Kampf gegen Finanzkrise Staatsmänner proben den weltweiten Schulterschluss

Die Welt demonstriert Geschlossenheit - doch Experten kritisieren das als zu vage. Der G-7-Aktionsplan gegen die Finanzkrise reicht ihnen nicht. Bei einem Treffen europäischer Staaten soll nun Konkreteres beschlossen werden. Der britische Premier Brown spricht von der "Stunde der Wahrheit".


Washington - George W. Bush demonstrierte den Willen zur Zusammenarbeit mit einem ungewöhnlichen Auftritt: Er nahm überraschend an dem Sondertreffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) teil, die nach Lösungswegen für die Finanzkrise suchten. Auch sonst wurde in Washington dieses Wochenende vor allem der globale Schulterschluss geprobt. So stellten sich alle 185 Mitgliedsländer des Internationalen Währungsfonds IWF hinter den am Freitag beschlossenen Aktionsplan der sieben führenden Industriestaaten (G7). Dieser sieht vor, wichtige Finanzinstitutionen vor dem Zusammenbruch zu retten - dazu sollen "alle notwendigen Schritte" unternommen werden. Die G7 wollen zudem Banken aus privater und staatlicher Quelle mit ausreichend Mitteln versorgen, um das Vertrauen in das Finanzsystem wiederherzustellen.

Der ägyptische Finanzminister und Chairman des IWF-Komitees (IMFC) Boutros-Ghali (2. von rechts), IWF-Chef Strauss-Kahn (Mitte), IWF-Vize Lipsky (2. von links), IWF-Sekretär Anjaria (rechts): "Die erste Koordinierung ist auf die Schiene gebracht"
AFP

Der ägyptische Finanzminister und Chairman des IWF-Komitees (IMFC) Boutros-Ghali (2. von rechts), IWF-Chef Strauss-Kahn (Mitte), IWF-Vize Lipsky (2. von links), IWF-Sekretär Anjaria (rechts): "Die erste Koordinierung ist auf die Schiene gebracht"

"Die erste Koordinierung zwischen Industrieländern und dem Rest der Welt ist auf die Schiene gebracht", sagte IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn am Samstag. Er sei zuversichtlich, dass bereits "in den nächsten Tagen" die Märkte positiv reagieren werden und der derzeit zum Stillstand gekommene Kreditmarkt wieder in Schwung komme. Zuvor hatte er jedoch in krassen Worten gewarnt, die Finanzsysteme der Welt stünden vor einer "Kernschmelze". Die Beratungen in Washington, darunter auch die regulären Jahrestagungen von IWF und Weltbank, fanden vor dem Hintergrund einer schweren Krise an den weltweiten Börsen statt, die im Laufe der vergangenen Woche massive Kurseinbrüche verzeichnet hatten.

Der IWF zeigte zugleich die Bereitschaft, allen seinen Mitgliedsländern, also auch Deutschland, "schnell und substantiell" zu helfen, um finanzielle Engpässe zu überwinden. "Wir stehen bereit, allen zu helfen, die Unterstützung anfragen", sagte Strauss-Kahn. "Wir haben eine Menge Ressourcen, die zur Verfügung stehen." Der Fonds wolle überdies eine führende Rolle bei der Analyse der Ursachen der Finanzkrise übernehmen und Empfehlungen zur Wiederherstellung von Vertrauen und Stabilität abgeben, hieß es weiter. Damit solle sofort begonnen werden.

Die G20 erklärten nach ihrer Sitzung dass die Finanzkrise gemeinsam gelöst werden müsse. Der amtierende G-20-Vorsitzende, der brasilianische Finanzminister Guido Mantega, kündigte zugleich an, dass die Ländergruppe künftig eine aktivere Rolle spielen wolle. Er verwies außerdem darauf, dass wichtige, aufstrebende Volkswirtschaften dank eines hohen Wirtschaftswachstums in der aktuellen Krise ein stabilisierender Faktor seien. "Schwellenländer müssen nicht dieselben Maßnahmen ergreifen wie die USA oder Großbritannien", sagte Mantega. Auch Strauss-Kahn unterstrich, dass es jedem Land frei stehe, auf seine Weise und mit seinen Mitteln die Punkte des Aktionsplans umzusetzen.

Nachdem Experten den Aktionsplan der G-7 als zu vage kritisiert hatten, kündigte Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde in Washington an, die Staats- und Regierungschefs der Eurozone würden "konkrete" Maßnahmen verkünden. Einzelheiten nannte sie nicht. Sie gehe aber davon aus, dass auch über umfassende Bürgschaften für Interbankenkredite beraten werde.

Am heutigen Sonntagabend werden nun die Staats- und Regierungschefs der 15 Euroländer in Paris mögliche Auswege aus der Krise erörtern. Das Treffen bezeichnete der britische Premier Gordon Brown bereits als "Stunde der Wahrheit". Sein Land, das am Mittwoch eine Teilverstaatlichung angeschlagener Banken verkündet hatte, könne "den Weg zeigen", schrieb Brown in einem Beitrag für den "Sunday Mirror". "Ich werde nach Paris fahren, um die anderen europäischen Länder zu überzeugen, den gleichen umfassenden Ansatz zu wählen, den wir in Großbritannien angewendet haben."

Auch das geplante deutsche Rettungspaket soll in der Spitzenrunde beraten werden. Es sieht weitere Finanzspritzen in Milliardenhöhe für den deutschen Finanzsektor vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte das Eingreifen der Regierung schon vorab in der "Bild am Sonntag: "Nur ein Handeln des Staates kann jetzt das notwendige Vertrauen zurückbringen", sagte Merkel dem Blatt. Dabei sei wichtig, dass nicht jedes Land einzeln handle, sondern dass das Vorgehen international koordiniert werde. "Wir tun das nicht im Interesse der Banken, sondern im Interesse der Menschen", beteuerte Merkel.

ase/AFP/dpa



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