Kampf um die Ukraine Schachspiel im Minenfeld

Der blutige Konflikt in der Ukraine könnte zum Auslöser einer neuen Ost-West-Konfrontation werden. Es geht längst nicht nur um die EU oder einen womöglich korrupten Präsidenten, sondern um Dominanz in Europa. Die Ukraine selbst könnte in den Bürgerkrieg abgleiten.

Eine Analyse von


Der denkwürdige Satz fiel im SPIEGEL und klingt 33 Jahre später hochaktuell: "Wir müssen sicherstellen, dass dieses sowjetische Imperium, wenn es denn aufgrund seiner eigenen Widersprüche zusammenbricht, das mit einem Winseln tut und nicht mit einem großen Knall." Das sagte US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger im September 1981 in einem Interview.

Zurzeit sieht es in der Ukraine, einem Kernland dieses einstigen Imperiums, sehr nach dem "großen Knall" aus. Militante Aufmärsche, Schüsse, Dutzende Tote und Hunderte von Schwerverletzten sind erst der Beginn einer dramatischen Auseinandersetzung um die Zukunft des größten europäischen Flächenstaats.

Dabei kommen auch Kämpfer zum Einsatz, die vom großen Knall viel verstehen. US-Senator John McCain, 1967 als Marineflieger bei einem Luftangriff auf ein Wasserkraftwerk in Nordvietnam abgeschossen, zog mit 77 Jahren noch mal an die Front. Auf der Tribüne des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew rief er im Dezember: "Ukrainisches Volk! Das ist euer Moment! Die Freie Welt ist mit euch! Amerika ist mit euch!"

Der Kalte Krieg, so die Botschaft, ist wieder da, erneut gegen Moskau, nur mit neuen Waffen.

Russland schachmatt setzen

Es geht längst nicht nur um ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union und auch nicht nur um die Zukunft eines von Korruptionsvorwürfen umwitterten Präsidenten. Es geht um Geopolitik, darum, welche Machtzentren in Europa und dem eurasischen Raum dominieren. Mit einem Schachbrett hat der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski diesen Raum verglichen. Zu den Schachspielern an diesem Brett gehören die USA, Russland, die Europäische Union und die Nato.

Es ist ein Schachspiel auf einem Minenfeld. Wie vermint das Gebiet ist, das Ukraine heißt, deutete der frühere russische Ministerpräsident Jegor Gajdar, ein liberaler Reformer und Freund des Westens, 2008 in einem Hintergrundgespräch an, ein Jahr vor seinem Tod.

Wer die Ukraine in die Nato führen wolle wie der damalige ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko, übersehe, dass Russland damit im Ernstfall nicht mehr verteidigungsfähig sei. Man solle, so der Rat des erfahrenen Politikers, davon lieber die Finger lassen.

US-Geopolitiker Brzezinski würde Russland gern matt setzen. In seinem Werk "The Grand Chessboard" (Titel der deutschen Ausgabe: "Die einzige Weltmacht") schreibt er, "ohne die Ukraine" wäre Russland "im Wesentlichen ein asiatischer imperialer Staat", der sich mit Konflikten in Zentralasien herumschlagen müsse. Mit der Kontrolle über die Ukraine und ihren großen Ressourcen jedoch, so der Ex-Präsidentenberater, wäre die Russische Föderation ein "mächtiger imperialer Staat". Eine Gefahr sieht der amerikanische Stratege in einer "deutsch-russischen Abmachung" und einer "Verständigung zwischen Europa und Russland mit dem Ziel, Amerika vom Kontinent zu verdrängen".

Brzezinski drückt damit eine bis heute gültige amerikanische Strategie aus: Die USA wollen Russland auch in seiner unmittelbaren Nachbarschaft so weit wie möglich zurückdrängen. Spielen die Europäer dabei etwa in der Ukraine mit und verschlechtern sich deren Beziehungen zu den Russen, kann dies den USA nur recht sein.

Der berühmte Ausspruch der US-Vizeaußenministerin Victoria Nuland "Fuck the EU" ist vor diesem Hintergrund kein Ausrutscher, sondern ein logischer, wenn auch etwas vulgärer Ausdruck von Geopolitik.

Schwachpunkte der US-Strategie

Der Schwachpunkt dieser Strategie: Die Ukraine ist mit 45 Millionen Einwohnern zu groß, um sie wie die früheren baltischen Sowjetrepubliken mit übersichtlichen Zahlungen in den Westen zu integrieren.

Außerdem ist das Land tief gespalten: Die wirtschaftlich schwachen Regionen im Westen sind die Hochburgen der Nationalisten. Die großen Unternehmen der Ukraine, etwa mit Stahlwerken, Schiff- und Turbinenbau aber liegen im Osten, ihr Markt ist Russland.

So gespalten ist die Ukraine: Klicken Sie auf das Bild, um Details zu sehen
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Russisch ist die vorherrschende Sprache im Alltag selbst der ukrainischen Hauptstadt, Millionen Russen leben im Osten des Landes und auf der Krim. Die Schwarzmeer-Halbinsel wurde erst 1954 der Ukraine zugeschlagen, gegen den Willen der Bevölkerung.

