Kampf um Libyen Gaddafis Truppen schlagen zurück

Die Lage in Libyen ist chaotisch: Aufständische und Regierungstreue liefern sich erbitterte Kämpfe um strategisch wichtige Städte. Laut Anwohnern halten die Rebellen dagegen, doch Gaddafi lässt Luftangriffe fliegen und über das Fernsehen angebliche Erfolgsmeldungen verbreiten.

Getty Images

Tripolis - Libyen droht in einen blutigen Bürgerkrieg abzugleiten. Die Truppen von Diktator Muammar al-Gaddafi versuchen, von den Rebellen eroberte Städte zurückzugewinnen. Die Lage ist völlig unübersichtlich: Während das staatliche Fernsehen meldete, dass Regierungstruppen zwei wichtige Küstenstädte zurückerobert haben und auf die Rebellenhochburg Bengasi vorrücken, widersprachen Journalisten, Aufständische und Anwohner dieser Darstellung. Aus der Hauptstadt Tripolis, wo es bisher vergleichsweise ruhig war, meldeten Reporter Schießereien.

Ein Regierungssprecher behauptete, Gaddafis Truppen hätten den Ölhafen Ras Lanuf wieder eingenommen. Auch ein dem Gaddafi-Sohn Saif al-Islam nahestehender Fernsehsender berichtete, staatliche Truppen hätten wieder die Kontrolle über die Städte Ras Lanuf und Misurata im Osten des Landes zurückgewonnen.

Aufständische, Anwohner und Journalisten konnten das nicht bestätigen. Im strategisch wichtigen Ras Lanuf werde gekämpft, meldete SPIEGEL-Reporter Clemens Höges. "Ich höre Gewehrfeuer und Granaten." Einige Aufständische kündigten an, sie wollten noch am Sonntag bis Sirte kommen. Höges berichtete weiter, er habe einen abgestürzten Kampfjet und die Leiche des Piloten gesehen. Rebellen hatten das Flugzeug nach eigenen Angaben abgeschossen.

Die Aufständischen hatten am Samstag die Eroberung Ras Lanufs gemeldet. Diese liegt 140 Kilometer östlich von Sirte, einer Hochburg der Anhänger Gaddafis.

Anwohner widersprachen der Darstellung staatlicher Medien, wonach Gaddafis Truppen die Stadt Misurata zurückerobert haben. Diese sei weiter in der Hand der Rebellen, zitierte die Agentur Reuters einen Einwohner.

Heftige Kämpfe in der Gegend um Gaddafis Heimatstadt

Das staatliche Fernsehen dagegen verbreitete Erfolgsmeldungen für den Diktator: Tobruk sei von "nationalistischen Banden befreit". In Tripolis, Sirte und Sabha fänden daher Freudenfeste statt, berichtete der Sender und zeigte Bilder von Gaddafi-Anhängern, die Fahnen schwenken. Auch seien Soldaten auf dem Vormarsch nach Bengasi, der Hochburg der Aufständischen.

Ein Anführer der Rebellen wiederum meldete, seine Kämpfer seien bereits auf dem Weg in Gaddafis Heimatstadt Sirte. In der Umgebung dort gibt es offenbar heftige Gefechte. Aufständische berichteten, sie seien von Gaddafi-Anhänger mit Maschinengewehren und Panzerabwehrraketen angegriffen worden. Rebellen seien von Scharfschützen getötet worden. Ein Fernsehteam der Nachrichtenagentur AP meldete, die libysche Luftwaffe fliege Luftangriffe gegen Aufständische, die Richtung Sirte vorgerückt sind.

Auch aus dem kleinen Ort Ben Dschawad wurden Kämpfe gemeldet. Er war am Samstag in die Hände der Rebellen gefallen. Deren Vertreter sagten am Sonntag, Truppen Gaddafis hätten den Ort im Osten des Landes angegriffen.

Gaddafi fordert Untersuchung der Vereinten Nationen

Gaddafi selbst meldete sich in der französischen Sonntagszeitung "Journal du Dimanche" zu Wort. Er machte Terroristen für die Rebellion verantwortlich und warnte vor einem "Heiligen Krieg der Islamisten" im Mittelmeerraum. Gaddafi forderte, eine Kommission der Vereinten Nationen oder der Afrikanischen Union müsse den Aufstand gegen sein Regime untersuchen. "Ich bin erstaunt, dass niemand versteht, dass dies ein Kampf gegen den Terrorismus ist", sagte er.

Zugleich machte er dem Westen Vorwürfe: "Unsere Geheimdienste arbeiten zusammen. Wir haben euch in den letzten Jahren viel geholfen. Also warum hilft uns nun im Gegenzug niemand, wenn wir hier in Libyen gegen Terrorismus kämpfen?", zitiert die Zeitung den Diktator.

Während es in der Hauptstadt Tripolis in den vergangenen Tagen vergleichsweise ruhig war, war dort am Sonntagmorgen schweres Maschinengewehrfeuer zu hören, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AP. Unklar sei aber, wer geschossen habe. Die Salven seien auch nahe Gaddafis Residenz zu hören gewesen. Es ist aber nicht klar, wo der Staatschef sich aufhält. Tripolis ist unter Kontrolle seiner Truppen.

Ein Regierungssprecher sagte, bei den Schüssen handele es sich um Freudensalven. Der US-Fernsehsender CNN spielte Aufnahmen des libyschen Staatsfernsehens ein, die feiernde Gaddafi-Anhänger mit grünen Fahnen und Plakaten des Staatschefs auf dem Grünen Platz im Zentrum der Hauptstadt zeigten. Ob die Aufnahmen live waren, blieb zunächst unklar.

