Kanadas Außenministerin Freeland "Trumps Vorwurf ist absurd"

"Wir haben uns umorientiert": Außenministerin Freeland erklärt Kanadas Politik seit Donald Trump - und warum die Deutschen ihren internationalen Einfluss unterschätzen.

Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland
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Kanadas Außenministerin Chrystia Freeland

Ein Interview von und


Das Klimaabkommen, der Streit über den Freihandel, der Atom-Deal mit Iran - seit Donald Trump US-Präsident ist, verändert sich die Weltpolitik dramatisch. Kanada ist seit jeher einer der engsten Verbündeten der Amerikaner. Im Interview mit dem SPIEGEL beschreibt Außenministerin Chrystia Freeland, wie sich der Wechsel im Weißen Haus auf die Politik Ottawas auswirkt:

SPIEGEL: Frau Freeland, Anfang der Woche hat Außenminister Heiko Maas Sie als enge Freundin bezeichnet. Schon bei Ihrem ersten Treffen hätten Sie seine und er Ihre Sätze beendet. Es wirkte wie Liebe auf den ersten Blick.

Freeland: Ich habe mich gefreut, dass Heiko das gesagt hat, denn es stimmt. Der Minister ist eine der führenden Stimmen weltweit, wenn er die Rückkehr zur Regel-basierten Ordnung einfordert, die derzeit massiv bedroht ist. Er hat auch sehr deutlich gesagt, dass die liberalen Demokratien weltweit massiv unter Feuer stehen. Und dass wir dagegen kämpfen müssen. Das alles teile ich.

Zur Person
    Chrystia Freeland, 50, ist seit Januar 2017 Außenministerin im Kabinett von Kanadas Premier Justin Trudeau. Die ehemalige Journalistin, die viel aus der Ukraine berichtete, gehört wie Trudeau der liberalen Partei an. Wegen ihrer Berichterstattung verbietet ihr Russland bis heute die Einreise. Am Montag eröffnete Freeland auf Einladung von Außenminister Heiko Maas die jährliche Botschafter-Konferenz im Auswärtigen Amt.

SPIEGEL: Es ist also die Gefahr, die Sie beide eint?

Freeland: Diese Gefahren stehen im Zentrum unserer Außenpolitik. Das sollte für jede Regierung gelten. Wir müssen in dieser Zeit alle zusammenstehen. Deutschland fühlen wir uns dabei sehr verbunden. Heiko spricht das offen aus und hat in dieser Debatte die Führungsrolle übernommen. Die Menschen in Deutschland unterschätzen vielleicht den Einfluss der deutschen Außenpolitik. Das geht uns Kanadiern genauso. Die Wahrheit ist aber, dass die Welt Deutschland sehr ernst nimmt.

SPIEGEL: Niemand kann etwas dagegen haben, liberale Demokratien zu stärken. Doch wie soll es weitergehen, wenn der mächtigste Partner im Klub, die USA, sich bereits verabschiedet hat?

Freeland: Diese Aussage kann ich so nicht teilen. Wir können und dürfen nicht sagen, dass die USA keine liberale Demokratie mehr sind. Kanada wird mit den Vereinigten Staaten immer sehr eng befreundet sein. Was uns verbindet, geht weit über den aktuellen Streit mit Präsident Donald Trump hinaus. Unsere Bürger sind im Alltag miteinander verbunden, und unsere Freunde in den USA treten für eine starke Demokratie ein.

SPIEGEL: Und doch ist da Trump.

Freeland: Es gibt viele Punkte, über die wir, ähnlich wie Deutschland auch, mit dem aktuellen Weißen Haus streiten. Wir lehnen einige von Trumps Entscheidungen ab, besonders seinen Abschied vom Pariser Klimaabkommen. Wir haben uns umorientiert, arbeiten nun enger mit den Europäern zusammen. Aber wir sagen den USA auch immer wieder, dass die Tür offen bleibt, wenn sie umkehren wollen.

