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Kampf gegen Gaddafi: Navy-Chef warnt vor Scheitern der britischen Libyen-Mission

Der Nato-Einsatz gegen Libyens Machthaber Gaddafi wird immer mehr zu einer Belastungsprobe für die Allianz. Der britische Navy-Chef verlangt eine Verstärkung seiner Flotte - sie stoße bei der Operation schon jetzt an ihre Grenzen.

Britischer Kampfhubschrauber: Ist die Navy bald am Ende ihrer Kräfte? Zur Großansicht
REUTERS/ MoD

Britischer Kampfhubschrauber: Ist die Navy bald am Ende ihrer Kräfte?

London - Allein diese Frage, von ihm selbst formuliert, verrät schon viel: "Bin ich verbittert? Nein", sagt Admiral Sir Mark Stanhope. Doch der Chef der britischen Marine ist offensichtlich mächtig verärgert, auch wenn er einen gegenteiligen Eindruck hinterlassen will. Der Grund: die Kapazitäten seiner Flotte und die Bedingungen, unter denen der Militäreinsatz in Libyen läuft.

Stanhope hatte am Montag Besuch von Gary Roughead, Admiral der US Navy und Chief of Naval Operations. Die beiden sprachen in London über die Zusammenarbeit beider Länder - und natürlich über den Nato-Einsatz in Libyen gegen den Despoten Muammar al-Gaddafi.

Es läuft nicht besonders gut, so könnte man zusammenfassen, was Stanhope vor Journalisten sagte. Die britische Marine, so warnte Stanhope, könne ihren Einsatz gegen Gaddafi nicht über den Sommer hinaus stemmen, sollte die britische Regierung keine Kurskorrekturen vornehmen.

"Anspruchsvolle Entscheidungen"

"Wie lange können wir in Libyen weitermachen?", fragte Stanhope laut einem Bericht des "Guardian" und schob gleich eine Antwort hinterher: Bisher sei der Einsatz für sechs Monate geplant, so der Admiral. Für alles, was möglicherweise danach komme, müsse die britische Regierung "anspruchsvolle Entscheidungen" treffen - der Einsatz der Nato ist auf Ende September befristet. Das Verteidigungsbündnis hatte die Operation erst vor wenigen Tagen um weitere 90 Tage verlängert.

Stanhope machte deutlich, dass für den Einsatz zu wenig Schiffe zur Verfügung stünden: "Wenn wir länger als sechs Monate in Libyen bleiben wollen, müssen wir neue Prioritäten setzen, wie wir unsere Kräfte einsetzen." So sei etwa denkbar, Unterstützung aus heimischen Gewässern nach Libyen zu schicken.

Großbritannien hat eine führende Rolle im Libyen-Einsatz, das Land stellt unter anderem einen Zerstörer, ein U-Boot, einen Helikopterträger und ein Minensuchboot. Aber nach Jahrzehnten der Budgetkürzungen stößt die britische Marine mit dem Einsatz gegen Gaddafi jetzt offenbar an ihre Grenzen - die Kapazitäten reichen nicht, um gegen Gaddafis Regime vorzugehen und gleichzeitig Routineaufgaben zu erfüllen, wie etwa den Kampf gegen Piraten am Horn von Afrika, Patrouillen vor den Falkland-Inseln und den Schutz der heimischen Küste.

Im vergangenen Jahr etwa wurde der Flugzeugträger "Ark Royal" mitsamt seinen "Harrier"-Jets stillgelegt. Er sei ziemlich sicher, dass der Flugzeugträger jetzt vor der libyschen Küste im Einsatz wäre, wenn er im vergangenen Jahr nicht eingemottet worden wäre. Die britische Marine wäre dann auch viel flexibler gewesen, betonte Stanhope. Die Flugzeuge hätten dann nicht vom italienischen Gioia del Colle aus starten müssen. "Es ist günstiger, ein Flugzeug von einem Flugzeugträger aus zu fliegen als von der Küste aus." Es gehe jetzt aber darum, nach vorne zu schauen, so Stanhope.

Schelte von Gates

Der Vorstoß von Stanhope kommt für die Nato zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erst vergangene Woche hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates den Bündnispartnern Versagen vorgeworfen. Gates hatte sich beklagt, dass vor allem die USA den Großteil der Kosten von Einsätzen übernehmen müssten. Über die Operation in Libyen sagte Gates: "Das mächtigste Bündnis aller Zeiten ist gerade mal seit elf Wochen gegen ein schlecht bewaffnetes Regime in einer wenig bevölkerten Region im Einsatz - und schon beginnt vielen Verbündeten die Munition auszugehen." Und wer müsse einspringen? "Die USA."

Den libyschen Rebellen gelingen trotz der Nato-Unterstützung derzeit nur wenig Fortschritte gegen Gaddafi. Am Montag beschossen libysche Regierungstruppen die von Rebellen gehaltene Stadt Misurata im Westen des Landes. Sechs Raketen hätten Generatoren der Ölraffinerie getroffen und schwer beschädigt, berichtete ein Reuters-Korrespondent. Ein Techniker der Anlage sagte, dadurch falle die bereits nur noch sehr eingeschränkt arbeitende Anlage zur Versorgung der Stadt vollständig aus. Zuvor war es den Rebellen gelungen, ihre Front in Richtung auf die westlich von Misurata gelegene Küstenstadt Slitan vorzuschieben. Sie rückten damit auch näher an die Hauptstadt Tripolis heran, die Machtbasis von Gaddafi. Beide Seiten beschossen sich mit Artillerie.

