "Financial Times", die Kritik sei nicht fair. Die britische Armee werde ihren Ruf verteidigen.

Tatsächlich sind die Briten neben den Amerikanern die einzigen, die auch die schwersten Missionen annehmen können. Doch sind den Soldaten ihrer Majestät in den vergangenen Jahren mehrere Pannen unterlaufen, die als Indizien für ihre nachlassende Kampfkraft gewertet werden. Im März 2008 standen britische Soldaten fünf Tage lang untätig daneben, als irakische Einheiten die Stadt Basra zurückzuerobern versuchten und dabei in Bedrängnis gerieten. Erst mit Hilfe der Amerikaner gelang die Operation schließlich.

Nicht weniger imageschädigend war ein Zwischenfall im Persischen Golf im Jahr zuvor. Ein Patrouillenboot der "HMS Cornwall" hatte an einem Handelsschiff angedockt, um es zu überprüfen. Da rauschten einige iranische Schnellboote mit Maschinengewehren heran, umzingelten die Briten und nahmen sie fest. "Es war peinlich", sagt John Muxworthy, ein Navy-Veteran und Gründer der Lobbygruppe UK National Defence Association. Seine Erklärung für die Nachlässigkeit: "Wir haben unsere Augen vom Ball genommen."

In Afghanistan kommen schwerwiegende strategische Fehler hinzu, die die Bevölkerung gegen die Briten aufgebracht haben. "Wir haben den Konflikt mit geschaffen", sagt Leo Docherty, ein ehemaliger britischer Offizier, der im Irak und in Afghanistan stationiert war. Mit übermäßiger Feuerkraft seien ganze Dörfer zerstört worden. Jetzt sei es zu spät, um die Sympathien der Afghanen zu werben. "Das einzige, worauf wir hoffen können, ist ein allmählicher Abzug aus Helmand und ein Austausch durch afghanische Truppen."

Zweifrontenkrieg bedeutet ständige Überlastung

Aus Sicht von Veteranen sind die Versäumnisse nicht verwunderlich. Die jahrelange Doppelbelastung fordert ihren Tribut. Seit 2003 kämpfen die Briten an vorderster Front im Irak und in Afghanistan. Für zwei Kriege gleichzeitig seien die Streitkräfte einfach nicht gerüstet, sagt Docherty. "Die Jungs sind müde", sagt Muxworthy.

Offiziell stehen in Großbritannien 100.000 Mann unter Waffen. Im Kampf einsetzbar ist jedoch nur ein Bruchteil davon. Daher werden die Einsatzregeln, die normalerweise eine Ruhezeit von einem Jahr zwischen zwei Einsätzen vorsehen, ständig gebrochen. Manche Soldaten seien schon dreimal im Irak und in Afghanistan gewesen, sagt Docherty, der ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat ("Desert of Death"). Das Resultat sei eine ständige Überbelastung. Für Training bleibe keine Zeit mehr.

Hinzu kommt die Unterfinanzierung. Der Investitionsbedarf des Militärs belaufe sich auf 15 Milliarden Pfund, schätzt Muxworthy. In allen Bereichen hinke man hinter den Vorgaben der nationalen Verteidigungsstrategie von 1998 hinterher. Die Navy etwa sollte 32 Fregatten und Kreuzer haben - sie hat jedoch nur 22. Der in der Strategie vorgesehene Bau von zwei neuen Flugzeugträgern wird immer wieder hinausgeschoben. Ähnlich sieht es bei der Royal Air Force aus.

Brown hat kein Interesse an Truppenaufstockung

Vor diesem Hintergrund erscheint es als unwahrscheinlich, dass Großbritannien sein Kontingent in Afghanistan nennenswert aufstocken wird. Zwar werden Kapazitäten dadurch frei, dass sämtliche britische Truppen aus dem Irak bis zum Sommer abgezogen sein sollen. Aber diese können nicht sofort nach Afghanistan verlegt werden.

Premierminister Gordon Brown werde vielleicht ein paar hundert Mann mehr nach Helmand schicken, sagt Muxworthy. Dies geschehe jedoch mehr als Freundschaftsgeste gegenüber Obama als aus wirklicher Überzeugung.

Bislang hält sich die britische Regierung bedeckt. Der Afghanistan-Krieg ist auch auf der Insel unpopulär und die Neigung, sich weiter in den Krieg hineinziehen zu lassen, gering. Brown wich am Mittwoch Fragen nach dem weiteren Vorgehen aus. Er warte die Ergebnisse einer derzeit laufenden Evaluation der Afghanistan-Strategie ab, sagte er auf einer Pressekonferenz. Die Empfehlungen würden erst zum Nato-Gipfel im April vorliegen. Laut Außenminister David Miliband ist bisher auch noch keine Forderung nach zusätzlichen Truppen eingegangen.

Früher oder später wird die Regierung jedoch die grundlegende Frage beantworten müssen, welche Rolle Großbritannien künftig in der Welt spielen will. Erster Waffenbruder des Weltpolizisten USA? Oder doch lieber ein Platz in den hinteren Reihen, bei den anderen Europäern?

Sollte Großbritannien auch weiter eine militärische Führungsmacht bleiben wollen, sagt Muxworthy, müssten die Verteidigungsausgaben deutlich aufgestockt werden - von derzeit 2,3 Prozent auf mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Wir müssen unser Geld dahin tun, wo unser Mund ist", fordert der pensionierte Fregattenkapitän. "Wir sind ständiges Mitglied im Uno-Sicherheitsrat und haben immer noch eine riesige Rolle in der Welt zu spielen."

In Zeiten der Rezession erscheint die Erfüllung dieses Wunsches allerdings fraglicher denn je.

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