Kampf gegen Taliban Petraeus stellt schnellen Abzug aus Afghanistan in Frage

Ist das der Rückzug vom Abzug? David Petraeus, Afghanistan-Kommandeur der Nato, hat den Zeitpunkt für den Beginn des US-Truppenabzugs vom Hindukusch relativiert. Er betrachte den von Präsident Obama genannten Termin 2011 nicht als zwingend, erklärte er jetzt.


Washington - Es war das erste Interview von David Petraeus seit er den Posten in Afghanistan angetreten hat - und er nutzte es für einen Paukenschlag: Der neue Afghanistan-Kommandeur der Nato sieht kein schnelles Ende für den Einsatz am Hindukusch. In einem Interview mit dem TV-Sender NBC relativierte er den Zeitpunkt für den Beginn des US-Truppenabzugs aus dem Land. Der von US-Präsident Barack Obama für Juli 2011 angekündigte Beginn des Rückzugs sei ein "Prozess und kein Ereignis" und zudem "an bestimmte Bedingungen gebunden", sagte Petraeus in dem am Sonntag ausgestrahlten Interview. Er betrachte dieses Datum daher nicht als zwingend. Vielmehr habe Obama diesen Zeitpunkt genannt, um auf die Dringlichkeit der Probleme in dem Land hinzuweisen, sagte Petraeus mit Blick auf die Macht der radikalislamischen Taliban.

Er habe mit Obama eine "gute Diskussion" über das Thema gehabt, sagte der Kommandeur. Der Präsident habe ihm verdeutlicht, dass er von Petraeus die "besten militärischen Ratschläge" erwarte. Petraeus hatte vor einem Monat die Nachfolge für Stanley McChrystal angetreten, den Obama wegen abfälliger Äußerungen entlassen hatte. Der Kommandeur sagte im Sender NBC zudem, auch mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai verbinde ihn eine "gute Arbeitsbeziehung".

US-Verteidigungsminister Robert Gates sagte der "Los Angeles Times" unterdessen, die Nato-Truppen am Hindukusch könnten "frühestens im Frühling, mit Sicherheit aber im Sommer" kommenden Jahres mit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen beginnen. Diese könnten dann zunächst in "weniger gewaltsamen Gebieten" die Kontrolle übernehmen, sagte er in dem Interview, aus dem Auszüge in der Online-Ausgabe der Zeitung zu finden waren. Der Truppenabzug solle aber wie geplant im Juli 2011 beginnen.

In den truppenstellenden Ländern sinkt indes die Unterstützung der Bevölkerung für den Militäreinsatz zusehends. Neben den verlustreichen Sommermonaten für die Nato-Soldaten dürfte dies auch an der steigenden Zahl unschuldig getöteter Zivilisten liegen. Vergangene Woche hatte die Uno erklärt, dass sich die Gewalt in Afghanistan immer stärker gegen die Zivilbevölkerung richtet und im ersten Halbjahr 2010 bei Kämpfen und Anschlägen 25 Prozent mehr Zivilisten getötet wurden als im Vorjahreszeitraum. Erst am Sonntag räumte die Nato ein, dass bei Luftangriffen der Militärallianz im Süden Afghanistans am Donnerstag versehentlich fünf Zivilisten getötet wurden.

Auf Seiten der Nato starben laut der unabhängigen Website icasualties.org seit der US-geführten Invasion Ende 2001 insgesamt 2002 Nato-Soldaten, darunter allein 1226 US-Streitkräfte und 331 Soldaten des zweitgrößten Truppenstellers Großbritannien.

Der Einsatz in Afghanistan wird in den USA immer unpopulärer und erfährt derzeit so wenig Unterstützung wie nie zuvor. Mit 66 getöteten Soldaten war der Juli zudem der bislang blutigste Monat für die US-Einsatzkräfte am Hindukusch.

ler/AFP

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Gandhi, 10.07.2010
1. Wenn einem nichte Gescheites mehr einfaellt,
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
dann kommen die tollen Einfaelle. Erst toetet man Zivilisten (weil die bewaffnet waren) und man sie deshalb nicht von Kombattanten unterscheiden konnte und nun sollen bewaffnete Zivilisten zu Kombattanten auf Seiten der USA werden? Die einzige "Strategie", die Erfolg bringen kann, ist den Sieg zu erklaeren und abzuziehen. Das fuer Zerstoerung vorgesehene Geld kann zu Hause viel sinnvoller angelegt werden (aber auch das werden les cons bestreiten), denn auch die Infrastruktur hier haette mal eine Ueberholung noetig.
henningr 10.07.2010
2.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Na klar. Wenn die Afghanen sich gegenseitig für ein paar Dollar abknallen, lassen sie wenigstens die Militärbasen in Ruhe. Und das Chaos nimmt man als Vorwand dort zu bleiben. Mussmna halt auch glaubwürdig rüberbringen. Solche Schlagzeilen wie zuletzt, dass rund 2 US-Steuermillionen die Woche in die Taschen der Taliban wandern sind zu vermeiden.
redpirate37 10.07.2010
3. Gibts dort auch unbewaffnete Zivilisten?
Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen? Je mehr Waffen um so mehr Frieden und Ruhe, klar doch, kann ja nur auf die Weise funktionieren. Irgendwer muss das Zeug ja schließlich bezahlen und abkaufen das im Westen produziert wird. Am Besten die Steuerzahler der NATO Länder, also finanzieren wir den Waffenerwerb der afghanischen Zivilisten, die wiederum damit ein Geschäft bei den Taliban und Aufständischen betreiben können. Klingt doch logisch. Die Taliban lassen sich dann entwaffnen irgendwann und liefern ihre russischen und chinesichen Waffen an Sammelpunkten ab für ein paar Dollar Prämie. ;) Sieht ja schon nach allergrößter Verzweiflung aus was der Westen dort treibt...
semir, 10.07.2010
4.
Zitat von sysopMit General Petraeus wollen die USA in Afghanistan die Wende schaffen. Auch Zivilisten sollen im Kampf gegen die Taliban bewaffnet werden. Kann diese Stratgie Erfolg bringen?
Anscheinend besteht die erfolgreiche Strategie in einem Wunsch nach dem Scheitern in Afghanistan.
duk2500 10.07.2010
5. Dorfmilizen
Dieses Modell kann funktionieren, zumindest dort, wo die Dorfbewohner nicht mit den Taliban sympathisieren. Zur Zeiten des Terrorbewegung "Leuchtender Pfad" hat der damalige Präsident Alberto Fujimori die in den sogenannten "Rondas Campesinas" organisierten indianischen Dorfbewohner bewaffnet. Das war sehr erfolgreich, die Dörfler konnten sich in den abgelegenen Gebieten des Altiplano und der Selva gegen die Einfälle der Maoisten zur Wehr setzen und haben in Zusammenarbeit mit den Streitkräften sehr schnell für Ruhe gesorgt.
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