Kampf ums Weiße Haus Warum Amerikaner nie wählen, was sie wirklich wollen

Wähler in den USA sind widersprüchliche Wesen: Sie geben sich sozial - und sind doch geizig. Sie fühlen links - und wählen oft rechts. Da haben nur zwei Politikertypen Aussicht auf Erfolg: Republikaner, die Kreide fressen. Oder Demokraten, die sich selbst verleugnen.

Von Gabor Steingart


Washington - Bis zur nächsten Vorwahl der Demokraten im US-Vorwahlkampf, in Pennsylvania, sind es noch 22 Tage. Die Zeit kann sich der politische Beobachter auf zweierlei Art vertreiben.

Man hört entweder den Kandidaten und deren Beratern zu, wie sie einander beschimpfen. "Monster" (gemeint war Hillary Clinton) und "Judas" (gemeint war ein ehemaliger Clinton-Minister, der das Lager in Richtung Obama gewechselt hatte) sind die wohl schlimmsten Schlüsselworte dieser Debatte. Temperaturanstieg und Niveauabfall scheinen einander zu bedingen.

Qual der Vorwahl: Wenn Sehnsüchte den Überzeugungen widersprechen
REUTERS

Qual der Vorwahl: Wenn Sehnsüchte den Überzeugungen widersprechen

Bleibt also Möglichkeit zwei: Man belauscht das Volk, hört zu, wie es aus den Meinungsumfragen zu uns spricht. Zehntausendfach wurden die US-Bürger aller Rassen, Geschlechter, Altersgruppen und Einkommensklassen in den vergangenen Wochen nach ihren Stimmungen und politischen Vorlieben befragt.

Demnach ist Amerika nicht nur geteilt in Nord und Süd, schwarz und weiß, arm und reich. Die zwei Amerikas, die auf den Röntgenbildern der Demoskopen erscheinen, liegen im politischen Hirn des einzelnen Wählers dicht nebeneinander. Der Befund ist deutlich: Die Sehnsüchte der Bürger widersprechen ihren Grundüberzeugungen.

So empfindet die überwiegende Mehrheit der Amerikaner die soziale Ungerechtigkeit in ihrem Land als himmelschreiend, träumt von stabilen Brücken und einem Schulsystem, in dem nicht der Drogendealer die wichtigste Respektperson ist. Die politische Sehnsucht gilt, das lässt sich nicht bestreiten, der Überwindung dieser Missstände.

Augen verengen sich - wie die Schlitze eines Sparschweins

Dieselben Wähler aber gestatten es den Politikern nicht, ihnen diese Wünsche zu erfüllen.

Denn kaum geht es an die Umsetzung, weicht das Träumerische aus dem Blick und die Augen verengen sich. Sie sehen nun aus wie die Schlitze eines Sparschweins.

Keinen Cent zusätzlich!, lautet die einhellige Antwort, wenn es um die Steuerpolitik geht. Eine Mehrheit lehnt Bushs Finanzpolitik zwar rundweg ab, aber nur wenn sehr allgemein danach gefragt wird. Seine Steuersenkungspolitik im Besonderen aber stößt auf breite Zustimmung.

Sollen diese Steuersenkungen, die vor allem Gutverdienern insgesamt viele Milliarden gebracht haben, permanent bleiben? Ja!, sagt eine deutliche Mehrheit der Befragten. Sollen weitere Steuersenkungen folgen? Unbedingt!, sagen die Wähler. Ist es am Besten für die US-Wirtschaft, wenn diese Senkungen alle oder nur die mittleren und kleinen Einkommen einschließen? Steuersenkungen für alle!, sagen dann immerhin 30 Prozent.

Beim Thema Irak-Krieg die gleiche Doppelzüngigkeit: Die Mehrheit hält den Einmarsch im Irak für einen Fehler, glaubt aber, die USA seien heute sicherer als zuvor. Die Mehrheit der Bürger ist für Rückzug, ist sich aber sicher oder hält es für wahrscheinlich, dass die USA den Krieg vorher noch gewinnen.

Der Wähler leidet unter mulitipler Persönlichkeitsstörung

Die US-Wählerschaft leidet offenbar an dem, was Psychologen und Psychiater die multiple Persönlichkeitsstörung nennen. "Die Patienten bilden zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd die Kontrolle über ihr Verhalten übernehmen", heißt es in einem Lehrbuch.

Für die politischen Parteien ist dieser Typus Bürger eine Zumutung sondergleichen. Er will erst alles – und dann noch das Gegenteil. Es ist nicht ausgeschlossen, das er einen ganzen Wahlkampf lang sich dem Idealisten und ehemaligen Sozialarbeiter Barack Obama nahe fühlt, um am Wahltag mit dem Vietnam-Veteran John McCain zu entschwinden.

