Kampf gegen Korruption: Inder feiern ihren Hungerstreik-Gandhi

Von , Islamabad

Indiens größter Feind, findet Kisan Hazare, ist die Korruption. Deshalb war der 73-Jährige vier Tage lang im Hungerstreik. Plötzlich ist der Sozialaktivist, der sich in der Tradition Gandhis sieht, Held der Nation: Die Presse bejubelt ihn, die Regierung verspricht Besserung.

Kampf gegen Korruption: Wie ein Aktivist Indiens Regierung niederrang Fotos
REUTERS

Der Mann mit der braunen Hornbrille blinzelt durch die dicken Gläser und lächelt in die Kamera. Ja, sagt er, er sehe sich in der Tradition Mahatma Gandhis. Hinter Kisan Bapat Baburao Hazare, weiße Kleidung, weiße Mütze, hängt ein schwarzweißes Porträt seines Vorbildes. Nur in einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die beiden Männer: Gandhi war für Gewaltlosigkeit. Hazare dagegen möchte diejenigen, gegen die er protestiert, am liebsten am Galgen sehen: korrupte Politiker.

Die Menschen in Indien feiern ihn trotzdem als ihren neuen Gandhi, sie nennen ihn "Anna", auf Marathi die respektvolle Anrede eines älteren Bruders. Vier Tage lang war Hazare in Neu-Delhi im Hungerstreik. "Fasten bis zum Tod", nannte er seine Aktion. Denn der 73-Jährige hat als größten Feind Indiens die Korruption ausgemacht.

Mehrere Skandale sind in den vergangenen Monaten ans Tageslicht gekommen, und US-Diplomatenberichte, auf der Internetplattform WikiLeaks veröffentlicht, deuten darauf hin, dass Korruption in Teilen der indischen Politik und Wirtschaft weit verbreitet ist.

Hazare und seine Mitstreiter von der Organisation "India Against Corruption" fordern seit langem ein unabhängiges Komitee, das Fälle von Korruption untersucht und die Verantwortlichen bestraft - zur Abschreckung notfalls auch mit dem Tode. Diesem Gremium sollen nach dem Willen Hazares nicht nur Politiker, sondern auch Mitglieder der Zivilgesellschaft angehören. Außerdem soll es ein schärferes Anti-Korruptionsgesetz erarbeiten. Seit 43 Jahren scheitert ein entsprechendes Vorhaben. "Unsere Politiker wissen es zu verhindern", sagt Hazare. Acht Mal ist ein entsprechendes Gesetz nicht durchs Parlament gekommen. "Macht und Geld haben eine berauschende Wirkung", sagt er.

Vom Arbeitersohn zur Ikone des Protests

Seit dem 5. April kampierte Hazare in der indischen Hauptstadt neben der historischen Sternwarte Jantar Mantar und sprach dort zu Tausenden von Menschen. Nicht einmal zehn Prozent des Geldes kämen in Entwicklungsprojekten an, erzählte er ihnen, "weil Politiker und Bürokraten sich die Taschen vollstopfen". Korruption sei die "Geißel unserer Nation".

Schulklassen kamen, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten pilgerten zu Hazares Matratzenlager. Die Proteste sprangen auf mehrere indische Städte über, auch dort traten Menschen in den Hungerstreik. Alle großen indischen Fernsehsender berichteten über die Aktion, manche Zeitungen schickten sogar Journalisten zur 24-Stunden-Beobachtung.

Denn Hazare, ein schmächtiger Typ aus ärmlichen Verhältnissen, Spross einer Arbeiterfamilie aus dem westindischen Bundesstaat Maharashtra, ist inzwischen ein mächtiger Mann. Tausende von Menschen, darunter auch Berühmtheiten wie Bollywoodstar Aamir Khan und der Kapitän der gerade mit dem Weltmeistertitel gekrönten indischen Cricket-Nationalmannschaft Mahendra Singh Dhoni, bekundeten Hazare öffentlich ihre Unterstützung. Mehr als eine Million Menschen unterschrieben eine Online-Petition innerhalb von drei Tagen und stellten sich damit hinter Hazare.

Mit schlichten Worten spricht er aus, was die Massen denken: dass Indiens Politiker in erster Linie nicht an das Gemeinwohl, sondern an ihre eigene Bereicherung denken.

Der Ärger über Korruption ist nicht neu, trotzdem fürchtet die Regierung Hazare. Denn mehrere Politiker mussten seinetwegen schon ihren Hut nehmen. Der gläubige Hindu, der Mitte der sechziger Jahre als Soldat diente, kämpft seit vier Jahrzehnten als Aktivist für ein besseres Gesundheitssystem, für eine Bekämpfung der Armut - und immer: gegen Korruption.

Sender berichteten stündlich über Hazares Blutdruck

Im Dezember schrieb er einen Brief an Premierminister Manmohan Singh und forderte, dass endlich das Anti-Korruptions-Komitee eingesetzt werden solle. Sollte sich nichts bewegen, drohte er für Anfang April seinen Hungerstreik an.

Am Wochenende, nach 98 Stunden Hungerstreik, lenkte die Regierung nun ein und versprach, ein entsprechendes Gesetz auf den Weg zu bringen. Singh erklärte, er sei "glücklich, dass die Regierung und Vertreter der Zivilgesellschaft eine Einigung im Kampf gegen die Korruption erreicht haben. Dies ist eine Plage, die uns alle betrifft". Mit einem Schluck Zitronenwasser beendete Hazare seinen Hungerstreik. Hunderte Menschen jubelten ihm in Neu-Delhi zu.

Zuvor hatte Sonia Gandhi, Chefin der regierenden Kongresspartei, ihn angefleht, wieder etwas zu essen, da sie sich um seine Gesundheit sorge. Hazare hatte geantwortet: "Machen Sie sich keine Sorgen. Gott ist mit mir und mir geht es gut."

Doch der Streik hatte Hazare sichtbar geschwächt. Der Regierung war klar: Sollte Hazare seinen Protest nicht überleben, würde die Öffentlichkeit ihr die Schuld dafür geben. Wie Wetterdaten hatten Fernseh- und Radiosender zuletzt stündlich den Blutdruck von Hazare durchgegeben. Der Gesundheitszustand des Mannes wurde zum Gradmesser für das politische Überleben der Regierung.

"Das Fasten ist vorbei, ganz Indien hat einen Sieg errungen", sagte Hazare am Sonntag. Er habe nicht damit gerechnet, dass seine Aktion so viel Beachtung in ganz Indien finden würde. Der jetzige Erfolg sei allerdings nur ein Etappensieg. "Der eigentliche Kampf beginnt erst jetzt", erklärte er und forderte die Regierung auf, das Gesetz bis zum 15. August durchs Parlament zu bringen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Schauen wir in drei und sechs Monaten nach ...
avollmer 10.04.2011
... was daraus geworden ist. Jetzt klatscht die Gesellschaft Beifall und dann? Vergessenheit, Business as usual?
2. Deutschland ist auch nicht besser
czarpeter 10.04.2011
Deutschland ist ja auch keine Spur besser, nach ca. 10 hat es das Deutsche Parlament ja auch noch nicht fertig gebracht die Anti Korruptions Resolution UNCAC zu ratifizieren. Begruendet wird das von Politikern damit, dass sie dann mit Prozessen ueberzogen wuerden, was ja nicht sein darf.
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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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