SPIEGEL: Dieser Tage verhandeln Sie mit der US-Regierung über ein neues Freihandelsabkommen, das Kanada und Mexiko einschließt. Wie klappt das, wo Trump doch kürzlich sagte, Kanadas Stahlindustrie sei ein nationales Sicherheitsrisiko für die USA.

"Auf Kanadas Wort muss Verlass sein"

Freeland: Der Vorwurf, Kanada bedrohe die USA, ist absurd. Schließlich sind wir nach US-Gesetz Teil des amerikanischen Verteidigungskomplexes. Trotzdem fühlen wir uns ermutigt durch den Fortschritt, den Mexiko bei Gesprächen über ein neues Freihandelsabkommen erreicht hat und gehen optimistisch in die Gespräche, ob Kanada sich dem Deal anschließt.

SPIEGEL: Im Streit über die US-Aufkündigung des Iran-Deals und die Sanktionen gegen alle Firmen, die doch noch mit Teheran Geschäfte machen, hat Deutschland ein vom Dollar unabhängiges Zahlungssystem vorgeschlagen. Was halten Sie davon?

Freeland: Kanada steht dafür ein, dass internationale Abkommen gültig bleiben, auch wenn eine neue Regierung ins Amt kommt. Wir haben auch Verträge geerbt, die wir nicht mochten. Doch auf Kanadas Wort muss Verlass sein.

SPIEGEL: Trotzdem hat der Iran-Deal seine Wirkung verloren, seit die USA ihn aufgekündigt haben. Braucht die Welt also ein vom Dollar unabhängiges Zahlungssystem?

Freeland: Ich glaube, darüber muss man sehr genau nachdenken, aber die Idee hört sich vielversprechend an. Das Thema ist für die europäischen Unternehmen allerdings wichtiger als für die kanadischen.

SPIEGEL: In einem Tweet vor einigen Wochen haben Sie die Freilassung einer Schwester des saudi-arabischen Bloggers und Regimekritikers Raif Badawi gefordert. Haben Sie erwartet, dass Saudi-Arabien so hart zurückschlägt, den kanadischen Botschafter rauswirft und alle Verbindungen zu Kanada abbricht?

"Froh sein, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben"

Freeland: Kanada ist seit jeher ein Verteidiger der universellen Menschenrechte. Jeder auf dieser Welt hat unveräußerliche und fundamentale Rechte. Wir Kanadier können, wie Sie in Deutschland, froh sein, dass wir in einer offenen Gesellschaft leben. Deswegen dürfen wir nicht schweigen, wenn Menschen an anderen Orten diese Rechte genommen werden.

SPIEGEL: Wie lange können Sie dem diplomatischen und wirtschaftlichen Druck, der von Riad aufgebaut wird, noch widerstehen?

Freeland: Wir sind grundsätzlich für einen Austausch, aber dieser wird immer das Eintreten für die Menschenrechte einschließen. Oft wird uns gesagt, dass Kritik von außen unangemessen sei, dass wir uns um unsere eigenen Missstände kümmern sollen. Das stimmt. Zum Beispiel ist Kanada mit seinen Ureinwohnern unmenschlich umgegangen. Wir haben kein Problem damit, dafür von außen kritisiert zu werden. Wenn wir aber solche Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern sehen, werden wir auch nicht schweigen.

SPIEGEL: Wie besorgt sind Sie darüber, dass in Kanada Doug Ford, der sogenannte kanadische Trump, immer populärer wird?

Freeland: Doug Ford hat die Wahlen als Premier in meiner Provinz gewonnen. Ich habe ihn zweimal getroffen, da hat er unsere Bemühungen im Zollstreit mit den USA unterstützt. Natürlich bin ich eine Liberale, und Ford ist das nicht. Es gibt also viele Themen, bei denen wir weit auseinanderliegen. Eines ist der Klimawandel. Meine Regierung ist der Meinung, dass Umweltverschmutzung einen Preis haben muss. Genauso wichtig ist unser Glaube an eine Gesellschaft, die offen ist für Handel, aber auch für Einwanderer. Mir macht eine Politik Angst, die uns erzählt, dass vielfältige Gesellschaften nicht funktionieren und Menschen nur innerhalb ihrer eigenen Ethnie leben können.

