Kampf gegen Gaddafi: Nato übernimmt vollständiges Kommando in Libyen

Die Nato weitet ihren Einsatz über Libyen aus: Schon jetzt setzt das Bündnis die Flugverbotszone durch, nun sollen Nato-Truppen auch das Kommando bei Luftangriffen auf Gaddafis Truppen von der "Allianz der Willigen" übernehmen. Das Nato-Land Türkei will eine Waffenruhe vermitteln.

Französische Rafele-Kampfflugzeuge: Vollständige Kontrolle über Luftangriffe Zur Großansicht
AFP

Französische Rafele-Kampfflugzeuge: Vollständige Kontrolle über Luftangriffe

Brüssel - Es ist eine historische Entscheidung: Die Nato hat am Sonntagabend beschlossen, das vollständige Kommando über den Militäreinsatz in Libyen zu übernehmen. Das Bündnis aus 28 Staaten stimmte in Brüssel einem Operationsplan zu, künftig auch die Luftangriffe zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung zu führen. Bisher werden diese Einsätze von einer "Koalition der Willigen" aus elf Staaten durchgeführt.

Seit Freitag war die Nato bereits für die Durchsetzung der Flugverbotszone verantwortlich. Die nun angepeilte Übernahme des Kommandos für weitere Angriffe der US-geführten Militärallianz könnte nach Angaben eines Diplomaten voraussichtlich mehrere Tage dauern.

Laut ihrem Kommandeur hat die Nato inzwischen mit der Durchsetzung des Flugverbots begonnen. Die Allianz habe angefangen, "die Einsätze für die Flugverbotszone erfolgreich umzusetzen", erklärte der kanadische Drei-Sterne-General Charles Bouchard am Sonntag auf dem Nato-Stützpunkt in Neapel. Zusammen mit ihren Verbündeten werde die Allianz "alles ihr Mögliche tun, um die Anwendung von Gewalt aus der Luft zu verhindern, und sie wird das mit Sorgfalt und Genauigkeit tun, um zu vermeiden, dem Volk von Libyen zu schaden". Bouchard war am Freitag zum Kommandeur des Nato-Einsatzes bestimmt worden. Er sagte, die derzeitige Aufgabe des Bündnisses sei es, "Libyens Luftraum für alle außer Hilfs- und humanitäre Flüge zu sperren".

Die Nato hat bereits Erfahrung mit solchen erweiterten Einsätzen: Die Kampfflugzeuge des Bündnisses setzten bereits Anfang der Neunziger Jahre eine Flugverbotszone über Bosnien durch - und bombardierten 1999 serbische Stellungen im Kosovo.

Berichte über Angriffe auf Gaddafis Geburtsstadt

Im Bündnis hatte zunächst Uneinigkeit darüber geherrscht, ob die Nato die Leitung des Libyen-Einsatzes übernehmen soll. Frankreich stellte sich gegen die vollständige Übergabe des Kommandos, die Türkei hatte Bedenken wegen des Umfangs des Einsatzes.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte der britischen Zeitung "The Guardian", Ankara sei bereit, eine baldige Waffenruhe in Libyen zu vermitteln. Er warnte davor, dass ein langwieriger Konflikte das Land in einen "zweiten Irak" oder "ein weiteres Afghanistan" verwandeln könnte. Dies könnte verheerende Auswirkungen auf Libyen und die Nato-Länder haben, die die Militärintervention anführten. Erdogan sagte, dass Gespräche mit der Regierung des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi und mit dem Nationalen Übergangsrat der Aufständischen weiter liefen.

Die internationale Militärallianz hat laut einem Bericht des staatlichen libyschen Fernsehens am Sonntagabend erstmals Luftangriffe auf Sirte geflogen, die Heimatstadt von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Ausländische Journalisten berichteten über laute Explosionen und Kampfflugzeuge über der Stadt. Sirte ist auch eine Hochburg von Gaddafis Anhängern.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete auch über heftige Luftangriffe auf die libysche Hauptstadt Tripolis nach Einbruch der Dunkelheit. Es waren mindestens neun starke Explosionen und Flugabwehrfeuer zu hören.

