Kampfjets für Indien: Merkel schreibt Werbebrief für Eurofighter

Von , Islamabad

Indien will 126 Kampfjets anschaffen, es wäre einer der größten Rüstungskäufe aller Zeiten. Seit Jahren umwerben Hersteller die Regierung in Neu-Delhi. Zwei Bieter aus Europa sind noch im Rennen, doch nun droht das Geschäft zu platzen. Kanzlerin Merkel versucht, den Deal noch zu retten. 

Kampfjets für Indien: Der Eurofighter und seine Konkurrenten Fotos
DPA

Wer erhält den Zuschlag im größten Waffengeschäft der jüngsten Geschichte? Indiens Luftwaffe soll neue Kampfjets bekommen, insgesamt 126 Stück. Der Preis: rund zehn Milliarden Dollar. Mit gigantischem Aufwand haben sechs Hersteller die indische Regierung in Neu-Delhi umworben. Sie haben Büros in Indien eröffnet, an Flugshows teilgenommen und Maschinen zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Zwei Unternehmen sind noch im Rennen: das Eurofighter-Konsortium und der französische Rüstungskonzern Dassault.

Die Entscheidung soll "in Kürze" fallen, heißt es im Verteidigungsministerium in Neu-Delhi.

Um die Inder für den Eurofighter zu begeistern, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nun die Vorzüge des Flugzeugs in einem Brief an Premierminister Manmohan Singh gepriesen. In dem vertraulichen Schreiben, das auch von den Regierungschefs Großbritanniens, Spaniens und Italiens mitgetragen wird, heißt es, der Eurofighter sei ein "exzellentes Flugzeug, das für sich selbst steht". Mit Vertragsabschluss wäre Indien "fünftes Partnerland" beim Eurofighter, wird die indische Regierung umschmeichelt. Nach Angaben der Zeitung "Indian Express" wurde der Brief kurz vor Weihnachten übermittelt.

Eine Regierungssprecherin in Berlin bestätigte die Existenz eines solchen Briefes. Merkel habe darin "auf die Chancen für eine vertiefte technologische und wirtschaftliche Partnerschaft mit vier Ländern der Europäischen Union hingewiesen, die sich aus einer möglichen indischen Entscheidung für den Kauf von Flugzeugen des Eurofighter-Konsortiums ergeben".

Die Kanzlerin hat bereits bei ihrem Besuch in Indien im Mai 2011 für den Eurofighter geworben. Auch der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war zu einer Flugschau ins südindische Bangalore gereist, eigens um für den Eurofighter zu werben. Die große Konkurrenz aus Amerika hatte schon im Jahr zuvor ihren mächtigsten Fürsprecher vorgeschickt: US-Präsident Barack Obama hatte sich bei seiner Visite in Neu-Delhi für ein Geschäft mit Boeing oder Lockheed eingesetzt.

Eurofighter und "Rafale" sind den Indern zu teuer

Seit der Ausschreibung im Jahr 2007 haben indische Testpiloten Jets der beiden US-Konzerne Boeing und Lockheed Martin getestet, außerdem vom schwedischen Hersteller Saab, die russische MiG-35, den Eurofighter "Typhoon" und das Modell "Rafale" von Dassault. Die Maschinen wurden der Hitze der Thar-Wüste und den eisigen Bedingungen des Himalayas ausgesetzt. "Zunächst ging es ausschließlich darum zu prüfen, welche Maschinen unseren technischen Ansprüchen genügen", sagt ein indischer Luftwaffenoffizier. "Kosten oder politische Erwägungen sollten keine Rolle spielen."

Schließlich wurden nur das Eurofighter-Konsortium und Dassault aufgefordert, die Geltungsfrist ihrer Angebote über den 28. April 2011 hinaus zu verlängern. Seither warten die Vertreter beider Unternehmen auf die Nachricht, wer den Zuschlag erhält. Im November erklärte Luftwaffenchef Norman Anil Kumar Browne noch, die Regierung werde Mitte Dezember bekannt geben, welches Flugzeug sie kaufe. Doch nichts geschah.

Offiziell heißt es nun im indischen Verteidigungsministerium, man rechne mit einer Entscheidung "noch in der ersten Januarwoche". Doch auf Nachfrage sagt ein Sprecher, man könne "keinen Zeitplan garantieren", sondern müsse davon ausgehen, "dass der Prozess länger dauern wird als erwartet". Grund für die Verzögerung sei, dass man noch Technologietransfer, Wartungs-, Reparatur- und Betriebskosten sowie den Kaufpreis bewerten müsse. "Es gibt noch Berge an Akten, die durchgearbeitet werden müssen."

Tatsächlich sickert durch, dass die beiden Maschinen in der engeren Auswahl zu teuer sind. Favorit, sagt ein hochrangiger Offizier im Ministerium, sei zwar der Eurofighter, "obwohl der noch teurer ist als das Angebot von Dassault". Aber mit Betriebskosten von mehr als 70.000 Euro pro Flugstunde sei er "weit über der Grenze des Akzeptablen". Müsste man sich jetzt für eine der beiden Maschinen entscheiden, würde der Eurofighter aus rein politischen Gründen das Rennen machen: "Wenn wir ihn kaufen, machen wie vier europäische Nationen glücklich", sagt der Offizier. "Entscheiden wir uns für Dassault, freuen sich nur die Franzosen."