SPIEGEL: In Kanada schwirren schon Gerüchte, Sie könnten Premierminister Trudeau irgendwann beerben.

Freeland: (lacht) Na ja, ehrlich gesagt bin ich älter als er, und er ist ein fantastischer Premier.

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bigroyaleddi 01.09.2018
1. Das ist doch mal eine Ansage
Kanada verbindet mit den USA viel mehr, als dieser Trump das wahrhaben will. Und in den Aussagen von Freeland klingt auch der Tenor durch, dass es ein politisches Leben ohne Trump gibt. Allerdings wohl keines ohne den Kontinent Amerika. Und wieder einmal können wir nur hoffen, dass dieser Trumpel von der Weltbühne verschwindet, bevor er die Staaten und den Rest der freien Welt endgültig runtergewirtschaftet hat.
Atheist_Crusader 01.09.2018
2.
"Der Vorwurf, Kanada bedrohe die USA, ist absurd. Schließlich sind wir nach US-Gesetz Teil des amerikanischen Verteidigungskomplexes." Trump hat nicht direkt Kanada als Bedrohung bezeichnet, sondern das Fehlen einer starken amerikanischen Stahlindustrie (wofür er zum Teil Kanada verantwortlich macht). Das hängt mit dem Autonomiegedanken der USA (speziell der Konservativen) zusammen und einem tiefgehenden Misstrauen gegenüber allen anderen: Man betrachtet sich als "greatest country" on earth, als Jemand der alles besser macht und kann und weiß als alle Anderen - und man will sich auf keinen Fall an irgendjemanden binden, um keinen Preis von irgendwelchen Ausländern vorschreiben lassen was man zu tun und zu lassen hätte. Deswegen hat man ja auch so ein Problem mit der UN und deswegen mag man die NATO (normalerweise): in der ersteren ist man nur einer von Vielen, zwar mit Sonderstatus aber eben nicht überwältigender Macht. In letzterer ist man der unangefochtene King, es zieht vielleicht nicht immer jeder überall mit, aber die NATO wird niemals gegen die Interessen der USA handeln. Wirtschaftlich ist das nicht anders, dazu muss man sich z.B. nur mal anschauen wie die US-Streitkräfte einkaufen: praktisch ausschließlich amerikanische Rüstungsgüter. Und die die man von woanders kauft werden in den USA produziert, entweder von lokalen Zweigstellen oder auf Lizenz. Deswegen war auch Niemand ernsthaft überrascht, als der Deal mit den Tankflugzeugen vor ein paar Jahren nicht an Airbus sondern an Boeing ging. Es anders zu handhaben hieße, sich von einem anderen Land abhängig zu machen, das dann einfach im Falle eines unliebsamen Krieges den Nachschub unterbrechen könnte (man erinnere sich an den glorreichen Irak-Feldzug in dem diese doofen Deutschen und Franzosen einfach nicht mitziehen wollten). Und das kann man nicht haben. Man muss jederzeit bereit sein mit jedem im Konflikt zu sein, notfalls gegen den ganzen Rest der Welt. Um das tun zu können muss die Rüstungsindustrie unabhängig sein - und das geht nicht ohne eine starke Stahlindustrie. Das meint Trump wenn er sagt "if you don't have steel, you don't have a country". Er hält Kanada nicht wirklich für eine Bedrohung und ihm ist vollkommen klar dass diese in einem Konflikt mit den USA niemals den Hauch einer Chance hätten. Darum geht es ihm auch nicht. Er will einfach nicht dass Jemand die gleiche Art von Erpressung auf die USA anwenden kann, die er selbst so gerne praktiziert. Die USA muss frei sein zu tun was immer sie für richtig hält - egal was der komplette Rest des Planeten davon hält.
conrath 01.09.2018
3. Eine Stimme der Vernunft.
