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Kampf um Libyen: Gaddafi will Märtyrertod sterben

"Tod oder Sieg": Nach dem Sturm auf seinen Palast demonstriert Libyens Diktator Kampfeswillen, notfalls bis zum eigenen Ende. In einer Rede verhöhnt Gaddafi die Rebellen, will angeblich durch Tripolis spaziert sein. Tatsächlich fehlt von dem Despoten jede Spur - Nicaragua will ihm nun Asyl gewähren.

REUTERS

Tripolis - Mit dem spektakulären Sturm auf die Diktatoren-Residenz schien das Ende des libyschen Regimes nah - doch Despot Muammar al-Gaddafi will weiter um die Macht in dem Wüstenstaat kämpfen. In einer im arabischen Sender al-Oruba ausgestrahlten Audiobotschaft sagte Gaddafi, er habe sein Hauptquartier in Tripolis lediglich "aus taktischen Gründen" verlassen, nachdem die Nato mehr als 60 Raketen auf den Komplex abgefeuert habe.

Seine Truppen und er selbst würden "bis zum Sieg oder Tod" kämpfen, sagte er in der Botschaft, die er über den regimenahen Fernsehsender verbreiten ließ. Seine Truppen würden "der Aggression mit aller Stärke" Widerstand leisten, sagte Gaddafi.

Er rief die Bevölkerung auf, die Hauptstadt von den "Verrätern zu säubern". Zudem habe er sich ein eigenes Bild davon machen können, dass er vor einem Sturz keine Angst haben müsse: Er habe kürzlich einen "geheimen Rundgang" durch Tripolis unternommen, bei dem er keine Anzeichen von Gefahr habe feststellen können.

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Kampf gegen Gaddafi: Tripolis nach dem Rebellen-Sturm
Wo Gaddafi sich aufhält, ist weiter unklar. Auch kann der Zeitpunkt der Aufzeichnung nicht verifiziert werden. Der regimenahe Fernsehsender strahlte die Audiobotschaft nach eigenen Angaben am Dienstagabend in Auszügen aus, am Mittwochmorgen dann vollständig.

"Da ist niemand"

Bei der Eroberung von Tripolis hatten die Aufständischen am Dienstag einen entscheidenden Etappensieg errungen: Nach einem heftigen Bombardement des Hauptquartiers von Gaddafi drangen Rebellen auf das Gelände des schwer befestigten Bab-al-Asisija-Komplexes vor. Sie feuerten Freudenschüsse ihn die Luft, räumten Waffenlager und zerstörten eine Statue des einstigen Revolutionsführers.

Die Erstürmung des Komplexes markiert zwar den tatsächlichen Zusammenbruch von Gaddafis 42-jährigem Regime. Solange der Machthaber und seine einflussreichen Söhne jedoch verschwunden sind, können die Aufständischen sich noch nicht zum Sieger erklären. Wo Gaddafi sich aufhält, ist weiter unklar.

Der Militärsprecher der Rebellen, Ahmed Omar Bani, sagte, im Komplex fehle jede Spur von Gaddafi und seiner Familie. Die Residenz sei vollständig unter der Kontrolle der Rebellen, sagte Bani. "Oberst Gaddafi und seine Söhne waren nicht dort, da ist niemand." Keiner wisse, wo die Familie sei.

"Meer aus Feuer"

Gaddafis Regierungssprecher Mussa Ibrahim erklärte, der Machthaber sei keineswegs geschlagen. Der Stützpunkt in Bab al-Asisija, einem Stadtteil im Zentrum von Tripolis, bestehe nur noch aus Trümmern, sagte Ibrahim in einem zweistündigen Telefoninterview mit dem regimenahen Sender al-Rai. "Wir werden zurückkommen, um Tripolis zurückzuerobern", erklärte er.

Der Bürgerkrieg werde noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern, sagte Ibrahim. Die Rebellen-Anführer würden keinen Frieden finden. Die Truppen der Regierung würden Libyen notfalls in einen "Vulkan" und in ein "Meer aus Feuer" verwandeln.

Die Regierungstruppen kontrollierten noch immer 80 Prozent der Hauptstadt, die eine "Todesfalle" und eine "tickende Zeitbombe" für die Aufständischen sei, so Ibrahim.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hatte am Dienstag erklärt, 80 Prozent von Tripolis seien unter Kontrolle der Rebellen. Die Aufständischen selbst behaupten, 95 Prozent der libyschen Hauptstadt in ihrer Hand zu haben.

Scud-Geschoss aus Gaddafis Heimat

Die Truppen des bedrängten Diktators gehen unterdessen weiter brutal gegen Regimegegner vor: Die Aufständischen-Hochburg Misurata wurde in der Nacht zum Mittwoch mit Raketen beschossen. Das berichtete der arabische Nachrichtensender al-Dschasira unter Berufung auf eine Mitteilung des Militärrats der Rebellen.

Die Scud-Raketen seien aus Sirte, der Heimatstadt Gaddafis, abgefeuert worden, hieß es. In Misurata habe es mehrere laute Explosionen gegeben. Berichte über Schäden oder Opfer gab es zunächst nicht.

