Kampf um 11. September: Amerikas Tag des Zorns
Der 11. September war lange ein Tag des stillen Gedenkens, Protest und Politikmanöver waren tabu. Das gilt nicht mehr: Rechte Aktivisten wollen gegen den Bau einer Moschee in New York protestieren, ein Pastor in Florida plant Koran-Verbrennungen. Eiferer gegen den Islam gewinnen die Oberhand.
Sie wollen einfach nur trauern, deswegen haben sie einen offenen Brief verfasst. Der Vater von Jonathan Ielpi, einem Feuerwehrmann, der in den Trümmern des World Trade Centers (WTC) am 11. September 2001 starb. Die Schwägerin von Myra Aronson, die mit dem American-Airlines-Flug 11 abstürzte, der von Boston nach Los Angeles fliegen sollte und stattdessen in den Nordturm des WTC krachte. Mary Ellen Salamone, die Frau von John Salamone, der zur Zeit der Terrorattacke im 104. Stock dieses Turms arbeitete.
All diese Trauernden schreiben nun mit vielen weiteren: "Am 11. September Demonstrationen abzuhalten, wäre respektlos gegenüber uns, die diesen Tag als einen ansehen, an dem die Politik schweigen muss."
Adressaten ihres Briefs: Aktivisten, die ausgerechnet an diesem Tag dagegen demonstrieren wollen, dass in der Nähe von New Yorks Ground Zero, dem Ort der Anschläge, eine Moschee gebaut werden soll. Genauer: ein islamisches Kulturzentrum mit Gebetsraum.
Die Anti-Moschee-Demonstranten lässt der Brief der Trauernden kalt. Sie möchten am Trauertag ihre eigene Agenda vorantreiben. "Wir müssen jetzt am Ground Zero sein, mehr denn je", beharren sie. Sie wissen: Der 11. September garantiert als Protesttermin Schlagzeilen.
Das wissen aber auch die Gegendemonstranten, die sich angemeldet haben, um den Bau des Kulturzentrums lautstark zu verteidigen. Die Angehörigen der Opfer haben sie per Brief ebenfalls darum gebeten, von Demonstrationen abzusehen.
So wogt es hin und her. Der Tag des Gedenkens ist ein Tag des Kampfes geworden, eine Schaubühne für Politikschlachten. Nicht nur in New York, sondern quer durch die USA.
Tief im Süden - in Gainesville, Florida - will Terry Jones, Pastor der winzigen Evangelikalengemeinde "Dove World Outreach Center", am Samstag öffentlich Exemplare des Korans verbrennen. Von 18 Uhr bis 21 Uhr sollen die Flammen auf einer Art Scheiterhaufen lodern, zur Hauptsendezeit.
General David Petraeus, Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan, hat den Pastor bereits beschworen, nicht durch eine solche Aktion Hass unter Muslimen zu säen. Das könne amerikanische Truppen in Gefahr bringen. Doch Jones zeigt sich bislang unbeirrt. Der Koran sei schließlich ein Werk des Teufels, betont er.
Der 11. September hatte lange eine andere Bedeutung
Hoch im Norden, in Alaska, planen Ex-Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin und der rechte TV-Eiferer Glenn Beck eine gemeinsame Großveranstaltung für den 11. September. In einer Halle in Anchorage wollen sie Amerika hochleben lassen - pünktlich zum Gedenktag der Anschläge. Weit über 100 Dollar kosten gute Tickets, dafür können die Zuschauer einiges erwarten.
Vielleicht meldet Beck wieder Zweifel an, ob Barack Obama ein richtiger Christ ist - und spielt dabei mit dem Gerücht, der Präsident sei in Wahrheit ein Muslim. 20 Prozent der US-Bürger sind davon fälschlicherweise überzeugt, das zeigen aktuelle Umfragen. Barack Hussein Obama, so wird er gerne von seinen Gegnern beim vollem Namen genannt.
Es sind neue harsche Töne, die den Jahrestag dominieren. Dabei hatte der 11. September lange eine andere Bedeutung in den USA. Eine versöhnlichere.
