Kampf um Misurata Gaddafis Brigaden nehmen Stadtzentrum unter Feuer

Die Hoffnungen auf einen Waffenstillstand im gepeinigten Misurata sind zerstört. Die Truppen des libyschen Diktators Gaddafi nehmen die Rebellenhochburg erneut unter schweren Beschuss - die Bombardements treffen das Zentrum und Wohngebiete der Stadt.

AP

Misurata - Am frühen Morgen holte der Diktator zum Gegenschlag aus: Die Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi haben nach Rebellenangaben die Hafenstadt Misurata angegriffen - und schwer getroffen. "Gaddafis Brigaden haben in den frühen Morgenstunden mit Bombardierungen der Stadt begonnen", sagte ein Rebellensprecher der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntagmittag.

Das Feuer durch die Regierungstruppen dauerte zu diesem Zeitpunkt noch an. "Sie zielen auf das Stadtzentrum, vor allem auf die Tripolis-Straße, sowie drei Wohngebiete", sagte der Rebellensprecher am Telefon. "Die Situation ist sehr gefährlich." Angaben zu Opfern machte er keine. Es seien Nato-Flugzeuge über der Stadt zu sehen, allerdings gebe es keine Anzeichen für Kampfeinsätze.

Erst am Samstag hatten sich die Regierungstruppen aus Misurata zurückgezogen und die Rebellen die Eroberung der drittgrößten libyschen Stadt erklärt. "Misurata ist frei, die Rebellen haben gewonnen", hatte ein Sprecher der Aufständischen verkündet. Die Gaddafi-Truppen seien auf der Flucht, hieß es. Gefangengenommene Soldaten berichteten, ihnen sei der Rückzug aus Misurata befohlen worden.

Der stellvertretende Außenminister Chaled Kaim hatte diese Darstellung jedoch umgehend zurückgewiesen: Die Regierungssoldaten hätten sich nicht zurückgezogen, sondern lediglich die Kämpfe unterbrochen. Stammesführer verhandelten mit den Rebellen, um sie dazu zu bringen, innerhalb von 48 Stunden ihre Waffen niederzulegen. Sollten die Verhandlungen scheitern, könnten die Stammesherrscher unter Umständen bewaffnete Truppen zur Unterstützung des Regimes in die Stadt schicken, so Kaim.

Mehr als einen Monat nach Beginn der westlichen Luftangriffe gibt es somit keine Anzeichen dafür, dass die Aufständischen Gaddafi und seine Truppen vertreiben können.

Schwere Gefechte schon am Samstag

Seit rund sieben Wochen liefern sich die Soldaten des libyschen Machthabers in Misurata zermürbende Kämpfe mit den Rebellen. Die rund 200 Kilometer von Tripolis entfernt gelegene Hafenstadt galt lange als Symbol für den aussichtslos scheinenden Kampf der Aufständischen im Westen des Landes. Die Regierung räumte ein, dass die Luftangriffe der Nato die Kämpfe entscheidend beeinflusst hätten - ingesamt gesehen kann sich bislang jedoch keine Seite entscheidend durchsetzen.

Schon am Samstag, nach der Siegeserklärung der Rebellen, hatte es erneut schwere Gefechte gegeben. Der arabische Sender al-Dschasira berichtete von Kämpfen um ein Krankenhaus im Westen Misuratas, das die Regierungssoldaten als Basislager nutzen.

Bewohner berichteten von schweren Gefechten, heftigem Granatenfeuer und zahlreichen Explosionen im Osten und Süden von Misurata. Nach Angaben von Ärzten war der Samstag einer der blutigsten Tage seit Wochen. Mindestens 24 Menschen seien bei den Kämpfen getötet worden, hieß es aus einem Krankenhaus der Stadt. Weitere 75 seien verletzt worden, viele davon schwer.

In der Stadt wurde nach Angaben von Rettungskräften auch ein französischer Journalist schwer verletzt. Er sei von einem Querschläger am Hals getroffen und anschließend operiert worden. Nach dem Eingriff schwebte er demnach nicht mehr in Lebensgefahr.

Nach Angaben von Kollegen handelte es sich um einen Blogger, der für ein "alternatives Medium" arbeitete. Er habe sich gerade auf den Weg gemacht, um eine Dusche zu nehmen, als er verwundet worden sei, sagten sie. Weitere Details über die Identität des Mannes nannten sie nicht.

