Kampf gegen Gaddafi Nato fürchtet Endloskonflikt in Libyen

Die Front in Libyen bewegt sich kaum noch, das Land ist gespalten zwischen Gaddafi-Truppen und Rebellen. Die Aufständischen klagen über zu wenig Luftunterstützung - doch mehr kann die Nato nach dem Rückzug der US-Bomber kaum leisten. Das Bündnis gerät immer stärker in eine heikle Pattsituation.

Von , London

Aufständische bei Brega: Die Rebellen fordern mehr Luftunterstützung der Nato
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Aufständische bei Brega: Die Rebellen fordern mehr Luftunterstützung der Nato


Kaum waren die amerikanischen Flugzeuge vom Himmel über Libyen verschwunden, begannen die Beschwerden. "Die Nato hat uns enttäuscht", sagte der Militärchef der Rebellen, Abd al-Fattah Junis. Während die Rebellen in Brega von den Gaddafi-Truppen mit Granaten eingedeckt wurden, war am Himmel kein Nato-Flugzeug zu sehen.

Der Rückzug der US-Flieger, die in den ersten beiden Wochen der Luftschläge mehr als die Hälfte der Einsätze geflogen hatten, hat die Schlagkraft der Allianz empfindlich geschwächt. Nach der Übernahme des Kommandos durch die Nato sind die amerikanischen Flugzeuge nur noch im Standby-Modus, die Hauptlast sollen fortan die deutlich kleineren Geschwader von Frankreich und Großbritannien tragen. Appelle der Nato-Führung an die Mitglieder, mehr Flugzeuge zu schicken, sind bisher verhallt. Nur die Briten haben ihr Tornado-Kontingent von acht auf zwölf erhöht. Die Franzosen hingegen haben nun mit der Elfenbeinküste noch eine weitere Front.

Die Rebellen sind mit ihren Klagen nicht allein: Auch in der Nato steigt der Frust über die langsamen Fortschritte am Boden. Das kopflose Angreifen und Fliehen der Turnschuh-Kämpfer vor den Regierungstruppen lässt die westlichen Alliierten insgeheim verzweifeln. Denn so wird das unerklärte Ziel des internationalen Einsatzes wohl nie erreicht: der Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi.

Die beiderseitige Ernüchterung zeigt, dass nun die zweite Phase in dem Bürgerkrieg beginnt. Es ist eingetreten, was Kritiker von Anfang an befürchtet haben: eine Pattsituation. Die Rebellen sind mit Unterstützung der Nato stark genug, um Bengasi zu halten, aber zu schwach, um mit Nachdruck auf Tripolis vorzustoßen. Die Front bewegt sich einige Kilometer hin und her, aber die Spaltung Libyens in Gaddafi-Land im Westen und die Rebellenzone im Osten scheint sich zu verfestigen.

"Libyen scheint in einen langen Konflikt zu rutschen - ohne Licht am Ende des Tunnels", schreibt Fawaz Gerges, ein Nahostexperte an der London School of Economics, in einem Gastbeitrag auf der Web-Seite von CNN. Der zähe Widerstand des Gaddafi-Regimes sei nicht überraschend, weil der Diktator seit langem ein Meister der Stammesdiplomatie sei und die libyschen Stämme gegeneinander auszuspielen wisse.

Der Druck steigt jeden Tag

Die Nato kann sich offiziell stets darauf zurückziehen, dass sie ja nur die Uno-Ziele - eine Flugverbotszone und den Schutz von Zivilisten - durchsetze. Doch in Wirklichkeit geht es bei diesem Einsatz um mehr, das wissen alle Beteiligten. Jeden Tag, den Gaddafi an der Macht bleibt, steigt der Druck auf die westlichen Generäle und Politiker. Zunehmend wird die Frage laut, wie lange der Einsatz noch dauert. Sechs Monate, schätzte der britische Luftwaffenchef diese Woche. Politiker hingegen vermeiden in weiser Voraussicht jegliche Erwähnung von Fristen.

Die Diskussion im Westen dreht sich längst im Kreis. Die Frage der Bewaffnung der Aufständischen scheint beantwortet: Die ersten Lieferungen leichter Waffen aus dem Ausland seien eingetroffen, sagt Rebellenführer Junis. Die britische Regierung hat auch bereits Kommunikationstechnik geschickt, damit die Kommandeure der Rebellen ihre Frontkämpfer besser dirigieren können. Schwere Artillerie und komplexe Hightech-Waffen hingegen, da scheint sich die internationale Gemeinschaft einig, sollen die Gaddafi-Gegner nicht erhalten.

Auf der Regierungsseite werden Gaddafi und sein Umfeld weiter mit einer Mischung aus Drohungen und Lockangeboten bearbeitet. Der Diktator hat die Botschaft erhalten, dass man seinem Abgang ins Exil nicht im Weg stehen würde. Zugleich werden seine Getreuen systematisch zum Überlaufen ermuntert. Etwas Bewegung scheint es zu geben: Die Flucht des Außenministers Mussa Kussa wurde vergangene Woche als Durchbruch gefeiert. Auch die Gerüchte, dass die beiden Gaddafi-Söhne Saif al-Islam und Saadi eine Zukunft ohne ihren Vater planen, kann man als Zeichen der Nervosität interpretieren.

Am Mittwochabend wurde bekannt: Gaddafi hat US-Präsident Obama in einem Brief um ein Ende der westlichen Luftangriffe gebeten. Allerdings ohne Erfolg: Außenministerin Hillary Clinton wies diesen Appell sofort und entschieden zurück. Im Gegenzug forderte sie ihn auf, ins Exil zu gehen.

