Nach monatelanger Debatte Kanada legalisiert Cannabis

Schon im Wahlkampf hatte Justin Trudeau die Legalisierung von Cannabis in Kanada versprochen. Dann dauerte es doch länger als geplant - aber jetzt ist die letzte parlamentarische Hürde überwunden.

Jährliche 4/20-Versammlung im kanadischen Ottawa (April 2018)
REUTERS

Jährliche 4/20-Versammlung im kanadischen Ottawa (April 2018)


Als erstes führendes Industrieland der Welt hat Kanada den Anbau und Verkauf von Cannabis legalisiert. Der Senat des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Erde stimmte am Dienstagabend in letzter Lesung dem Gesetz zu. 52 Senatoren stimmten dafür, 29 dagegen. "Es war zu einfach für unsere Kinder, Marihuana zu bekommen - und für Kriminelle, die Profite davon einzusacken. Heute ändern wir das", schrieb Kanadas liberaler Premierminister Justin Trudeau beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Legalisierung von Cannabis war 2015 ein Wahlkampfversprechen von Trudeau gewesen, der eigentlich den 1. Juli als Stichtag anvisiert hatte. Der Senat hatte allerdings mehr Zeit für Beratungen gefordert. Nach der Verabschiedung müssen Trudeau und sein Kabinett nun ein neues offizielles Startdatum innerhalb der kommenden acht bis zwölf Wochen festlegen. Ab dann dürfen Volljährige straffrei kleinere Mengen von Cannabis für den Privatgebrauch besitzen und die auch konsumieren.

Die Hanfpflanze wird vor allem in Form von Haschisch - das gepresste Harz aus Pflanzenteilen - oder Marihuana - die getrockneten Blüten - konsumiert. Sein dauerhafter Konsum kann zu psychischer Abhängigkeit führen, zugleich wurde Cannabis aber auch schon früh gegen Krankheiten und Fieber eingesetzt.

Video: Politiker zu möglicher Legalisierung - "Cannabis macht blöd"

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2014 hatte Uruguay als weltweit erster Staat Anbau und Verkauf von Marihuana unter staatlicher Kontrolle erlaubt. Auch in mehreren US-Bundesstaaten ist Cannabis legal. In Ländern wie den Niederlanden werden Anbau und Verkauf teils geduldet, in anderen wie beispielsweise Malaysia jedoch hart bestraft.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu medizinischem Cannabis
Wer kann medizinisches Cannabis bekommen?
Bei schwerkranken Menschen, denen nicht anders geholfen werden kann, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Cannabisarzneimittel. Zuvor zahlten die Kassen nur in Einzelfällen die Therapie. Eine Ausnahmeerlaubnis, die vor der Gesetzesänderung rund Tausend Patienten besaßen, ist nicht mehr nötig.
Woher kommt das Cannabis
Ganz wichtig: Der Eigenanbau von Cannabis durch Patienten ist auch weiterhin verboten. Im vergangenen Jahr wurde eine beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angesiedelte Cannabisagentur gegründet. Sie steuert und kontrolliert den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken in Deutschland. Bis in Deutschland angebautes Cannabis zur Verfügung steht, wird die Versorgung über Importe gedeckt. Patienten bekommen den Medizinalhanf in der Apotheke, wenn sie ein Rezept vom Arzt haben.
Welche Wirkung hat die Droge?
Die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Ihnen wird unter anderem eine schmerzlindernde, entzündungshemmende, appetitanregende und krampflösende Wirkung zugeschrieben. Nicht immer ist der medizinische Nutzen eindeutig belegt. Es gibt viele positive Beobachtungen, allerdings noch zu wenige aussagekräftige Studien. Es wird deshalb weiter geforscht.
Bei welchen Krankheiten wird Cannabis eingesetzt?
Cannabis wird unter anderem zur Behandlung von chronischen Schmerzen, Nervenschmerzen, bei grünem Star (Glaukom) zur Reduzierung des Augeninnendrucks, bei ADHS und dem Tourettesyndrom eingesetzt. Verwendet werden Cannabisextrakte, Cannabisblüten oder einzelne Cannabinoide - das sind Mittel auf Cannabisbasis. Angewandt wird Cannabis auch gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten, bei Rheuma sowie bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose.