Flüchtlinge aus Misurata erreichen Bengasi

Mehr als 1400 Flüchtlinge aus Misurata trafen am Sonntag an Bord zweier Schiffe in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi ein. Bei den Evakuierten handelt es sich nach Angaben des Roten Kreuzes vor allem um ausländische Arbeiter. Manche von ihnen hätten vier bis fünf Wochen in notdürftigen Lagern am Hafen der heftig umkämpften Stadt im Westen des Landes verbracht, sagte Javier Cepero vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes.

Derzeit seien noch zwischen 2000 und 3000 Menschen im Hafengebiet Misuratas und warteten auf ihre Evakuierung, sagte Cepero. Das Internationale Rote Kreuz versuche, die Menschen mit Lebensmitteln und Medizin zu versorgen. Aufgrund der Kämpfe sei dies aber schwierig.

Die Nato setzte ihre Luftangriffe auf Gaddafis Truppen in der Nacht zum Sonntag fort. Die Hauptstadt Tripolis wurde Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP zufolge seit dem Abend von mehreren schweren Explosionen erschüttert.

Samstagnachmittag war erstmals eine US-Kampfdrohne eingesetzt worden. Das unbemannte Fluggerät vom Typ "Predator" hatte laut US-Verteidigungsministerium in der Gegend von Misurata einen Raketenwerfer zerstört, mit dem Gaddafis Soldaten auf Zivilpersonen geschossen hätten.

pad/siu/Reuters/dpa

insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
Koltschak 24.04.2011
1. Böse böse böse Menschen, gestern schrieb noch ein großes Magazin,
diese bösen, bösen, bösen Menschen würden sich aus Misurata zurückziehen. Und jetzt das! Es ist kein Verlass mehr auf die Kämpfer, egal welcher Seite. Ich hoffe trotzdem dass die NATO nicht mit Bodentruppen eingreift. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
moscow_online 24.04.2011
2. :-)
Zitat von Koltschakdiese bösen, bösen, bösen Menschen würden sich aus Misurata zurückziehen. Und jetzt das! Es ist kein Verlass mehr auf die Kämpfer, egal welcher Seite. Ich hoffe trotzdem dass die NATO nicht mit Bodentruppen eingreift. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
Das hoffe ich auch......:-)
Atomfritz 24.04.2011
3. Wenn eine Seite einen Waffenstillstand erklärt...
...und die andere Seite das zum Anlaß nimmt, erst richtig loszuballern, dann muß die eine Seite sich ja wohl irgendwie wehren. Oder wird hier etwa im Ernst erwartet, daß man sich abschlachten läßt, ohne Gegenwehr zu leisten?
burninghands, 24.04.2011
4. Völkerrecht?
Nach dem Völkerrecht gilt das Nichteinmischungsprinzip in innere Angelegenheiten. Ich möchte mal sehen, wie die Bundesregierung sich verhalten würde, wenn irgendein Bundesland plötzlich seine Autonomie erklärt, eine Zentralbank gründet, diplomatische Beziehungen aufnimmt. Das ist wohl in keinem Land anders. Insofern ist es augenscheinlich, daß hier hier Argumente an den Haaren herbeigezogen werden, um die militärische Intervention des Westens zu rechtfertigen. Damit dürften alle Toten und alle anderen "Kollateralschäden" auf das Konto der kriegstreibenden Parteien England, Frankreich und Amerika gehen.
Bruder Theodor 24.04.2011
5. .
Zitat von Koltschakdiese bösen, bösen, bösen Menschen würden sich aus Misurata zurückziehen. Und jetzt das! Es ist kein Verlass mehr auf die Kämpfer, egal welcher Seite. Ich hoffe trotzdem dass die NATO nicht mit Bodentruppen eingreift. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
NEC SPE NEC METU - ohne Hoffnung, ohne Furcht. Die Tabus fallen. Wenn sich die Lage so sehr festzurrt wie in einem Ersten Weltkrieg, muß zwangsläufig bald ein Waffenstillstand erwirkt werden. Warum nicht Bodentruppen? Warum nicht wie im Kosovo? Schutzzonen.
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