Beobachter befürchteten, dass die Kämpfe noch Wochen oder Monate andauern und das Land in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. Der von den Regimegegnern gebildete Nationalrat forderte die internationale Gemeinschaft auf, mit einer Flugverbotszone Gaddafi daran zu hindern, "sein eigenes Volk zu bombardieren". Ein Eingreifen ausländischer Truppen auf libyschem Boden wurde hingegen strikt abgelehnt.

China holte fast 36.00 Menschen aus Libyen

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind bisher mehr als 191.000 Menschen vor den Kämpfen zwischen den Truppen Gaddafis und Regierungsgegnern außer Landes geflohen. Zudem seien rund zehntausend Menschen derzeit auf dem Weg zur ägyptischen Grenze. Die Bundeswehr hat über 400 aus Libyen geflohene Ägypter aus Tunesien abgeholt. Drei Schiffe der deutschen Marinesind auf dem Weg in die ägyptische Hafenstadt Alexandria.

China hat in Libyen nach amtlichen Angaben die größte Evakuierungsaktion in der Geschichte der Volksrepublik durchgeführt. Das Land holte demnach mit Flugzeugen und Schiffen fast 36.000 Bürger nach Hause.

mmq/Reuters/AFP/dapd/dpa/AP



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
recardo, 06.03.2011
1. .
Zitat von sysopDie Lage in Libyen ist chaotisch: Aufständische und Regierungstreue liefern sich erbitterte Kämpfe um strategisch wichtige Städte. Laut Anwohnern halten die Rebellen dagegen, doch Gaddafi lässt Luftangriffe fliegen und über das Fernsehen angebliche Erfolgsmeldungen verbreiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749311,00.html
Wenn man bedenkt, wieviel Probleme Amerikaner im Irak und Afghaninstan mit Aufständischen hatten, trotz besserer Ausstattung, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass der Krieg für Gaddafi gewinnbar sein wird. Ich weisse es natürlich nichts; aber ein Bürgerkrieg, zu dem es wohl kommen wird, wird sehr blutig werden. Können wir helfen, ich habe Zweifel, denn es gibt im ganzen arabischen Raum eine Ablehnung zum "Westen", wirkliche Freunde haben wir dort nicht.
Zwergnase, 06.03.2011
2. -
Zitat von recardoWenn man bedenkt, wieviel Probleme Amerikaner im Irak und Afghaninstan mit Aufständischen hatten, trotz besserer Ausstattung, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass der Krieg für Gaddafi gewinnbar sein wird. Ich weisse es natürlich nichts; aber ein Bürgerkrieg, zu dem es wohl kommen wird, wird sehr blutig werden. Können wir helfen, ich habe Zweifel, denn es gibt im ganzen arabischen Raum eine Ablehnung zum "Westen", wirkliche Freunde haben wir dort nicht.
Freunde auf Zeit kann man kaufen. Und dann noch ein schönes Erinnerungsfoto, wie hier Brzezinski und Osama ... http://derhonigmannsagt.files.wordpress.com/2010/05/brzezinski-mit-osama-bin-laden.jpg
intenso1 06.03.2011
3. Zweifel...
Zitat von sysopDie Lage in Libyen ist chaotisch: Aufständische und Regierungstreue liefern sich erbitterte Kämpfe um strategisch wichtige Städte. Laut Anwohnern halten die Rebellen dagegen, doch Gaddafi lässt Luftangriffe fliegen und über das Fernsehen angebliche Erfolgsmeldungen verbreiten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,749311,00.html
Das Gaddafi durchgeknallt ist, ist ja wohl unbestreitbar aber mit den Aufständischen ist es auch so eine Sache. Sind das Aufständische die Demokratie und Freiheit wollen oder sind es welche die die Interessen irgend welcher Clan verfolgen? Von Europa aus kann dieses sicherlich keiner so richtig einschätzen und beurteilen. Jedenfalls sollten wir uns davor hüten militärisch dort einzugreifen, der Irak und Afghanistan sollten Warnung genug sein.
born47 06.03.2011
4. Last Bilder sprechen
Die Leichen der 6.000 Toten von voriger Woche und die Leichen der tausend Toten seit der Offensive der staatstreuen Militärs dürfen natürlich nicht mit Bildern dokumentiert werden. Die gibt es einfach, das müssen Sie schon glauben, es hat zu reichen wenn wir Ihnen einen Verwundeten zeigen aus dem Kampfgebiet mit hunderten von Zuschauer die man auch an deutschen Autobahnen bei Unfällen trifft.
born47 06.03.2011
5. Und wer sieht darin das libysche Volk?
Alle Augenzeugen berichten in Wort und Bild von marodierenden bewaffneten Jugendlichen die Flüchtlinge ausrauben, Geschäfte plündern und Brände legen.Irgendwie machen mir die Bilder der friedlichen Demonstranten in Libyen Angst. Bei uns nennt man eigentlich solche Bewaffnete Terroristen, wohl aber nur dann wenn sie nicht unseren Interessen entsprechen, also das Öl für das der sogenannte Westen über Leichen geht und sich die UNO prostituiert.Allerdings befinden sich nach inoffiziellen Angaben in Libyen einige Hunderte US- und französische Soldaten aus Sondereinheiten, die die libyschen Oppositionellen zu Terroristen ausbilden. Und wer sieht darin das libysche Volk?
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