Von Sebastian Fischer, Washington
Das ist keine einfache politische Auseinandersetzung mehr, das ist ein politischer Kampf - mit schmutzigen Mitteln. Während Barack Obama am Mittwoch eine massive Verschärfung des Waffenrechts fordert und dem US-Parlament konkrete Vorschläge präsentiert, sorgt ein Werbevideo der National Rifle Association (NRA) für Aufsehen.
Darin verhöhnt Amerikas mächtige Waffenlobby die Obama-Töchter. Zu düsteren Klängen fragt ein Sprecher aus dem Off: "Sind die Kinder des Präsidenten wichtiger als unsere?" Was habe Obama gegen mehr bewaffnete Sicherheitskräfte in Schulen, wenn gleichzeitig seine Kinder in der Schule bewacht würden? Obama sei eben ein weiterer "elitärer Heuchler", schlussfolgert die NRA: "Schutz für seine Kinder und waffenfreie Zonen für unsere."
Der 35-Sekunden-Spot sei "abscheulich und feige", erklärte Obamas Sprecher: "Die meisten Amerikaner sind der Meinung, dass die Kinder des Präsidenten nicht als Faustpfand in einer politischen Auseinandersetzung benutzt werden sollten."
Das Video aber illustriert, wie sehr sich die Waffenlobby in einem Kampf um alles oder nichts wähnt. Seit dem Attentat von Newtown führt die NRA eine aggressive Werbeaktion, in Briefen und Rundschreiben an Mitglieder oder Sympathisanten wird die Auseinandersetzung als "Kampf des Jahrhunderts" beschrieben und Obamas Wiederwahl als "Beginn eines vier Jahre andauernden Alptraums". Zuletzt drohte ein NRA-Mann auf YouTube gar mit Bürgerkrieg.
Grassierende Waffengewalt
Ein Gespräch mit Vizepräsident Joe Biden in der vergangenen Woche blieb ohne Ergebnis: "Wir sind enttäuscht, wie wenig sich dieses Treffen mit der Sicherheit unserer Kinder befasste", erklärte die NRA hinterher. Dass die in Amerika grassierende Waffengewalt im Zusammenhang mit Waffen steht - dieser Logik verwehren sich die Lobbyisten.
Während der vergangenen vier Jahre hat sich der Präsident der Macht dieser vier Millionen Mitglieder zählenden Organisation gebeugt. Obama hat nicht gehandelt, als die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords in Tucson, Arizona in den Kopf geschossen wurde und sechs Menschen starben; er hat nichts unternommen, als im Kino von Aurora, Colorado zwölf Menschen erschossen wurden. Nur schöne Worte hatte er stets parat. An die geschätzten 300 Millionen Waffen in privaten US-Haushalten traute er sich nicht ran.
Doch an diesem Mittwoch handelt Barack Obama - weil seit Newtown alles anders sein soll. Er hat Familien der Opfer eingeladen und vier Schulkinder, die ihm nach dem Attentat Briefe schrieben. Kinder, die den mächtigsten Mann der Welt zum Handeln aufforderten. Und so steht Obama jetzt vor diesen Leuten, neben ihm der Vizepräsident Biden, und sagt, er werde jetzt seinen Teil tun, um diese "epidemische Gewalt" zu bekämpfen.
Heißt konkret: Er ordnet 23 Sofortmaßnahmen per Exekutiv-Verfügung an. Darunter härtere Strafen für Waffenkäufer, die falsche Angaben bei ihrer Überprüfung machen. Gleichzeitig stellt der Bund mehr Daten für diese sogenannten Hintergrundchecks zur Verfügung; mehr Geld für Schulen, damit die ihre Sicherheit verbessern können; Forschungsprojekte zur Waffengewalt. Gesamtumfang: 500 Millionen Dollar. Entscheidender sind die Schritte, die Obama von den Abgeordneten im Kongress verlangt. Es sind konkrete Vorschläge, die der Präsident allein allerdings nicht umsetzen kann, vor allem:
Wenn künftig nur ein Leben gerettet werden könne, sagt der Präsident, "dann haben wir jetzt eine Verpflichtung, etwas zu tun. Und ich werde meinen Teil erledigen". Niemand wolle den Amerikanern das Recht auf Waffenbesitz nehmen, beteuert er. Seine Maßnahmen und Vorschläge spiegelten den "gesunden Menschenverstand" wider. Er erinnert daran, dass allein in den vier Wochen seit Newtown 900 US-Bürger durch Waffengewalt gestorben sind.