Direkt nach den Anschlägen rückte man näher zusammen in Amerika. Selbst im harten New York gingen die Menschen in den Tagen des Schocks ein wenig weicher miteinander um. Präsident George W. Bush sagte damals, die Nation "trauere zusammen, sie stehe zusammen".
Der überparteiliche Anstrich des Gedenktags blieb lange erhalten. Politikspiele waren 24 Stunden lang tabu. Noch im Wahlkampf 2008 traten die bitteren Rivalen John McCain und Barack Obama zum 11. September gemeinsam am Ground Zero auf. Der Politstreit musste warten.
Das galt auch für den Hass auf Muslime. In der Zeit nach dem ersten Jahrestag besuchte Bush demonstrativ eine Moschee, er zog sich die Schuhe aus, er betonte, dass man keinen Krieg mit dem Islam führe.
Das Versöhnliche droht zu verschwinden
Danach schienen US-Politiker entschlossen, die gelungene Integration der Millionen Muslime in ihrem Land durch die Attacke nicht kaputt machen zu lassen. Zwar wuchs die Skepsis gegenüber der Glaubensrichtung. Aber eigentlich sind amerikanische Muslime so gut integriert, dass Provokateur Thilo Sarrazin seine helle Freude hätte. Die vielen islamischen Schulen stören kaum jemanden, komplizierte Debatten über Kopftücher oder Moscheebau sind den Amerikanern eher fremd. Sogar US-Sicherheitsexperten wittern Terrorgefahren eher in Europa als bei den Muslimen daheim.
Dieser Ton zog sich bislang auch durch die Gedenktage und die Debatten. Aber das Versöhnliche droht zu verschwinden. Nicht nur sagen mittlerweile mehr Amerikaner als im Wahlkampf, Obama sei ein Muslim - sie scheinen das auch für etwas Schlechtes zu halten. Auf einen muslimischen Taxifahrer wurde in diesem Sommer eingestochen, es kam zu Protesten vor amerikanischen Moscheen.
Zahlreiche muslimische US-Organisationen haben angekündigt, am Samstag nicht wie sonst üblich ausgelassen das Ende des Fastenmonats Ramadan feiern zu wollen, das diesmal mit dem Gedenktag zusammen fällt. Sie fürchten, das könne ihnen als Jubel über die Terroranschläge von 2001 ausgelegt werden.
Krieg im eigenen Land
Zu denken gibt ihnen auch, wie rau der politische Diskurs in den USA mittlerweile geworden ist. Den Ton geben jetzt die Tea-Party-Aktivisten an. Sie wollen das Land zurückführen zu den Ideen der weißen und meist christlichen Gründungsväter. Die Eiferer treiben die Republikaner vor sich her und jagen den Demokraten Angst ein, zwei Monate vor den wichtigen Kongresswahlen.
Nuancen passen nicht mehr in diese Landschaft. Wer Toleranz zeigt, ist verdächtig. Als Obama Verständnis für das islamische Kulturzentrum nahe Ground Zero anzumelden schien, kochte sofort Protest hoch. Der Präsident ruderte geschwind zurück.
Seine Berater lassen ihn nun am 11. September nicht mehr nach New York reisen - zu groß ist die Furcht vor neuen Debatten um die "Moschee am Ground Zero". Die Politik der Polarisierung ist stärker geworden als das Gedenken.
Der Präsident hat gerade den Abzug der US-Kampftruppen aus dem Irak gefeiert, die wohl schlimmste Überreaktion auf die Terroranschläge. Amerika führt neun Jahre nach den Anschlägen endlich weniger Krieg mit dem Rest der Welt.
Doch vielleicht geht der Krieg im eigenen Land erst richtig los.
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- Mittwoch, 08.09.2010 – 15:05 Uhr
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Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.
Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .
Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.
Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.
Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.
Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".
Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".
Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.
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- Themenseite: Terroranschläge vom 11. September 2001
- Themenseite: Die Tea-Party-Bewegung
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