Amerikaner und Russen machen sich wieder Hoffnungen

Beobachter deuten die Informationen aus Neu-Delhi schon als Scheitern des Deals. Womöglich könnte das Geschäft neu ausgeschrieben werden. Inzwischen machen sich Amerikaner und Russen wieder Hoffnungen. Laut Konstantin Makijenko, Vizedirektor des Zentrums für Strategie- und Technologieanalysen, habe Russland nun doch eine Chance, den Indern die MiG-35 zu verkaufen. Noch sei kein Vertrag unterzeichnet. "Die Entscheidung über die Wahl des Siegers wird ständig aufgeschoben", sagte Makijenko der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti.

Boeing und Lockheed Martin teilten zu dem Deal in Indien lediglich knapp mit, man warte die Sache ab.

Sollte ein Vertragsabschluss platzen und der Vertrag neu ausgeschrieben werden, hätten die vorerst ausgeschiedenen Bieter wieder Chancen auf den Zuschlag:

  • die Amerikaner, weil Indien seine Partnerschaft mit den USA ausbaut;
  • die Schweden, weil sie das günstigste Angebot vorgelegt hatten;
  • die Russen, weil sie bislang wichtigster Rüstungspartner Indiens waren.

Für das Eurofighter-Konsortium wäre es ein weiterer herber Rückschlag. Erst im Dezember hatten die Japaner entschieden, statt des Eurofighters ein Modell von Lockheed Martin anzuschaffen. Schon jetzt mussten beteiligte Firmen Mitarbeiter entlassen und die Produktion drosseln, weil die Großbestellung aus Indien auf sich warten lässt. Zudem hat das Konsortium bereits Millionensummen im Bieterverfahren ausgegeben. Allein der Werbeflug von drei Eurofightern auf der Luftfahrtmesse Aero India 2009 kostete 7,1 Millionen Euro - den größten Teil davon bezahlten die europäischen Steuerzahler. Zudem hatten die Europäer weitgehende Zugeständnisse an die Inder gemacht: Sie versprachen, dass ein Großteil der Maschinen in Indien gebaut werde.

Dassault war überhaupt nur noch im Rennen, weil Paris in Neu-Delhi politisch interveniert hatte. Die Franzosen waren ursprünglich ausgeschieden, angeblich wegen eines schlampigen Angebots. Zudem ist das Modell "Rafale" - auf Deutsch: Windstoß - nicht gerade ein Verkaufsschlager: Außer der französischen Luftwaffe hat kein anderes Land diese Maschine in seiner Flotte. Trotzdem lässt der 86-jährige Konzernchef Serge Dassault die Öffentlichkeit wissen, er habe "das beste Flugzeug der Welt".

Grund für den hohen Preis sei lediglich der Euro, dessen Abwertung er verlangt.

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1.
hador2 02.01.2012
Zitat von SPONZudem ist das Modell Rafale - auf Deutsch: Windstoß - nicht gerade ein Verkaufsschlager: Außer der französischen Luftwaffe hat kein anderes Land diese Maschine in seiner Flotte.
Naja, der Eurofighter ist nun auch nicht gerade ein Exportschlager. Ausser den 4 Konsortiumsländern haben gerade mal Österreich und Saudi-Arabien den Eurofighter im Einsatz und den Saudis ist man ebenfalls extrem entgegengekommen.
2. Sehr verlässlich diese Dame!
ZiehblankButzemann 02.01.2012
Ich habe immer gewußt, daß wenn unsere Ostsee-Strandhaubitze Modell "Merkel-Elfe" an forderster Front agiert, keinem um unsere Zukunft Bange sein muß und an die Inder wird auch noch gedacht. Ist das nicht goldig. Wenn der Euro zusammenbricht heißt das Jagd-Flugzeug dann zukünftig Globo-Fighter oder doch eher Dixie-Klofighter. Im Gegenzug könnten wir doch ein paar indische Taxifahrer einstellen, wäre doch auf jedenfall eine nette Geste.
3. Arme Indi kein Infrastrukture aber Kampf-Jet
La La La 02.01.2012
"ein indischer Luftwaffenoffizier. "Kosten oder politische Erwägungen sollten keine Rolle spielen." " Indien hat genug Geld um 126 Kampf-Jet zu kaufen, aber kein Geld um Infrastruktur aufzubauen! Warum!
4. Gratulation
dakine 02.01.2012
ich gratuliere SPON zu einem Artikel der aus Defenseindustrydaily, Wikipedia und einige jüngeren Blogeinträgen zusammengeschustert wurde. Der geneigte leser würde gerne mehr zu den Hintergründen erfahren bzw. eine Stellungnahme von Eads lesen, wie die sich den strengen Offset ("Technologietransfer") vorstellen (angeblich über 30%). Naja, wenigstens wird das Thema überhaupt abgedeckt. Anderen medien ist das ganze Verfahren bisher nicht mal eine Notiz wert gewesen...
5. Gerade deshalb!
ZiehblankButzemann 02.01.2012
Zitat von La La La"ein indischer Luftwaffenoffizier. "Kosten oder politische Erwägungen sollten keine Rolle spielen." " Indien hat genug Geld um 126 Kampf-Jet zu kaufen, aber kein Geld um Infrastruktur aufzubauen! Warum!
Warum sollte man Strassen bauen wenn man doch so schön schnell fliegen kann. Der Urzeit-Drohne, Karlsson vom Dach, waren Straßen und Wege auch immer schnuppe solange ihm der Kuchen und Bonbon-Treibstoff nicht ausgegangen ist.
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Fotostrecke
Guttenberg in Indien: Werbefeldzug für den Eurofighter

Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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