Die Krim könnte schon bald der nächste Brennpunkt der Auseinandersetzungen werden. Dort ist in der russischen Hafenstadt Sewastopol die Schwarzmeerflotte Russlands stationiert. Ukrainischen Nationalisten und Amerika-Freunden ist sie ein Dorn im Auge.

Die Ukraine hätte "keinen besseren Freund als die Vereinigten Staaten", tönte US-Botschafter Geoffrey Pyatt auf einer Veranstaltung im Oktober in Kiew und versprach den Ukrainern, an der Seite der Amerikaner hätten sie "Myriaden von Möglichkeiten".

Mit solch süßen Versprechungen, die ungedeckten Schecks gleichen, wird eines der ärmsten Länder Europas womöglich ungewollt in einen Bürgerkrieg getrieben. In der Ukraine gerät nicht nur die Macht eines korruptionsverdächtigen Regierungsapparats ins Wanken, sondern auch ein Staat, der in seinen jetzigen Grenzen kaum noch lebensfähig ist. Denn die bisherige Taktik des Regimes Janukowitsch mit einem Wechsel aus brutalem Zuschlagen und zeitweiligem Zurückweichen kann die Protestbewegung nur radikalisieren.

Wo zu allem entschlossene Feldkommandeure das Gesetz des Handelns bestimmen, beginnt die Dynamik der Sezession, wie zuvor schon im Kaukasus. Schon droht das Präsidium der obersten Volksvertretung der Krim damit, die Bevölkerung der Halbinsel "zur Verteidigung des Bürgerfriedens aufzurufen".

Bisher hat der Kreml separatistische Stimmungen im Osten und Süden der Ukraine nicht ermuntert. Und es sieht nicht danach aus, dass das tief konservative Machtsystem des Präsidenten Wladimir Putin an einem Bürgerkrieg vor seiner Haustür interessiert ist.

Der könnte aber auch dann entbrennen, wenn Moskau ihn nicht will. Wer die Geschichte der Ukraine kennt, weiß, dass die militanten Nationalisten im Westen des Landes immer wieder in Schlachten ziehen, die sie nur verlieren können. So führte die ukrainische Aufstandsarmee noch nach Ende des Zweiten Weltkriegs fünf Jahre lang einen sinnlosen Partisanenkrieg gegen den Sowjetstaat, mit Tausenden von Opfern auf beiden Seiten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Ukraine ein "Pulverfass" genannt, an dem nicht gezündelt werden dürfe. Revolutionsromantik jedenfalls kann nur zum "großen Knall" führen. Dessen Folgen blieben nicht auf die Ukraine begrenzt.

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insgesamt 149 Beiträge
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leser75 20.02.2014
1. Wer diese Typen
als Demonstranten verharmlost, verdreht die Wahrheit ins Gegenteil. Die deutschen Medien sollten ihre Berichterstattung abrüsten. Wer sich die TV-Bilder ansehen kann, erkennt Straßenschlachten wie seinerzeit in Kairo und Libyen. Scharfmacherei ist nicht sinnvoll, sondern üble Presse.
Namal 20.02.2014
2.
Danke für diesen Artikel! Klar, weder die USA noch EU kümmern die Menschen dort. Sie sind ein Mittel zum Zweck.
interessierter_mitbürger 20.02.2014
3. ...
Zitat von sysopGetty ImagesDer blutige Konflikt in der Ukraine könnte zum Auslöser einer neuen Ost-West-Konfrontation werden. Es geht längst nicht nur um die EU oder einen womöglich korrupten Präsidenten, sondern um Dominanz in Europa. Die Ukraine selbst könnte in den Bürgerkrieg abgleiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kampf-um-die-ukraine-schachspiel-im-minenfeld-a-954527.html
Die USA argumentieren damit, dass Russlands Macht zunehmen können, wollen die Macht der USA/Nato aber nach Osten ausbauen. McCain ist Kriegstreiber und Aufwiegler (vgl. Syrien),...mit welchem Recht machen die das?
garfield53 20.02.2014
4. mmm
Kampf um die Ukraine: Schachspiel im Minenfeld! Der Titel entlarvt eigentlich schon Alles! Es geht nur um westliche geostrategische und wirtschaftliche Interessen. Da wurden Wirtshausschläger und alte Bandera-faschisten bezahlt und reaktiviert. Die Ukrainer und die Souveränität eines Staates sind unseren Brandstifter scheissegal, wie man ohne Pause aus den politisch einseitigen Frontberichten erleben kann. So fingen alle von uns gewünschten Putsche und Bürgerkriege an, will denn Keiner aus der Geschichte lernen? O-Ton:.. man sieht fast nur uniformierte und mit Helmen ausgerüstete "Demonstranten"...., also Frau Merkel, aufgehorcht, wenn irgendwo in Deutschland friedliche Bürger sich wehren!
niklot1147 20.02.2014
5. guter Artikel,
der die Sache trifft. Wieviel besser wäre Europa dran, wenn es sich nicht in hündischer Gefolgschaft von den USA in deren geostrategische gezielte Chaospolitik einspannen lassen und statt dessen ein gutnachbarschaftliches Verhältnis mit Russland pflegen würde. Die USA wehren sich mit immer abenteuerlicheren Mitteln gegen den Niedergang ihrer Weltmachtstellung. Wir sollten das nicht unterstützen.
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