Kampf gegen Schuldenkrise: Merkel und Sarkozy setzen Berlusconi unter Druck
Angela Merkel und Nicolas Sarkozy demonstrieren Geschlossenheit. Beim gemeinsamen Auftritt während des EU-Gipfels versprechen die Kanzlerin und der Präsident Fortschritte im Kampf gegen die Krise. Ergebnisse können sie nicht vorweisen - stattdessen mahnen sie Italien zum Schuldenabbau.
Brüssel - Die Euro-Rettung ist nicht alles. Zumindest nicht für Nicolas Sarkozy. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist am Sonntagnachmittag schon fast auf dem Weg vom Podium der gemeinsamen Pressekonferenz, als der französische Präsident sie noch einmal zurückruft. "Moment bitte, Angela", ruft Sarkozy ihr hinterher. Er müsse noch was zum Rugby-Team sagen. "Ach ja", sagt Merkel und kehrt zurück ans Rednerpult. Er sei natürlich traurig, dass Frankreich bei der Rugby-WM knapp gegen Neuseeland verloren habe, sagt Frankreichs Präsident. Die Verhandlungen in Brüssel habe er aber nicht verlassen, um das Finalspiel zu schauen, versichert er. "Nur die letzten zehn Minuten." Merkel tröstet artig: "Zweiter ist ja auch was."
So viel Zeit muss also sein, bei aller Dramatik, für die die Schuldenkrise in Europa an diesem Wochenende sorgt. Vor allem aber muss Zeit sein für ein Signal der Geschlossenheit. Denn dazu dient der Auftritt des französischen Präsidenten und der deutschen Kanzlerin an diesem Nachmittag, während hinter den Kulissen weiter hart um die Euro-Rettung gerungen wird. Im Vorfeld war viel vom Streit der beiden wichtigsten Länder der Europäischen Union die Rede, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker hatte das Krisenmanagement der beiden Staaten scharf kritisiert. "Wir sind uns der Verantwortung bewusst, die Deutschland und Frankreich tragen", sagt Sarkozy. Die beiden Länder müssten "mit einer Stimme sprechen, das ist die Basis von allem".
Ergebnisse hatten Merkel und Sarkozy am Sonntagnachmittag erwartungsgemäß nicht vorzuweisen. Die sollen erst am Mittwoch bei einem weiteren Gipfel fallen. Die Kanzlerin kündigte an, dass am Mittwoch um 18 Uhr zunächst die Staats- und Regierungschefs aller 27 EU-Staaten zusammenkommen sollen. Im Anschluss würden die Beratungen dann im Kreis der Euro-Länder fortgesetzt. Zuvor hatte es aus EU-Kreisen noch geheißen, dass sich die Entscheidungen womöglich sogar bis zu einem weiteren Gipfel am Donnerstag verzögern könnten. Dem widersprach Merkel nun.
Merkel und Sarkozy verteidigten die Idee der zwei Gipfel. Übereinstimmend sagten sie, die Probleme seien sehr komplex und kompliziert. Die Abstimmungen zur Stabilisierung der Euro-Zone sollen nach Darstellung der beiden jedoch erhebliche Fortschritte gemacht haben. Weitgehende Einigung gebe es etwa über die Rekapitalisierung der Banken, betonte Merkel, ohne Einzelheiten zu nennen.
Einbeziehung von EZB beim Schutzschirm vom Tisch
Sarkozy zeigte sich im Ringen um eine höhere Schlagkraft des Euro-Rettungsschirms optimistisch. Es zeichne sich eine "ziemlich breite Einigung" in den Gesprächen in Brüssel ab, sagte der Präsident. Merkel fügte hinzu, dass eine Lösung keine Einbeziehung der Europäischen Zentralbank (EZB) vorsehe. Das hatte Frankreich zunächst gefordert. "Die Finanzminister haben gestern zwei Modelle ins Auge gefasst. Beide Modelle umfassen die EZB nicht", sagte Merkel. Sarkozy betonte, auch Frankreich achte die Unabhängigkeit der EZB genauso wie Deutschland. "Es ist nicht an den Regierungen, ihr zu sagen, was sie zu tun hat", betonte Sarkozy.
Beide erhöhten in der Schuldenkrise den Druck auf Italien. Bei einem Treffen mit Ministerpräsident Silvio Berlusconi habe sie mit Sarkozy deutlich gemacht, dass Italien "ein großer und wichtiger Partner ist", sagte Merkel. Vertrauen könne nicht allein durch einen Schutzwall wie den Euro-Rettungsschirm entstehen. "Vertrauen bedarf einer klaren Perspektive." Merkel und Sarkozy betonten, dass Euro-Staaten wie Italien Anstrengungen unternehmen müssten, damit das Vertrauen der Finanzmärkte wiederkehre.
"Italien hat große Wirtschaftsstärke, aber einen sehr hohen Gesamtverschuldungsstand. Der muss glaubwürdig in den nächsten Jahren abgebaut werden, das ist die Erwartung", sagte Merkel. Sarkozy nannte Italien ausdrücklich nicht, als er Länder der Euro-Zone für ihre Anstrengungen lobte. Stattdessen sprach er von Irland, Portugal und Spanien und wies darauf hin, dass er und Merkel nicht nur Berlusconi getroffen hätten, sondern auch den griechischen Premier Georgios Papandreou noch treffen würden.
Auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy ermahnte Italien. Das hoch verschuldete Land müsse "seine versprochenen Reformen auch wirklich umsetzen", forderte Van Rompuy. Dazu gehöre neben einer Reform des Arbeitsmarkts und des Justizsystems auch ein glaubwürdiger Kampf gegen Steuerbetrug. In mehreren Gesprächen mit Berlusconi habe er die Dringlichkeit dieser Schritte unterstrichen, sagte der Belgier. Angesichts der Finanzkrise seien sie "notwendig, um Investoren und die anderen Mitgliedstaaten zu beruhigen".
Für Griechenland bereitet die EU einen Schuldenschnitt mit allen Konsequenzen vor. Merkel und Sarkozy nannten keine Größenordnung, erklärten aber übereinstimmend, dass eine "freiwillige Lösung" mit den Banken gefunden werden müsse. Der österreichische Kanzler Werner Faymann sagte dem "Wiener Kurier", der Gläubigerverzicht werde "Richtung 40 bis 50 Prozent gehen".
Die 17 Regierungen der Euro-Länder wollten ihre Beratungen am Abend fortsetzen. Die Kanzlerin betonte, dass auch der doppelte Gipfel von EU und der Euro-Gruppe am Mittwoch nicht der letzte Schritt sein werde.
phw/dpa/Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Sonntag, 23.10.2011 – 17:46 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 67 Kommentare

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.
Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil
- Kampf gegen Schuldenkrise: Spekulationen über dritten Gipfel (23.10.2011)
- Krisengipfel: Zerstrittene Euro-Retter riskieren Finanzchaos (22.10.2011)
- Euro-Krise: Neuer Schuldenschnitt wird Griechenland nicht retten (22.10.2011)
- 100 Milliarden Euro: EU zwingt Banken zu gewaltiger Frischkapitalkur (22.10.2011)
- Schuldenschub: Griechen-Retter müssen 252 Milliarden Euro auftreiben (22.10.2011)
- Sorge um Europa: USA und Großbritannien warnen die Euro-Chefs (22.10.2011)
- Kritik am Duo Merkel-Sarkozy: Juncker nennt Krisenmanagement "desaströs" (21.10.2011)
- Euro-Gruppe: Griechenland braucht mehr Finanzhilfen (21.10.2011)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