Französische Kampfjets hatten zuvor am Sonntag nahe der umkämpften libyschen Stadt Misurata sowie östlich von Tripolis Panzer und ein größeres Munitionsdepot zerstört. Nach Angaben des Generalstabs in Paris verstärkte Allianzpartner Katar mit dem Eintreffen von vier weiteren Kampfflugzeugen des Typs Mirage 2000-5 auf der griechischen Insel Kreta sein Kontingent auf sechs Militärjets. Erst am Vortag hatten französische Kampfjets die Zerstörung von mehreren einstrahligen Flugzeugen sowie zwei schweren Kampfhubschraubern bekanntgegeben.

Immer weiter gen Westen: Adschdabija, Brega, Ras Lanuf, Ben Dschawad

Gaddafis Gegner machten inzwischen weiter Boden gut. Sie erobern auf ihrem Weg gen Westen Stadt um Stadt, so auch den Ort Ben Dschawad. Wie schon Stunden zuvor in Brega und Ras Lanuf trafen sie auf keinen Widerstand der Truppen Gaddafis, berichtete ein Korrespondent des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira aus Ben Dschawad. "Die Gaddafi-Truppen zogen sich zurück oder ergaben sich, es gab keine Schlacht", sagte er.

Die Aufständischen hatten erst am Samstag die Stadt Adschdabija, 160 Kilometer südlich von Bengasi, eingenommen. Am Sonntag legten sie eine Strecke von 250 Kilometern zurück, ohne in Kampfhandlungen verwickelt worden zu sein. Damit kontrollieren sie nun alle Ölhäfen im Osten Libyens - Tobruk, Adschdabija, Suweitina, Brega, Ras Lanuf und Al-Sidra.

Den Bodengewinnen der Regimegegner waren in der Nacht zum Samstag massive Luftangriffe der westlichen Militärallianz auf die Gaddafi-Truppen bei Adschdabija vorausgegangen. Seitdem befinden diese sich auf einem eiligen Rückzug in Richtung Sirte. Die Rebellen wollen nun nach eigenem Bekunden dorthin vormarschieren. Zunächst war unklar, wo die Gaddafi-Truppen ihre nächste Verteidigungslinie ziehen würden. Ben Dschawad war der am westlichsten gelegene Ort, den die aus Bengasi kommenden Anti-Gaddafi-Milizen unter ihre Kontrolle zu bringen vermochten. Die Gaddafi-Truppen hatten sie vor zweieinhalb Wochen von dort verdrängt.

Das Regime in Tripolis gestand die Niederlage in den umkämpften Städten des Ostens ein, sprach aber von hohen zivilen Verlusten durch die Luftangriffe. Die Nachrichtensender BBC und al-Dschasira zeigten Aufnahmen von brennenden und zerstörten Panzern und Schützenpanzern, von Kampfflugzeugen der westlichen Koalition außer Gefecht gesetzt.

Rebellen wollen Ölexport wieder aufnehmen

Nach Angaben der Rebellen werden in den kontrollierten Häfen täglich zwischen 100.000 und 130.000 Barrel Öl gefördert. Innerhalb der kommenden sieben Tage solle der Export wiederaufgenommen werden, sagte der für Wirtschaftsfragen zuständige Sprecher der Aufständischen, Ali Tarhoni, am Sonntag vor Journalisten in der Rebellenhochburg Bengasi. Zudem sei eine Ausweitung der Förderung auf bis zu 300.000 Barrel pro Tag "leicht" möglich, fügte er hinzu.

Nach Tarhonis Angaben schlossen die Aufständischen eine Vereinbarung mit Katar, das den Vertrieb des Öls vorerst übernehmen solle. Ein Vertreter der Ölgesellschaft des Emirats lehnte eine Stellungnahme zunächst ab und kündigte für Montag eine schriftliche Erklärung des Unternehmens an.

Libyen-Flüchtlinge erreichen Italien

Erstmals seit dem Beginn des Aufstandes gegen Gaddafi hat ein Flüchtlingsboot aus dem nordafrikanischen Land die italienische Küste erreicht. Dem Boot mit knapp 300 Menschen, die zum Großteil aus Eritrea und Äthiopien stammten, folgten am Sonntag weitere Flüchtlingsboote, wie die Küstenwache mitteilte. Libyen hatte illegale Einwanderung in die EU bis vor kurzem strikt bekämpft.

