Damaskus/Beirut - Panzer rückten vor, über der Stadt kreisen Kampfhubschrauber, es tobt ein Häuserkampf: Die syrische Armee hat mit ihrer Großoffensive in der Wirtschaftsmetropole Aleppo begonnen. Seit vier Uhr am frühen Samstagmorgen feuern die Regimetruppen Raketen und Granaten auf das Viertel Salaheddin und andere Stadtteile, in denen sich die Aufständischen verschanzt haben.
Sowohl die Aufständischen als auch das Assad-Regime stilisierten den Kampf um Aleppo zur Entscheidungsschlacht. Regierungstreue Medien sprechen von der "Mutter aller Schlachten". Die Zeitung "al-Watan" schreibt: "Aleppo wird die letzte Schlacht der syrischen Armee sein, um die Terroristen zu schlagen."
Die Rebellen verkündeten mehrere Stunden nach Beginn der Großoffensive Erfolge: Ein erster Vormarsch auf Salaheddin sei abgewehrt worden, sagt Abdel Dschabbar al-Okaidi, ein Oberst der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA). Auch einen Angriff auf das Viertel Hamdanijeh konnten die Aufständischen zunächst offenbar abwehren. Auf der Straße sind nach Berichten der Nachrichtenagentur AFP drei zerstörte Panzer und zwei gepanzerte Fahrzeuge sowie die Leichen von fünf bis sechs Soldaten und vier Rebellen zu sehen. Bisher sollen die Aufständischen ihre Stellung in Aleppo halten, berichtet die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf Augenzeugenberichte. Unter den Rebellen sind auch ausländische Kämpfer, die sich als Brigade der vereinigten Mudschahedin ausgeben. Sie berichten, sie kämen aus Algerien, Frankreich, Schweden und Tschetschenien.
"Schlimmste Kämpfe seit Beginn des Aufstands"
Ein von den Aufständischen veröffentlichtes Internetvideo zeigt Milizen, die wie von Sinnen auf die über ihnen kreisenden Helikopter feuern. In einem anderen Video ist ein brennendes Gebäude zu sehen, während Gewehrsalven und in einer Moschee vorgetragene Koranverse zu hören sind. Etwa tausend Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind den Angaben zufolge nach Aleppo eingerückt, um die Rebellen bei der Verteidigung der von ihnen gehaltenen Gebiete zu unterstützen. Die Informationen lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen, weil die Medien in Syrien nur sehr eingeschränkt arbeiten können.
Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind die Kämpfe in Aleppo "die schlimmsten seit Beginn des Aufstands" gegen Assad vor 16 Monaten. Mindestens 91 Menschen seien am Samstag bei Kämpfen in ganz Syrien gestorben, viele von ihnen in Aleppo. Insgesamt hätten die Gefechte in der vergangenen Woche in der größten syrischen Stadt schätzungsweise 162 Menschen das Leben gekostet, Regierungssoldaten nicht eingerechnet.
Tausende Zivilisten sind in den vergangenen Tagen aus der einst lebendigen Wirtschaftsmetropole Aleppo geflohen - für die Verbliebenen wird die Lage immer bedrohlicher. Es gibt keinen Strom und auch kein Wasser mehr, die Lebensmittel werden knapp. "Tausende Menschen fliehen vor dem Bombardement. Sie werden von Helikoptern terrorisiert, die in niedriger Höhe fliegen", berichtet ein Aktivist. Die meisten Zivilisten suchten Schutz in Kellern, Schulen oder öffentlichen Parks außerhalb der Kampfzone. "Sie kommen nicht mehr raus aus der Stadt".
Hollande drängt Russland und China zu schnellem Handeln
Die Kämpfe in Aleppo strahlen auch auf den benachbarten, ohnehin instabilen Libanon aus. In der nördlichen Küstenstadt Tripoli stießen Anhänger und Gegner des syrischen Regimes zusammen. Bei den Schlägereien, die die ganze Nacht zum Samstag andauerten, wurden Polizeiberichten zufolge mindestens zwölf Menschen verletzt.
Der Streit zwischen dem Westen und Russland in der Syrienfrage wird derweil schärfer. Frankreichs Präsident François Hollande forderte ein rasches Eingreifen des Uno-Sicherheitsrats. Moskau und Peking müssten ihren bisherigen Widerstand aufgeben und der syrische Präsident Assad gestoppt werden. Es sei nicht zu spät, doch jeder Tag, der vergeht, bringt Repressionen, Aufstände und Massaker mit sich, erklärte Hollande laut der Nachrichtenagentur AFP. Hollande hatte bereits nach dem Massaker in Hula Ende Mai eine bewaffnete Intervention nicht ausgeschlossen, vorausgesetzt, diese erfolge mit Zustimmung des Uno-Sicherheitsrats und das Völkerrecht werde beachtet.
Russland lehnte eine Kursänderung allerdings ab. Außenminister Sergej Lawrow erklärte, sein Land werde die jüngsten Sanktionen der EU gegen Damaskus nicht mittragen. In keinem Fall werde es Moskau zulassen, dass Schiffe unter russischer Flagge kontrolliert würden, sagte er.
Zwar warnte Lawrow vor einer drohenden Tragödie in Aleppo. Gleichzeitig erklärte der russische Außenminister jedoch, es sei unrealistisch, von den syrischen Streitkräften zu erwarten, dass sie tatenlos zusähen, wie die Rebellen wichtige Städte einnehmen. Lawrow bestritt Pläne, wonach Russland Assad nach einem Sturz Asyl gewähren wolle. "Wir haben schon mehr als einmal öffentlich gesagt, dass wir an so etwas noch nicht einmal denken", sagte Lawrow. "Es gibt keine solche Vereinbarung und auch keinen Gedanken daran." Russland habe auch keine besondere Beziehung zur syrischen Regierung. "Wir sind nicht und wir waren auch nicht die engsten Freunde des syrischen Regimes. Dessen besten Freunde sitzen in Europa", so der russische Außenminister.
Sondervermittler Kofi Annan besorgt über Situation in Aleppo
Sondervermittler Kofi Annan zeigte sich besorgt über die "bevorstehenden Kämpfe" in Aleppo und forderte ein Ende, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. "Ich bin besorgt über die Berichte von Truppenzusammenführungen und von den schweren Waffen um Aleppo", sagte Annan. Die Eskalation der Gewalt mache ein Zusammenkommen der Weltmächte nötig, um einen politischen Wechsel einzuleiten, so Annan.
Der Syrian National Council (SNC), eine Dachorganisation der syrischen Opposition, macht unterdessen Druck auf ausländische Verbündete: Sie seien für das Blutvergießen mitverantwortlich, wenn sie nicht schnell reagieren würden. Diese Hilfe müsse allerdings außerhalb des Uno-Sicherheitsrats erfolgen, da es für Interessengruppen ein Vetorecht gebe. "Alle Aktionen müssen außerhalb des Sicherheitsrats durch die Arabische Liga und durch eine Resolution der Generalversammlung erfolgen", forderte der Vorsitzende des SNC.
Die katholische Kirche rief zu Spenden für syrische Flüchtlinge auf. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, erklärte, immer mehr Menschen seien vor den Gefechten auf der Flucht. Die kirchlichen Hilfswerke Caritas international, Misereor, Missio und das Kindermissionswerk arbeiteten mit Partnerorganisationen in Syrien und den Nachbarländern zusammen.
anr/lei/AFP/dpa/dapd/Reuters/AP
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