Russlands Luftmanöver im Westen Machtdemonstration über den Wolken

Russische Militärmaschinen über der Ostsee? Obwohl sich solche Zwischenfälle häufen, bleiben Experten gelassen: Eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr sehen sie nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

REUTERS/ Norwegian NATO QRA Bodø

Von , , Jonas-Erik Schmidt und


Berlin/Brüssel/Moskau - Wer am Donnerstag die "Bild"-Zeitung las, wähnte sich mal wieder kurz vor Beginn des Dritten Weltkriegs: "Putin schickte Atombomber Richtung Europa!" war da zu lesen. Und der Überschrift vorangestellt: "Alarm-Meldung der Nato". So gut wie alle Nachrichtenseiten, auch SPIEGEL ONLINE, brachten die Nachricht, wenn auch weit weniger alarmistisch. Denn so dramatisch scheint die Lage nicht zu sein: Die Nato spricht von einer ungewöhnlich hohen Zahl von Militärmaschinen Moskaus außerhalb des russischen Luftraums - aber besonders alarmiert ist man darüber in der Brüsseler Zentrale offenbar nicht.

Zumal die Nato betont, die russischen Flugzeuge seien nicht in den Luftraum des Militärbündnisses eingedrungen. Auch Kanzlerin Angela Merkel reagierte am Donnerstag gelassen auf die Vorfälle. Sie sei "nicht besorgt, dass hier größere Verletzungen des Luftraums stattfinden", so die CDU-Politikerin. "Ich sehe in den letzten Monaten sowieso eine sehr starke Übungssituation der russischen Armee", sagte Merkel.

Dennoch stellen sich viele Fragen: Gibt es einen Zusammenhang mit den Entwicklungen in der Ukraine? Drohen Zusammenstöße von zivilen Flugzeugen mit den russischen Eindringlingen in unserem Luftraum? Und wird es eine Reaktion der Nato geben?

Hier die wichtigsten Fakten:

1. Was steckt hinter den Ausflügen der russischen Militärmaschinen?

Nach den aktuellen Vorfällen gibt es noch keine Reaktion aus dem russischen Verteidigungsministerium. Ein plausibler strategischer Grund für die Aktionen könnte der Wunsch Moskaus sein, die Reaktionsfähigkeiten der Nato-Flugabwehr zu testen.

Solche Manöver können auch eine große Symbolwirkung nach innen haben. Da sie in den russischen Medien bislang aber kaum thematisiert wurden, darf man annehmen, dass der Kreml nicht auf interne Propagandawirkung abzielt - im Gegensatz zu ähnlichen Fällen in der Vergangenheit.

Die Botschaft ist wohl an die europäischen Nato-Länder gerichtet. Sie soll daran erinnern, dass Russlands Engagement für sein Bomberprogramm ungebrochen ist - eine Machtdemonstration am Himmel. Im vergangenen Jahr war bekannt geworden, dass Russland den Flugzeughersteller Tupolew mit der Entwicklung eines neuen strategischen Bombers beauftragt hat, der ab 2025 die betagten Tu-95MC- und neueren Tu-160-Maschinen ersetzen soll.

Ob es einen Zusammenhang mit der Entwicklung in der Ukraine gibt, darüber kann nur spekuliert werden. Möglich wäre, dass man angesichts der für die russische Führung enttäuschend ausgegangenen Wahlen in der Ukraine ein demonstratives Zeichen der Stärke aussenden will.

2. Hat es ähnliche Fälle in der Vergangenheit gegeben?

Dass die Nato russische Flugzeuge über Europa entdeckt, ist nichts Neues. Muskelspiele am Himmel sind seit dem Kalten Krieg bekannt. Eines der jüngsten Beispiele ereignete sich Ende April, als russische Langstreckenbomber über der Nordsee gesichtet und von Nato-Kampfjets abgedrängt wurden. Die Russen sprachen danach von Trainingsflügen - die Nato glaubte hingegen an einen Test, um die Fähigkeiten des Militärbündnisses zu prüfen.

Doch nicht nur die Russen machten in der Vergangenheit von solchen Psychotricks Gebrauch. Im Kalten Krieg flogen US-Bomber Scheinangriffe bis kurz vor die sowjetische Grenze - um die Mängel der Frühwarnsysteme aufzuzeigen.

Für wie viel Aufregung auch nur der Verdacht sorgen kann, dass ausländisches Militär im eigenen Territorium unterwegs ist, zeigte sich zuletzt in Schweden. Tagelang fahndete das dortige Militär vor Stockholm nach einem mysteriösen Unterwasserfahrzeug. Medien hatten spekuliert, dass es sich um ein russisches U-Boot handeln könnte.

3. Sind solche Aktionen eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr?

Dass es zu Kollisionen mit zivilen Maschinen kommt, ist sehr unwahrscheinlich. Für die Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) ist es Routine: Auf ihren Radarschirmen tauchen weiße Punkte auf - allerdings ohne, dass auf dem Bildschirm das Kennzeichen eines Flugzeugs und dessen Flughöhe angezeigt werden. Über Nord- und Ostsee ahnen sie dann schon, dass es sich höchstwahrscheinlich um russische Aufklärungsmaschinen handelt. "Wir beobachten diese Aktivitäten regelmäßig", sagt Axel Raab, Sprecher der DFS. Ein standardisiertes Verfahren läuft dann an: Die DFS-Lotsen schalten sich mit den Militärlotsen der Nato-Länder zusammen. Zumeist haben die das unbekannte Ziel schon viel früher erkannt.

