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Kampf um Nigerias Öl: "Verlasst unser Land oder ihr werdet hier sterben"

Von Christoph Trost

Im Nigerdelta, Nigerias wichtigstem Erdölfördergebiet, herrscht seit Jahren ein blutiger Konflikt. Meist in Armut lebende Volksgruppen verlangen einen gerechten Anteil am Ölreichtum des Landes. Rebellen drohen mit weiteren Angriffen.

Hamburg - In vier Schnellboten rauschen die Täter heran. Sie entern die Ölplattform, demolieren mehrere Unterkünfte, zerstören technische Einrichtungen und richten ein Blutbad unter den Arbeitern an. Mehrere Menschen kommen bei dem Angriff ums Leben.

Ölförderung am Niger: "Keine Straßen, keine Schulen und Krankenhäuser"
REUTERS

Ölförderung am Niger: "Keine Straßen, keine Schulen und Krankenhäuser"

Blutige Überfälle wie dieser am vergangenen Sonntag gehören im Nigerdelta, Nigerias wichtigstem Ölfördergebiet, seit Jahren zur traurigen Realität. Bewaffnete Kämpfe, Schusswechsel und Entführungen von Ölarbeitern sind keine Seltenheit, ebenso wie Anschläge auf Pipelines, Diebstähle und Sabotageakte. Immer wieder spitzte sich die Lage in den vergangenen Jahren dramatisch zu, immer wieder mussten Ölkonzerne ihre Produktion drosseln oder Mitarbeiter aus der Region abziehen. Auch jetzt mussten Hunderte Beschäftigte von ihren Arbeitgebern in Sicherheit gebracht werden - während die Rebellen bereits mit neuen Angriffen auf die Ölindustrie drohten. Zudem befinden sich derzeit mehrere Ölarbeiter in der Gewalt von Kidnappern.

Die Auswirkungen des Konflikts um Nigerias Öl sind unterdessen weltweit zu spüren: Wegen der politischen Spannungen im Atomstreit mit Iran, aber auch wegen der Vorfälle in dem westafrikanischen Land schnellte der Ölpreis inzwischen auf das höchste Niveau seit Monaten. Um bis zu zehn Prozent musste die Produktion in Nigeria zeitweise gedrosselt werden.

Normalerweise werden im Nigerdelta täglich rund 2,4 Millionen Barrel Rohöl gefördert - das entspricht fast der gesamten Produktion des Landes. Nigeria ist damit siebtgrößter Ölexporteur der Welt und einer der Hauptlieferanten der USA. Wegen seines niedrigen Schwefelgehalts ist das Öl des größten afrikanischen Produzenten zudem besonders gefragt. Rund 95 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes stammen aus der Ölproduktion des Südens - und machen das Nigerdelta für die Regierung in Abuja somit zu einer Art finanziellen Achillesferse.

"Da hat sich eine riesige Wut aufgestaut"

Die Hintergründe des Konflikts um Nigerias "schwarzes Gold" sind vielfältig und komplex. Weder sind die Täter ausschließlich politisch motiviert, noch sind es einfache Kriminelle. "Es gibt eine Mixtur von Gründen für diesen Konflikt", erklärt Matthias Basedau vom Institut für Afrika-Kunde in Hamburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ein Grund ist die jahrzehntelange Benachteiligung der Region: Über Generationen hinweg wurde das Gebiet um die Stadt Port Harcourt von den nigerianischen Militärs ausgeplündert. Doch auch unter der Präsidentschaft von Olusegun Obasanjo sieht die einheimische Bevölkerung - trotz immer weiter gestiegener Fördermengen - nicht viel vom Reichtum ihres Bodens. Jahrelang kämpften die Bewohner für mehr Selbstständigkeit und mehr Rechte - vergebens. Wiederholt versprach die Regierung des bevölkerungsreichsten afrikanischen Staates eine gerechtere Verteilung der Einnahmen, hielt sich aber kaum daran.

"Da hat sich eine riesige Wut aufgestaut", sagt ein 53-jähriger Geschäftsmann aus Lagos, der nicht namentlich genannt werden will, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Auf dem Nigerdelta basiert der ganze Reichtum des Landes", betont er. Doch die Bevölkerung habe nichts davon - und müsse dabei noch unter der Ölindustrie leiden. "Die Umweltverschmutzung ist dramatisch, die Flüsse sind verseucht, und die Bevölkerung lebt in Armut", sagt der Nigerianer. "Es gibt keine Straßen, keine Schulen, keine Krankenhäuser." Einzelne soziale Projekte, die von der Regierung in Abuja oder den Ölkonzernen angestoßen worden seien, seien lediglich ein "Tropfen auf den heißen Stein". Die Korruption tut ihr Übriges. "Es kommt wenig bei den Menschen an", bestätigt Afrika-Experte Basedau.

"Die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte der Bewohner des Nigerdeltas wurden weithin nicht respektiert", heiß es auch im Jahresbericht 2005 von Amnesty International. Basedau bekräftigt: "Die Region ist sehr arm, unterentwickelt und muss unter den ökologischen Folgen der Ölförderung leiden." Der Wissenschaftler verweist aber auch auf ethnische Probleme zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen im Nigerdelta. "Es gibt eine lange Tradition von Konflikten zwischen diesen Gruppen, und das Öl verstärkt diese noch", erklärt er. Immer wieder kamen in den vergangenen Jahren bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen zahllose Menschen ums Leben.

"Mit Entführungen lässt sich leicht Geld machen"

Aber auch kriminell motivierte Täter versuchen, Profit aus der angespannten Situation in der Region zu schlagen. Vor allem für Entführungen von Ölarbeitern sind nach Einschätzung von Experten oft kriminelle Banden verantwortlich. "Viele Leute haben erkannt, dass sich mit Entführungen leicht Geld machen lässt", sagt Basedau. Kriminelle und politische Motive ließen sich aber nicht immer trennen.

Hinzu kommt, dass die Rebellen im Nigerdelta der Zentralregierung in Abuja auch finanziell schaden wollen - gerade vor der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. "Wir sind hier längst im Wahlkampf", sagt ein Beobachter in Lagos. Die derzeitige Situation dürfte deshalb den Druck auf die Regierung erhöhen, den Kampf gegen die Rebellen noch weiter zu verstärken.

Amnesty International zufolge geht die Regierung allerdings längst mit teilweise brutaler Härte gegen die Rebellen vor. Bewohner des Nigerdeltas würden immer wieder Opfer schwerer Übergriffe durch nationale Sicherheitskräfte, heißt es in einem entsprechenden Bericht der Menschenrechtsorganisation. Die ohnehin angespannte Situation wird dadurch noch weiter verschärft.

Die Warnungen der Rebellen sind unterdessen eindeutig: "Ab dem 1. Februar 2006 werden wir aggressivere Taktiken gegen die Arbeiter der Ölfirmen und ihre Familien im Nigerdelta anwenden", teilte die "Bewegung zur Emanzipation des Nigerdeltas" in einer E-Mail mit. In der nächsten Zeit werde sie eine Reihe von Angriffen starten, um "allen Unternehmen zu beweisen, dass wir allein - eure Gastgeber - die Sicherheit garantieren können". Ziel sei, die Möglichkeiten der nigerianischen Regierung zum Ölexport völlig zu zerstören. Die Regierung werde weder die Ölplattformen noch die dort tätigen Arbeiter schützen können, warnte die Gruppe. "Verlasst unser Land oder ihr werdet hier sterben."

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