Das Volk wählt zuweilen anders, als es fühlt.

Wenn die Demokraten die Partei der Sehnsüchte sind, treten die Republikaner als Partei der Prinzipien vors Publikum. Wenn er mit seinem Sohn eine Coca-Cola kaufe, wolle er nicht erst die Zutatenliste studieren, sagte kürzlich der Redner einer konservativen Großveranstaltung. Eine Cola sei eine Cola, darauf müsse man sich verlassen können.

Wer die Republikaner wähle, fuhr er fort, müsse sich darauf verlassen können, dass danach die Steuerlast schwindet: "Eine Steuererhöhung wirkt für uns Republikaner wie ein Rattenkopf in der Cola."

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat daraus bereits seine Schlussfolgerung gezogen und befürwortet nun eine Steuersenkungspolitik, die er einst abgelehnt hatte. Er bedauert die Opfer der Immobilienkrise, erinnert aber zugleich die Häuserbauer an ihre Eigenverantwortung: Immerhin 50 Millionen der 80 Millionen Hausbesitzer würden einen Zweitjob annehmen, Urlaube ausfallen lassen und ihre Ausgaben besser managen, um ihre Raten rechtzeitig zahlen zu können. Das kommt an, wenn auch nicht bei den Betroffenen.

Hartgesottene Ideologen haben keine Chance

Aber noch ist es so und nicht anders: McCain spricht von vier Millionen Hypotheken, die im Zuge der Immobilienkrise nicht rechtzeitig bedient werden können. Demnach haben 76 Millionen der 80 Millionen Besitzer ihr Haus relativ solide finanziert.

47 Millionen Amerikaner sind nicht krankenversichert. Aber das heißt im Umkehrschluss: 250 Millionen schon - wenn auch viele nur notdürftig.

Was für ein krasser Unterschied zum europäischen Denken. Bei neuen Leistungen aus der Staatskasse denkt der typische Europäer: Ich bekomme etwas ab. Der Durchschnittsamerikaner aber denkt: Ich muss etwas geben.

Zu dem einen Prozent der Reichen zählen sich 17 Prozent der Amerikaner.

Am Wahltag spätestens muss sich der Wähler entscheiden, sollte man meinen. Aber auch das stimmt so nicht. Denn gewählt wird zwar nur ein Kandidat, aber einer, der beide Persönlichkeiten in sich vereint. Sehnsucht und Grundüberzeugung sollten idealerweise in ihm verschmelzen, weshalb der warmherzige Idealist genauso wenig Chancen besitzt wie der hartgesottenene rechte Ideologe.

Nur Linke und Rechte wählen, was sie wollen

Deshalb halten die Berater für ihre jeweiligen Präsidentschaftskandidaten grundsätzlich eine Packung Kreide bereit. George W. Bush gab sich im Wahlkampf als "mitfühlender Konservativer" aus; sein Vorgänger im Weißen Haus, Bill Clinton, behauptete, er sei ein "neuer Demokrat".

Nicht alle US-Wähler sind in ihrer Persönlichkeit gestört, das sollte nicht verschwiegen werden. Eine jetzt vorgelegte Studie von Arthur Brooks zum Gemütszustand der Nation fand heraus, dass zumindest an den Rändern des politischen Spektrums, bei Linken und Rechten, Wünsche und Grundüberzeugungen aufs Schönste harmonieren. Nirgendwo sonst im politischen Orbit sei man derart innig mit sich selbst versöhnt.

Der Linke hat kostspielige Wünsche und scheut sich nicht, nach dem starken Staat zu rufen. Die Rechte will mehr persönliche Freiheit und wünscht sich nichts sehnlicher als den Rumpfstaat.

Beide Randgruppen leben in Einklang mit sich selbst, weil Mittel und Ziel im Einklang stehen. Der Selbstzweifel fehlt ihnen.