Dann schicken die Militärs Alarmrotten los. Die Kampfjets nähern sich den russischen Maschinen und schalten einen Transponder ein. Dieses Gerät sendet eine Flugkennung und Höheninformationen zu den Empfangsstationen des zivilen Radarsystems. "Das Signal taucht bei unseren Lotsen auf den Monitoren auf", sagt Raab, "wir wissen dann also genau die Position des russischen Flugzeugs." Eine Gefahr für den zivilen Luftverkehr besteht spätestens dann nicht mehr.

Befände sich ein Passagierjet auf Kollisionskurs mit dem russischen Bomber oder dem ihn begleitenden Nato-Jet, würden die Lotsen die Maschine umlenken. "Dazu ist es in den letzten Tagen allerdings nicht gekommen", so Raab. Doch auch bevor die Kampfjets der Nato das russische Flugzeug eskortieren, schätzt der DFS-Sprecher das Risiko eines Zusammenstoßes als gering ein. Schließlich beobachtet die russische Crew den Luftraum, durch den sie fliegt, selber genau auf dem Radar. "Niemand an Bord der russischen Flieger hat schließlich ein Interesse daran, mit einer westlichen Zivilmaschine zu kollidieren."

4. Wird es eine Reaktion der Nato geben?

Bei der Nato hält man sich bisher bedeckt. Generalsekretär Jens Stoltenberg kritisierte am Donnerstag die russischen Aktionen und sprach von einer Verletzung internationalen Rechts. Sie hätten zudem dem gegenseitigen Vertrauen geschadet und seien "eine Provokation für die euroatlantische Sicherheit", so Stoltenberg. Gleichzeitig betonte er die Wachsamkeit des Bündnisses. "Die Nato ist stark, sie bleibt wachsam", sagte er. Mögliche Reaktionen? "Diese Stärke ist unsere Antwort", so Stoltenberg.

Mit Material von dpa

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Bin_der_Neue 30.10.2014
1. Blaues Licht..
"Diese Stärke ist unsere Antwort" Diese Phrase könnte auch aus einem Rambo Film stammen. Ebenso markig wie inhaltslos.
hdudeck 30.10.2014
2. Strategisch macht das Sinn, was die Russen da treiben.
Die kennen die Situation der Luftwaffe ja auch. Da der Tornado in seinen Flugstunden eh schon eingeschraenkt ist, werden jetzt halt noch die letzten verbleibenden Minuten fuer solche Fluege "verschwendet". Der restliche Flugpark sieht ja auch nicht besser aus. Da wir auch noch eine der Patriot Stellungen grosszuegig an die Tuerken "verleihen", ist die oestliche Flanke der Nato bald offen wie ein Scheunentor. Die Kosten explodieren, die Bundeswehr braucht dann bald einen Nachtragshaushalt. Die Bevoelkerung wird das nicht moegen, die Zustimmung zu der Merkel Regierung schwindet. Die Russen koennen nur gewinnen.
eviljank 30.10.2014
3. Und was haben amerikanische Flugzeuge über dem Ochotskischen Meer verloren?
Wer möchte, darf gerne einen Atlas zu Hilfe nehmen...http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaer-russischer-kampfjet-soll-us-aufklaerer-bedraengt-haben-a-973245.html
jura12 30.10.2014
4. Test
Russland testet nicht nur die Reaktionsfähigkeit der Natostreitkräfte, sondern auch die Entschlossenheit der westlichen Politiker. Die zögerlichen Reaktionen auf den russischen Überfall auf der Krim und den anhaltenden Terror in der Ostukraine haben wohl in Moskau die Einschätzung hervorgerufen, dass der Westen schwach ist und sich nicht traut, Russland Paroli zu bieten. Die dritte Stufe der Sanktionen wirkt jetzt langsam und wird für Russland zu einem immer größeren Problem. Eine Aufhebung der Sanktionen ist nicht in Sicht, daher wird der Kreml langsam nervös. Nachdem die bisherigen russischen Versuche, den Westen zum Einknicken zu bewegen, nichts gefruchtet haben, ist jetzt Einschüchterung angesagt. Auf einen militärischen Konflikt mit der Nato wird es Russland nicht ankommen lassen, da kann Russland nur verlieren und sich selbst zerstören. Also provoziert Russland und hofft, dass der Westen mit Angst reagiert und nachgibt. Das aber wäre das Signal an Moskau, dass der Westen weitere militärische Eroberungen dulden wird. Dann ginge der Krieg in der Ukraine in eine weitere Phase und es stürben noch mehr Menschen.
eviljank 30.10.2014
5. Was haben dann amerikanische Militärflugzeuge über dem Ochotskischen Meer zu suchen?
Wer möchte, kann gerne mal einen Atlas zu Hilfe nehmen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/militaer-russischer-kampfjet-soll-us-aufklaerer-bedraengt-haben-a-973245.html
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