Die NRA reagiert prompt: "Nur ehrliche und gesetzestreue Waffeninhaber werden betroffen sein, und unsere Kinder werden der Gefahr weiterer Tragödien weiter ausgesetzt sein", warnen die Lobbyisten. "Waffen zu attackieren und Kinder zu ignorieren ist keine Lösung für die Krise unseres Landes."
Obama als Volkspräsident
Aber wie sollen aus Obamas Vorschlägen letztlich Gesetze werden? Schließlich stellen die Republikaner im Repräsentantenhaus die Mehrheit. Die Zeichen stehen auf Blockade, genau wie im schier endlosen Haushaltsstreit. Bezeichnend, dass seit Newtown kein einziger republikanischer Abgeordneter schärfere Regeln für den Waffenbesitz gefordert hat. Wenn überhaupt eine Suche nach den Ursachen der Gewalt erfolgte, dann war gern die Rede von gewalttätigen Videospielen, Hollywoodfilmen oder psychisch Kranken. Hinzu kommen einige konservative Demokraten aus ländlichen Gegenden, die meinen, auf die Wahlempfehlung der NRA auch künftig angewiesen zu sein.
"Nichts davon wird leicht durchzusetzen sein", gesteht Obama. Und dann kommt der entscheidende Satz: "Nur wenn das amerikanische Volk es verlangt, dann können wir etwas verändern." US-Bürger aus allen Landesteilen müssten aufstehen, "dann kommt der Wandel". Da spricht ein veränderter Obama. Nicht mehr der Präsident, der sich um eine Einigung mit dem Kongress bemüht und dann ein ums andere Mal geblockt wird. Nein, jetzt spricht da der Volkspräsident, der sich seine Mehrheiten außerparlamentarisch sucht.
Das scheint Obamas Schlussfolgerung aus Washingtons Stillstand zu sein - vielleicht nicht nur in Sachen Waffenrecht. Das "Time"-Magazin erkennt hinter Obamas aktuellem Kampf einen größeren Überbau: Die Pressekonferenz am Mittwoch markiere nur "den Beginn einer weit größeren Unternehmung, die viele im Weißen Haus als Modell sehen, um künftig Druck von außen auf den Kongress auszuüben". Ein zitierter Regierungsmitarbeiter nennt als Beispiel das "Nachhutgefecht" der Republikaner beim Einwanderungsrecht. Da passt es ins Bild, dass sich Obama schon bei seiner großen Pressekonferenz am vergangenen Montag knallhart gab und die Republikaner scharf attackierte. Ein Präsident im Dauerwahlkampf - auch nach der Wahl.
Tatsächlich bewegt sich gerade etwas in der US-Bevölkerung, was das Waffenrecht angeht. Schienen die Meinungen von Amokläufen bisher kaum zu beeinflussen, so hat seit Newtown und den 20 toten Kindern der Sandy Hook Grundschule eine Verschiebung begonnen. Einer Umfrage der "Washington Post" zufolge sagen 52 Prozent der Amerikaner, wegen der Ereignisse in Newtown unterstützten sie nun ein schärferes Waffenrecht. Erstmals seit vielen Jahren unterstützt eine Mehrheit - 58 Prozent - ein Verbot militärischer Sturmgewehre. "Die Welt hat sich verändert", sagt Vizepräsident Biden.
Bleibt abzuwarten, ob die US-Politik mitzieht.
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