Extremisten, so scheint es, sind glücklicher.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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TheBlind, 01.04.2008
1. Kaum Unterschiede !
Wir in Deutschland sind im Grunde auch nicht besser oder anders, verlangen auch gute und saubere Strassen, eine funktionierende Behoerde, ein soziale Schulwesen und ein Krankensystem was auch funktioniert. Bezahlen wills aber keiner. Da wird schnell nach dem schlanken Staat gerufen. Unser politisches System ist seit Jahrzehnten identisch, wir Waehler duerfen nur die Farbkombination aussuchen. Daher auch in der Hinsicht nicht soviel anders als bei den Amis. Oder wie es unser heiss geliebter Altkanzler schon sagte (wahrscheinlich das einzig Brachbare von ihn) "Entscheidend ist, was hinten rauskommt." Und das ist immer das Gleiche :->
RichardMcDuf 01.04.2008
2. Wo ist der Unterschied zu Deutschland?
Machen wir doch auch nicht anders! War ja schließlich der Ur-Deutsche Faust, der sagte: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" Beispiele: In der Energiepolitik: Hohe Energiepreise sind der große Aufreger - aber wir wollen mehr (teure) erneuerbare Energien. In der Sozialpolitik: Wir wollen mehr Arbeitsplätze - und gleichzeitig etliche Maßnahmen, die in Summe zur Arbeitsplatzverlagerung führen (Mindestlohn, Kündigungsschutz, Rentenerhöhung). Im Wahlverhalten: Die Hessen wollten offensichtlich Roland Koch loswerden - wählen aber die Linkspartei, und die CDU wird wieder zur stärksten Partei. Man muss nicht immer bei den Amis irgendwas als komisch herausstellen, was wir selber nicht besser machen!
joki81 01.04.2008
3. Schön wärs, wenn nur Amerikaner unter dieser Schizophrenie litten
Der Artikel scheint mir vielmehr das allgemeingültige Phänomen zu beschreiben, dass Wähler gerne Wohltaten sehen, solange sie nur nichts dafür zahlen müssen. Zugegebenerweise ist das in Amerika noch deutlich ausgeprägter als in Deutschland, und zwar durch das Mehrheitswahlrecht. Dieses bewirkt, dass die Partei, welche die Wählerschaft besser verschaukelt bekommt, alleine für vier Jahre die Macht erhält. Bei einem Verhältniswahlrecht muss in der Regel zumindest eine Koalition her, was meiner Meinung nach die Beliebigkeit nach der Wahl zumindest etwas reduziert. Doch auch in Deutschland gibt es das Gerangel um die sogenannte "Mitte", was nichts anderes ist, als der Wählerschaft so viel wie möglich zu versprechen und dabei so vage zu bleiben, wie es gerade noch geht.
vdh 01.04.2008
4. Steingart back to Berlin, please...
Gabor Steingarts Artikel triefen vor Langeweile - seiner Langeweile. Seit er in den USA weilt, hat er nichts mehr zu bekämpfen; kein Schröder lässt seinen Kamm anschwellen, kein Merkel verdrießt ihm die Laune. Bitte, bitte, liebe SPIEGEL-Chefredakteure, holt Steingart aus seiner Verbannung nach Berlin zurück. Denn dort gibt es viel zu tun - und er könnte es anpacken. Amerika versinkt auch ohne ihn im Sumpf der Selbstgerechtigkeit.
Bernd Paysan 01.04.2008
5. Demokratie ist halt auch Blödsinn
Jedes bisher angedachte politische System hat sich als nicht verwirklichbare Utopie herausgestellt. Als System, das die Dummheit der Menschen nicht mit einkalkuliert. Manche Systeme, wie der Konfuzianismus, versuchen wenigstens, die Schicht unterhalb des Herrschers (also Beamte und Minister) durch eine strenge Ausbildung und Auswahl in den Griff zu kriegen, und damit das Schlimmste zu verhindern. Auch die Demokratie versucht das Schlimmste zu verhindern, indem man die Amtszeit begrenzt und Alternativen zur Wahl stellt - zu schlecht kann das dann gar nicht werden. Denkt man, aber einige der schlechtesten Regierungen aller Zeiten sind zumindest demokratisch gewählt worden. Zudem gibt es in jedem System Tendenzen, die eigentlichen Absichten zu umgehen. Wahlen kann man manipulieren, Kandidaten kann man geeignet vorauswählen (ob durch Verbot wie im Iran oder durch die Geldströme wie in den USA), und natürlich hatten auch die Konfuzianer ständig mit manipulierten Prüfungen zu kämpfen. Letztlich ist es in den USA fast egal, wer zum Präsident gewählt wird. Die wahre Macht liegt ohnehin bei denen, die das Geld haben (oft genug kandidieren die dann der Einfachheit halber gleich selbst). Da braucht man sich dann auch nicht wundern, dass 17% der Amerikaner sich zu dem reichsten einen Prozent zählen - die tatsächlich Reichen sorgen schon dafür. Die ganzen Kämpfe gibt's nur, weil sich die Reichen selbst nicht einig sind, und weil das Volk die Show braucht, um zu glauben, es gäbe so etwas wie Demokratie. Diese Illusion nützt dem bestehenden Machtgefüge, kein Wunder also, dass der beste Verkäufer dieser Illusion, Obama, derzeit auch das meiste Geld einsammelt.
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