Nach Angaben der Rebellen schossen Regierungstruppen Grad-Raketen auf Wohngebiete in der Hauptstadt. Westlich von Tripolis wurden die Städte Suwara und Adschelat von Gaddafi-Soldaten unter Beschuss genommen.

"Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir ihn gefunden haben", sagte der Rebellen-Sprecher Ahmed Bani dem Sender. Gaddafi verstecke sich "in einem der vielen Löcher" der Hauptstadt. Der Sprecher fügte hinzu, die Aufständischen würden den Sitz ihrer Übergangsregierung in den kommenden zwei Tagen von der Rebellenhochburg Bengasi nach Tripolis verlegen.

Die Rebellen geben die Zahl der Toten bei der Eroberung von Tripolis mit mehr als 400 an. Mindestens 2000 Menschen sollen zudem verletzt worden sein.

Doch können die Rebellen offenbar auch neue Erfolge vermelden: Al-Dschasira berichtet, dass die Aufständischen mittlerweile die volle Kontrolle über den Flughafen von Tripolis gewonnen hätten.

Asyl in Nicaragua?

Das Land Nicaragua schließt unterdessen nicht aus, Gaddafi Asyl zu gewähren: Falls er um Zuflucht bitte, werde man dies "positiv prüfen", sagte der Wirtschaftsberater von Präsident Daniel Ortega, Bayardo Arce, dem Fernsehsender Channel 63.

Es sei aber unklar, wie Gaddafi nach Nicaragua gelangen könnte, da das zentralamerikanische Land keine Botschaft in Libyen habe. Ortegas Regierung ist ein enger Verbündeter des Gaddafi-Regimes.

Über den Wiederaufbau des ölreichen Landes zeichnete sich ein diplomatisches Ringen ab: Der chinesische Außenminister Yang Jiechi sagte in einem Telefonat mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, dass die Vereinten Nationen den Wiederaufbau Libyens anführen und koordinieren sollten. Damit solle vermieden werden, dass allein westliche Staaten vom Wiederaufbau profitierten.

In Doha sollten am Mittwoch Vertreter des Nationalen Übergangsrates der Rebellen mit Diplomaten aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, der Türkei und Katar über die Freigabe eingefrorener Vermögen beraten. Der Ministerpräsident des Übergangsrates, Mahmud Dschibril, beziffert den unmittelbaren Investitionsbedarf auf 2,5 Milliarden Dollar.

amz/dpa/dapd/Reuters/AFP

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insgesamt 172 Beiträge
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1. Sirte
Teile1977 24.08.2011
Der Kampf um Sirte wird Hart werden, die dortige Bevölkerung konnte unter Gadafi zahlreiche Privilegien genießen und mußte weniger Terror ertragen. Die Bevölkerung wird nicht gerne "Befreit" werden wollen. P.s. War klar das jetzt alle die am Aufbau verdienen vollen aus den Löchern gekrochen kommen. Die Lybier alleine sollen bestimmen dürfen wem sie ihr Geld geben, und sie werden hoffentlich nicht vergessen wer ihnen geholfen und wer sie im Stich gelassen hat (selbstkritik).
2. Vorbild
S.I.C 24.08.2011
Der Mann ist ein leuchtendes Vorbild in Sachen Männlichkeit. Er und seine Söhne sind harte Jungs. Hut ab.
3. Nicaragua bietet sich als Asylgeber an...
thorland 24.08.2011
... Wem soll in Nicaragua wohl Asyl gewährt werden? Dem Ex-Diktator? Dem Mörder? Dem Drahtzieher internationalen Terrors? Dem vielfachen Milliardär... oder schlichtweg NUR seinen Millarden mit der Person Gaddafi draufzu?
4. Ja, wo sind sie denn?
TonyBliar 24.08.2011
Zitat von sysop"Tod oder Sieg": Nach dem Sturm auf seinen Palast demonstriert Libyens Diktator Kampfeswille - notfalls bis zum eigenen Ende. In einer Rede verhöhnt Gaddafi die Rebellen, will angeblich durch Tripolis spaziert sein. Tatsächlich fehlt von dem Despoten*aber jede Spur - ein Land will ihm*nun Asyl gewähren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782022,00.html
Also, wenn man mal ein Alibi braucht - ich glaube von den demokratischen Friedensrebellen kann man billig eins kaufen. Ich harre gespannt der kommenden Verhandlungen an den runden Tischen.
5. Ende
EuleUndSpiegel 24.08.2011
...Die Aufständischen selbst behaupten ...unter Berufung auf eine Mitteilung des Militärrats der Rebellen. ...Nach Angaben der Rebellen So schaut also seriöser Journalismus aus. Ich kann diese Propaganda nicht mehr hören. Das absolute Highlight bleibt jedoch: ...nachdem die Nato mehr als 60 Raketen auf den Komplex abgefeuert habe No-Fly-Zone, sie erinnern sich ? Es geht zu Ende mit der Menschheit.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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