In Deutschland sind Besitz, Anbau und Handel von Cannabis verboten. Für "Gelegenheitskiffer" kennt das Gesetz die Untergrenze der "geringen Menge" zum Eigenverbrauch. Die Staatsanwaltschaft kann dann von einer Strafverfolgung absehen. Ausnahmen gibt es für Menschen, die Cannabis zur Schmerztherapie einnehmen dürften.

aar/dpa



insgesamt 16 Beiträge
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recluce 20.06.2018
1. Konsequent und letztendlich richtig
Kanada legalisiert jetzt Cannabis als Genuss-Droge, die medizinische Nutzung ist schon länger legal. Neben Erwerb und Besitz wird auch die Eigenproduktion in kleinem Umfang legal. Wie auch bei Alkohol (siehe Provinical Liquor Boards) wird es eine starke Regulierung und deutliche Besteuerung geben, die sich wiederum je nach Provinz unterscheiden dürfte. Die Akzeptanz von Cannabis in der kanadischen Bevölkerung ist ebenfalls hoch. Letztendlich waren wohl zwei Gründe für die Legalisierung entscheidend: 1. Cannabis ist nicht schädlicher als Alkohol und wohl weniger schädlich als Tabak - es gibt keinen guten Grund Alkohl und Tabak legal zu verkaufen und Cannabis zu kriminalisieren. 2. Austrocknen des illegalen Marktes, auch in der Hoffnung, die Verbreitung harter Drogen (vor allem Fentanyl) zu reduzieren.
n8f4ll 20.06.2018
2. Deutschland
In Deutschland ist es geduldet, dennoch wird man extrem schnell "hintenrum" mit Führerschein Entzug und MPU gegängelt. Wird endlich Zeit das daran etwas geändert wird. Gerne auch die Legalisierung, Kontrolle und Besteuerung durch den Staat. Lieber 50% Aufpreis (welche sinnvoll eingesetzt wird), als gestrecktes und ggf. gefährliches Zeug beim Dealer im Park /Bahnhof etc...
didi2212 20.06.2018
3. Geschwätz!
Herr Hoffmann von der CSU beweist im Video, dass das Risiko an Verblödung zu leiden, auch ohne Konsum von Cannabis keinesfalls ausgeschlossen ist.
CliC 20.06.2018
4. Richtig!
Legalisierung bedeutet Jugendschutz, Konsumentenschutz und Kontrolle - neben der Entlastung von Polizei und Gerichten - . Auf jedem Schulhof kann man hier in Deutschland Cannabis in unterschiedl. Qualität und Wirkstoffgehalt bekommen. Etwa so, als wenn man in eine Kneipe geht und sagt: " Ich hätte gern Alkohol!!" weiß aber nicht ob man 54%igen Rum oder 5%iges Bier bekommt. Wollen Jugendliche Alkohol kaufen, müssen sie was? Genau! Einen Ausweis vorzeigen. Während der Erwerb von illegalen Drogen problemlos möglich ist, hat der Gesetzgeber beim Alkohol eine Sperre drin.Neben der Darstellung des Promillegehaltes auf jeder Flasche. Jetzt muss das Team unserer Frau Mortler eine Antwort formulieren, sie selber wird es NICHT hinbekommen.
ewert 20.06.2018
5. Trudeau hat die richtige Richtung eingeschlagen, denn
jeder, der nach 1933 noch irgendeine Form von Prohibition gutheißt, ist schlicht faktenresistent, jeder, der sie um- oder durchsetzt gehört eigentlich in den Bau. Dass es überhaupt nach 1933 noch einmal irgendeine Form der Prohibition geben konnte ist das größte und offensichtlichste Versagen der Demokratie. Völlig unabhängig von der Gefährlichkeit einer beliebigen Substanz ist die Kriminalisierung nichts anderes als ein Abgeben von Kontrolle, was, wie man an der Alkoholprohibition, dem größten Feldversuch seiner Art, deutlich sehen konnte und kann, gnadenlos gescheitert ist. Wer Prohibition fördert, tut nichts anderes, als Jugendschutz zu unterdrücken, kriminelle Organisationen und Terrorismus zu unterstützen und erschwert denjenigen, die tatsächlich abhängig und hilfebedürftig sind den Zugang zu professioneller Hilfe. Förderung krimineller und terroristischer Vereinigungen ist ein Verbrechen. Und genau aus diesem Grund ist die Förderung von Prohibition strafwürdig. Es ist nicht nur an der Zeit, die Prohibition aufzuheben - diese muss verboten werden, aus dem einfachen Grund, dass Prohibition jedwede potentielle Gefährdung durch Suchtstoffe ansich verstärkt und noch eine ganze Plethora an anderen Problemen mit sich bringt. Danke an Mäßigkeit, Die Zeit. Ja, und wie in Uruguay, 8 US-Bundesstaaten, darunter die gesamte Westküste von Kalifornien bis Alaska, zu sehen, diese Staaten gehen nicht, wie befürchtet, im blauen Dunst unter, nein, Jugendschutz ist dort, wie Zahlen aus Colorado belegen, überhaupt erst möglich und wirksam.
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