In den USA fordern Kritiker, den Einsatz sofort zu beenden

Doch was passiert, wenn all dies nichts am Status quo ändert? Wie lange wird das Flugverbot aufrechterhalten? Kann der Westen sich mit einem geteilten Land arrangieren? Wie ernst ist dem Westen der politische Refrain, dass die Zukunft Libyens mit Gaddafi und seinen Söhnen undenkbar ist? Ein geteiltes Land gilt auf Dauer als inakzeptabel, doch auch ein Einmarsch mit westlichen Bodentruppen, der dies verhindern würde, wird von allen Beteiligten ausgeschlossen. Eine Besetzung Libyens ist von der Uno-Resolution 1973 explizit verboten, und keine westliche oder arabische Regierung will sich so weit in den Krieg hineinziehen lassen. Es wäre auch nicht ratsam, sagt LSE-Professor Gerges. Eine militärische Eskalation könne nur nach hinten losgehen und die Demokratiebewegung in Libyen schwächen.

Ein wirksames Rezept für eine Beendigung des libyschen Patts hat daher niemand. Die westlich-arabische Allianz setzt unbeirrt darauf, dass eins von zwei Szenarien eintritt: Die Rebellen erringen gegen alle Erwartungen doch noch einen Sieg - oder Gaddafi geht freiwillig. Beide Ereignisse kämen überraschend.

In den USA, wo von Anfang an die Skeptiker dominiert haben, wird daher schon gefordert, diesen strategielosen Einsatz sofort zu beenden. "Auf das eigene Glück zu hoffen, kann keine Grundlage für die US-Außenpolitik sein", schimpfte Doug Bandow vom konservativen Cato-Institut in der "Huffington Post". Die US-Regierung solle sich schnellstmöglich aus Libyen zurückziehen.

Das wiederum würde einen Gesichtsverlust bedeuten, den wohl keine westliche Regierung hinnehmen will. Die entscheidende Frage lautet nun: Wer hat mehr Geduld - die Nato oder Gaddafi?

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insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
Stancer81 07.04.2011
1. ...
Finde ich ein wenig ironisch. Zuerst verlangten die Rebellen nur eine Flugverbotszone und sagten großkotzig : "Wir machen Gadaffi alleine weg und wollen die Nato nicht dabei haben" Und dann merken sie, das es doch nicht so einfach ist und wollen auf einmal Waffen und vor allem mehr Luftunterstützung. Die Nato hat sich da in etwas reinziehen lassen. Finde es eh fragwürdig wie man das Mandat durchsetzen will, denn woher weiss man denn ob die LKW Kolonne Nahrung liefert oder vielleicht doch das Feuer auf Zivilisten eröffnet ? Da bleibt eigentlich nichts anderes übrig als alle Gadaffi-Truppen in Grund und Boden zu Bomben aber das will die Nato ja wieder nicht.... Man dreht sich also immer und immer wieder im Kreis !
h4n5p3t0r 07.04.2011
2.
ob es wohl immernoch menschen hier gibt, die sich für deutschland schämen, weil wir nicht dabei sind? nun, es ist wirklich eine schande..
gaga007 07.04.2011
3. Das überrascht jetzt ...
Diese Entwicklung überrascht jetzt ... Aber alle Stimmen, die vor genau dieser Situation warnten, wurden niedergemacht. Zum Glück hatte unsere Kanzlerin mehr Weitsicht und hat sich nicht durch humanitäre Gefühlsduselei ablenken lassen. In der Politik sollten nur sachliche Gesichtspunkte bei einer Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Der Rest ist Thema für das Rote Kreuz, Amnesty International und sonstige Gutmenschen-Organisationen. Die Ereignisse in Nordafrika sind die inneren Angelegenheiten der betroffenen Länder.
bigkahoona 07.04.2011
4. War doch volkommen klar
Oder hat irgendwer ernsthaft geglaubt, mit Hilfe des Westens gelingt diesen "Freiheitskämpfern" in kürzester Zeit der Durchmarsch nach Tripolis, wo sie dann im Handumdrehen eine Musterdemokratie errichten und uns ewiglich in tiefer Freundschaft verbunden sein werden? Und irgenwie weigere ich mich auch zu glauben, dass die Nato so naiv ist.
atherom 07.04.2011
5. Inzwischen weiß ich nicht, was besser wäre...
Zitat von sysopDie Front in Libyen bewegt sich kaum noch, das Land ist gespalten zwischen Gaddafi-Truppen und Rebellen. Die Aufständischen klagen über zu wenig Luftunterstützung - doch mehr kann die Nato nach dem Rückzug der US-Bomber kaum leisten. Das*Bündnis*gerät immer stärker in eine heikle Pattsituation. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755507,00.html
Nach der ersten Euphorie über den Aufstand der Völker gegen die Despoten, zeigt sich langsam, wie es enden könnte: in Ägypten haben die "Kinder der Revolution", die "Facebook-Generation" nichts mehr zu sagen. Das Militär regiert, knüpft offensichtlich beste Kontakte zu der "Muslimbruderschaft" und die Präsidentschafskandidaten überbieten sich in anti-israelischer Rhetorik. In Tunesien ist es ruhig und das Volk flüchtet. In Libyen sollen die Rebellen Giftgas-Bestände Ghaddafis, die ihnen in die Hände fielen, an die Hissbollah verkauft haben. Was insofern glaubhaft ist, wären diese Bestände in den Händen des Ghaddafi-Clans, hätte dieser nicht gezögert, diese einzusetzen.
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