Die Aufständischen kontrollieren den Osten des Landes sowie im Westen neben Misurata das Gebirge an der Grenze zu Tunesien. Die Rebellen versuchen, die Hauptstadt einzukreisen und von der Außenwelt abzuschneiden.

hen/Reuters

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1. Blamage? Na und!
slugs, 14.06.2011
So, und jetzt möchte ich hier von allen FDP und Westerwave-Hassern gerne noch einmal hören, dass es ja sowas von falsch war sich damals zu enthalten, als es darum ging, Gaddafi anzugreifen. Das war so klar, dass diese Geschichte nicht nach 3 Tagen Bomben abwerfen zu Ende geht.
2. Tja, wer sich solche Hobbies gönnt -
ok-info 14.06.2011
der muß auch aus vollen Taschen zahlen... sollen sie doch froh sein, daß sie alte Munition unter Manöverbedingungen für einen "guten Zweck" verballern konnten.
3. ....
freqnasty, 14.06.2011
Zitat von slugsSo, und jetzt möchte ich hier von allen FDP und Westerwave-Hassern gerne noch einmal hören, dass es ja sowas von falsch war sich damals zu enthalten, als es darum ging, Gaddafi anzugreifen. Das war so klar, dass diese Geschichte nicht nach 3 Tagen Bomben abwerfen zu Ende geht.
Und ausgerechnet jetzt, wo sich das immer deutlicher abzeichnet, fährt dieser Einfaltspinsel da hin, und konterkariert die einzige halbwegs clevere Entscheidung, die er in seiner Amtszeit getroffen hat....
4. Krieg mündet fast immer im Fiasko
asimo 14.06.2011
Zitat von sysopDer Nato-Einsatz gegen Libyens Machthaber Gaddafi wird immer mehr zu einer Belastungsprobe für die Allianz. Der britische Navy-Chef verlangt eine Verstärkung seiner Flotte -*sie stoße*bei der Operation schon jetzt an ihre Grenzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768279,00.html
Fast jeder Krieg endet in einem Fiasko. Sich aus Kriegen weitgehend (sic!) rauszuhalten ist der beste Weg.
5. Was schreiben die Anderen
xxyxx 14.06.2011
Die "New York Times" beschreibt in einem Artikel, der allerdings schon vom Sonntag stammt, die Kämpfe in Zawiya. Darin wird auch ein Sprecher der Rebellen zitiert, der bestätigt, daß der erneute Aufstand in Zawiya durch Kämpfer von außerhalb (aus den Nafusa Bergen) und im wesentlichen nicht durch die Einwohner der Stadt selbst initiiert worden ist. Dies deckt sich mit Angaben, die vorher bereits von Seiten der Regierung gemacht wurden, und wäre möglicherweise auch eine Erklärung für den geringen Erfolg der Erhebung. http://www.nytimes.com/2011/06/13/world/africa/13libya.html?ref=world Während im Artikel der NYT die aktuelle Lage in Zawiya noch offengelassen wird, zitiert die Washington Post von gestern Journalisten, die am Sonntagabend Zawiya besuchen konnten. Danach war die Lage in Zawiya am Sonntagabend wieder ruhig und über dem zentralen Platz der Stadt wehte die grüne libysche Flagge http://www.washingtonpost.com/world/middle-east/gadhafi-forces-pound-libyan-rebels-near-misrata-as-opposition-fighters-fight-to-retake-zawiya/2011/06/12/AGB4qaRH_print.html Dies deckt sich auch mit einer Reuters-Meldung von gestern, nach der die Schnellstraße zwischen der Tunesischen Grenze und Tripolis, die am Samstag und Sonntag wegen der Kämpfe in Zawiya geschlossen worden war, mittlerweile wieder geöffnet ist. Reuters berichtet auch über einen Vorstoß der Rebellen westlich von Misrata in Richtung auf Zlitan. Dies deckt sich nicht mit den Meldungen anderer Quellen, nach denen dieser Vorstoß in heftigen Gefechten am Freitag bei Al Dafniyah gestoppt worden war. http://news.yahoo.com/s/nm/20110613/wl_nm/us_libya Aljazeera berichtet über einen gescheiterten Vorstoß der Rebellen in Richtung Brega, bei der eine größere Anzahl Rebellenkämpfer in einem Hinterhalt der Regierungstruppen geriet. http://english.aljazeera.net/news/africa/2011/06/20116147535393778.html Insgesamt ergibt sich das Bild, daß die Rebellen seit Freitag versuchen, an verschiedenen Punkten in Libyen, mit Vorstößen in Richtung auf Zlitan und Brega und gleichzeitigen Erhebungen in Zlitan und Zawiya, den seit Wochen festgefahrenen Frontverlauf aufzubrechen. Dies scheint zumindest im ersten Anlauf nicht funktioniert zu haben.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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