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Kampf gegen Taliban: Britischer General gibt Afghanistan-Krieg verloren

Die Lage in Afghanistan wird zunehmend aussichtslos, glaubt man ranghohen britischen Militärs und Politikern. Ein Luftwaffengeneral hält den Krieg bereits für verloren. Londons Botschafter in Islamabad soll gar gesagt habe, der einzige Ausweg sei die Installation eines "akzeptablen Diktators".

London/Berlin - Die Nato hat immer größere Schwierigkeiten, die Lage in Afghanistan in den Griff zu bekommen. Die wirtschaftliche Lage bessert sich kaum, die Anschläge werden immer zahlreicher. Mindestens 3000 Menschen starben in diesem Jahr bereits durch Gewalt in dem Land. Damit war 2008 das verlustreichste Jahr seit dem Sturz der Taliban vor sieben Jahren.

Deutscher Soldat in Afghanistan: Zunehmend verfahrene Lage
REUTERS

Deutscher Soldat in Afghanistan: Zunehmend verfahrene Lage

"Wir werden diesen Krieg nicht gewinnen", sagte Mark Carleton-Smith, britischer Luftwaffen-Brigadegeneral in Afghanistan, jetzt in einem Interview mit der "Sunday Times". Seine Truppen hätten den radikal-islamischen Taliban für das Jahr 2008 zwar "den Stachel gezogen". Es sei aber "unrealistisch", zu glauben, dass die internationalen Truppen das Land von den Rebellen befreien könnten. Die Öffentlichkeit solle ihre Erwartungen zurückschrauben und nicht mit einem "militärischen Sieg" rechnen, sagte Carleton-Smith.

Der ranghöchste unter den 7800 britischen Soldaten in Afghanistan empfahl seinen Landsleuten, sich auf ein mögliches Abkommen mit den Taliban einzustellen. Wenn die Rebellen bereit seien, "auf der anderen Seite des Tisches Platz zu nehmen" und über eine politische Einigung zu sprechen, sei das "eine Art Fortschritt".

Peinliche Details aus französischer Geheimbotschaft

In die gleiche Richtung ging die Argumentation von Sherard Cowper-Coles, dem britischen Botschafter in Afghanistan - zumindest wenn es stimmt, was ein französischer Diplomat an die Regierung in Paris gekabelt hat. Das für brisante Enthüllungen bekannte Magazin "Le Canard Enchaîné" hatte aus einer geheimen Botschaft von François Fitou, des stellvertretenden französischen Botschafters in Islamabad, zitiert. Darin ging es um ein Gespräch zwischen Fitou und Cowper-Coles.

Die Korruption greife immer mehr um sich, und die Regierung in Islamabad habe jegliches Vertrauen verspielt, soll Cowper-Coles demnach gesagt haben. Die Militäroperation unter Führung der Nato mache alles nur noch schlimmer, indem sie ein Regime an der Macht halte, das ohne diese Hilfe kollabieren würde. Diese "amerikanische Strategie" trage dazu bei, die Krise in die Länge zu ziehen. Die einzige realistische Hoffnung sei es, innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre einen "akzeptablen Diktator" zu installieren und die Öffentlichkeit zuvor darauf vorzubereiten, hieß es in dem Schreiben Fitous, das in Teilen als Reproduktion in "Le Canard Enchaîné" abgedruckt wurde.

Die britische Regierung dementierte sofort, dass Cowper-Coles dies jemals gesagt habe. Wie die "Sunday Times" berichtet, bezeichnete London die französische Zusammenfassung des Gesprächs als grob verzerrend. Zudem kursiere in Londoner Regierungskreisen der Verdacht, die Aussagen des britischen Botschafters seien von den Franzosen bewusst übertrieben worden - weil sie die Lage in Afghanistan noch pessimistischer sähen als die Briten.

Berlin streitet über Zukunft des Afghanistan-Einsatzes

In Berlin droht unterdessen koalitionsinterner Streit über Afghanistan. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte dem SPIEGEL, der Einsatz von Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) beim US-geführten Anti-Terror-Einsatz "Operation Enduring Freedom" (OEF) solle beendet werden. Die bis zu hundert deutschen Elitesoldaten, die seit 2001 für den OEF-Einsatz in Afghanistan bereitgestellt werden, seien in den vergangenen drei Jahren "kein einziges Mal" eingesetzt worden, sagte Steinmeier. "Deshalb sollte bei der im November anstehenden Verlängerung des OEF-Mandats das KSK-Element herausgenommen werden.

Er begründete seinen Vorstoß mit der Ausweitung der deutschen Beteiligung an der Nato-Truppe Isaf, die den Wiederaufbau in Afghanistan sichern und schützen soll. Dies sei für Berlin der "eindeutige Schwerpunkt". Es könne "kein ständiges Draufsatteln ohne kritische Bestandsaufnahme bestehender Verpflichtungen" geben, sagte der Vizekanzler.

CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer verlangte generell eine Ausstiegsstrategie für die Bundeswehr. Ramsauer sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", er erwarte von Kanzlerin Angela Merkel eine klare Perspektive für eine Beendigung des Afghanistan-Einsatzes "in absehbarer Zeit". Nur dann sei die Verlängerung des Mandats um ein Jahr zu rechtfertigen und den Bürgern zu vermitteln.

Jung verteidigt Engagement

Verteidigungsminister Franz Josef Jung betonte dagegen die Bedeutung des Afghanistan-Einsatzes: "Wir müssen die Gefahren für unser Land dort bekämpfen, wo sie entstehen." Soldaten, Polizisten, Diplomaten und Entwicklungshelfer arbeiteten für die Stabilisierung Afghanistans, schrieb er in einem Beitrag für die "Bild am Sonntag". Der Einsatz am Hindukusch diene deutschen Interessen: "Afghanistan darf nicht wieder zum Ausbildungszentrum des internationalen Terrorismus werden."

In der kommenden Woche debattiert der Bundestag die Aufstockung des deutschen Isaf-Kontingents um 1000 auf 4500 Mann, die Abstimmung darüber ist Mitte Oktober vorgesehen. Die erste Lesung im Bundestag für das OEF-Mandat, das Mitte November ausläuft, ist für den 4. November geplant. Die Schlussabstimmung über das OEF-Mandat, das in der SPD-Fraktion umstritten ist, ist dann in der Sitzungswoche vom 12. bis 14. November vorgesehen.

mbe/AFP/dpa

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