Und ein starkes, klares Zeichen für eine Zusammenarbeit. Wenn es nur mehr davon gäbe. Die Zeitenwende die wir erleben kann nur mit Vernunft, Einsicht und Weltsicht bewältigt werden. Es gibt leider zuwenige davon in führenden Stellen. Umso mehr muss der Zusammenhalt der Vernünftigen unterstützt werden. Hier ist eine weitere Gelegenheit.
Beat Adler 01.09.2018
4. Durch Strafzoelle soll eine einheimische Stahlindustrie entstehen?
Zitat von Atheist_Crusader"Der Vorwurf, Kanada bedrohe die USA, ist absurd. Schließlich sind wir nach US-Gesetz Teil des amerikanischen Verteidigungskomplexes." Trump hat nicht direkt Kanada als Bedrohung bezeichnet, sondern das Fehlen einer starken amerikanischen Stahlindustrie (wofür er zum Teil Kanada verantwortlich macht). Das hängt mit dem Autonomiegedanken der USA (speziell der Konservativen) zusammen und einem tiefgehenden Misstrauen gegenüber allen anderen: Man betrachtet sich als "greatest country" on earth, als Jemand der alles besser macht und kann und weiß als alle Anderen - und man will sich auf keinen Fall an irgendjemanden binden, um keinen Preis von irgendwelchen Ausländern vorschreiben lassen was man zu tun und zu lassen hätte. Deswegen hat man ja auch so ein Problem mit der UN und deswegen mag man die NATO (normalerweise): in der ersteren ist man nur einer von Vielen, zwar mit Sonderstatus aber eben nicht überwältigender Macht. In letzterer ist man der unangefochtene King, es zieht vielleicht nicht immer jeder überall mit, aber die NATO wird niemals gegen die Interessen der USA handeln. Wirtschaftlich ist das nicht anders, dazu muss man sich z.B. nur mal anschauen wie die US-Streitkräfte einkaufen: praktisch ausschließlich amerikanische Rüstungsgüter. Und die die man von woanders kauft werden in den USA produziert, entweder von lokalen Zweigstellen oder auf Lizenz. Deswegen war auch Niemand ernsthaft überrascht, als der Deal mit den Tankflugzeugen vor ein paar Jahren nicht an Airbus sondern an Boeing ging. Es anders zu handhaben hieße, sich von einem anderen Land abhängig zu machen, das dann einfach im Falle eines unliebsamen Krieges den Nachschub unterbrechen könnte (man erinnere sich an den glorreichen Irak-Feldzug in dem diese doofen Deutschen und Franzosen einfach nicht mitziehen wollten). Und das kann man nicht haben. Man muss jederzeit bereit sein mit jedem im Konflikt zu sein, notfalls gegen den ganzen Rest der Welt. Um das tun zu können muss die Rüstungsindustrie unabhängig sein - und das geht nicht ohne eine starke Stahlindustrie. Das meint Trump wenn er sagt "if you don't have steel, you don't have a country". Er hält Kanada nicht wirklich für eine Bedrohung und ihm ist vollkommen klar dass diese in einem Konflikt mit den USA niemals den Hauch einer Chance hätten. Darum geht es ihm auch nicht. Er will einfach nicht dass Jemand die gleiche Art von Erpressung auf die USA anwenden kann, die er selbst so gerne praktiziert. Die USA muss frei sein zu tun was immer sie für richtig hält - egal was der komplette Rest des Planeten davon hält.
Durch Strafzoelle soll eine einheimische Stahlindustrie entstehen? Wirklich? Trumps Oligarchen investieren die noetigen Milliaerdchen dafuer? Wirklich? Ja, das ist nun wirklich wirklichkeitsfremd! mfG Beat
Leser1000 01.09.2018
5. Endlich...
....mal ein Interview das wieder Mut macht. Sympathisch die Dame. Weiter so Lady! Toll auch wie positiv sie trotz allem mit den USA umgeht. Auf der anderen Seite unverständlich das der US- Präsident einen so engen und freundlichen Verbündeten so vor den Kopf stösst.
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