Zu den 284 Flüchtlingen in dem ersten Boot aus Libyen zählten nach Angaben der Küstenwache und von Hilfsorganisation 80 Frauen und zwölf Kinder. Die Afrikaner waren vor der Gewalt in Libyen geflohen und hatten Tripolis in der Nacht zum Freitag verlassen. Das Boot wurde von der italienischen Küstenwache zu der winzigen Insel Linosa unweit der Insel Lampedusa geleitet.

yes/Reuters/AFP/dpa

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Hilfstruppen
trubeldubel 27.03.2011
NATO als sich selbst finanzierende Hilfstruppen der USA. Nun werden die Hilfstruppen sogar an Revoluzzer verhökert. Da hat Mutti mal richtig reagiert. Sicherlich weiß sie etwas mehr, als uns bekannt ist. Deshalb hat sie bei diesem Hilftruppeneinsatz auch nein gesagt. Matze
2. "Im Schutz der Allierten machten die Rebellen am Sonntag weiter Boden gut".
christoph. 27.03.2011
"Im Schutz der Allierten machten die Rebellen am Sonntag weiter Boden gut." Ich meine mich zu erinnern, dass es angeblich um den Schutz der Zivilbevölkerung und die Einrichtung einer Flugverbotszone ging in der Sicherheitsrat-Resolution. Und der Rat ermächtigte "die Mitgliedsstaaten der UNO, national oder im Rahmen von Regionalorganisationen oder Bündnissen alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz von Zivilpersonen und zivilen Gebieten zu ergreifen,die von einem Angriff bedroht sind, einschließlich Bengasi". Von Unterstützung für schwer bewaffnete Aufständische beim "Boden gutmachen" ist nicht die Rede gewesen. Mit dieser Militäraktion und dem Angriff auf die Souveränität der Staaten hat die UNO ihre Legitimität beschädigt. Jeder Diktator der Welt wird sich zügig darum bemühen, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Denn die kompromisslose Durchsetzung der Menschenrechte, um die es in Libyen angeblich geht, die gilt natürlich nicht für Russland oder China, sondern nur für kleinere Länder, an denen ein Interesse besteht, vorausgesetzt, dass sie sich nicht erfolgversprechend wehren können.
3. Nicht ganz
lobbie 27.03.2011
Zitat von trubeldubelNATO als sich selbst finanzierende Hilfstruppen der USA. Nun werden die Hilfstruppen sogar an Revoluzzer verhökert. Da hat Mutti mal richtig reagiert. Sicherlich weiß sie etwas mehr, als uns bekannt ist. Deshalb hat sie bei diesem Hilftruppeneinsatz auch nein gesagt. Matze
richtig. Die USA finanzieren die NATO zu etwa 30% sowieso. Ob allerdings Mutti und die Außenmutti instinktiv etwas richtig gemacht haben, sieht zwar im Moment so aus aber die Zukunft wird es zeigen müssen. Ich kann nur hoffen, das solch ein Beispiel sich nicht wiederholt. Bitte auch nicht mit Kim soundso, da diese Familie sich auch in dem Bereich des despotenhaften Aussehens bewegt, wo wir ach so demokratischen Beschützer von Zivilistenrebellen so gerne drauf reagieren und unser geballtes "Wissen" auf sie draufwerfen.
4. NATO übernimmt vollständiges Kommando in Libyen
vofr 27.03.2011
Verstehe - die UN ist inzwischen die Dachorganisation der NATO.
5. Dominoeffekt
Vindelik 27.03.2011
Ich freu mich, dass jetzt die Rebellen...das libysche Volk dank der Allierten die Gelegenheit haben, die Gewaltherrschaft des Dikatator Gaddafis zu beenden. Was wäre passiert, wenn Gaddafis Söldnerarmee Bengasi erobert hätte und die Welt hätte zugesehen? Wir hätten ein zweites Srebrenica erlebt, nur in noch größeren Umfang. Ich schäme für die Feigheit und das unsolidarische Verhalten der deutschen Regierung. Sicherlich auch wirtschaftlich werden die gewinnen, die auf der richtigen Seite sind und es war das Volk, dass den Mut hatte, diese 40jährige Diktatur zu beenden. Dieses Volk wird seine Helfer nicht vergessen und dies wird auch Einfluß auf viele arabische Jugendliche haben.
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